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No. 10.

1866.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Goldelse.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


Oben in der Halle angekommen, legte Elisabeth Bertha’s Hut, der noch an ihrem Arme hing, auf das Büffet. Sie wollte den Eltern vorläufig noch nichts von der Begegnung sagen, weil sie mit Recht annahm, daß sie sich beunruhigen und es dem Onkel erzählen würden. Der war aber gerade in den letzten Wochen wieder sehr bitter und heftig geworden, wenn er auf diesen Punkt zu reden kam, so daß Elisabeth die Ueberzeugung hatte, er werde nach einer solchen Mittheilung zum Aeußersten schreiten und die Störerin seines Hausfriedens verstoßen. Ernst hatte weder den Hut an Elisabeth’s Arm, noch ihr Bemühen, denselben zu verstecken, bemerkt, er konnte also nichts verrathen.

Nach dem Abendbrod ging Elisabeth hinunter in’s Forsthaus. Sie traf Sabine im Garten und hörte befriedigt, daß der Onkel nach Lindhof gewandert sei. Indem sie der alten Haushälterin den Hut übergab, theilte sie ihr das auffallende Gebahren Bertha’s mit und fragte schließlich, ob dieselbe nach Hause gekommen sei. Sabine war außer sich.

„Na, das können Sie mir glauben, Kindchen,“ sagte sie, „waren Sie allein, die hätte Ihnen die Augen ausgekratzt .… Ich weiß nicht, was noch daraus werden soll, vorzüglich in den letzten Tagen ist es sehr schlimm geworden … Sie schläft keine Nacht mehr, rennt auf und ab und spricht auch wieder, aber nur mit sich selbst … Wenn ich’s nur über mich gewinnen könnte, einmal geradezu die Thür aufzumachen, wenn der Spectakel so groß ist; aber ich kann’s nicht, und wenn Sie mir Berge von Gold hinlegen wollten … Sie lachen mich aus, ich weiß es; aber – nur der ist’s nicht richtig! Sehen Sie ihr nur einmal in die Augen, das funkelt und blitzt, als wenn sie das ganze Feuer vom Blocksberg drin hätte … Na, ich bin still, ich sage nichts, der Herr Oberförster hat einen gesunden Schlaf und die Anderen auch; aber ich bin da, wenn sich ein Mäuschen rührt, und so weiß ich recht gut, daß die Bertha gar oft des Nachts draußen herumflankirt, und allemal ist auch der Hofhund aus seiner Hütte verschwunden. Das ist noch der Einzige im Hause, der sie lieb hat, und so bös er ist – ihr thut er nichts.“

„Weiß das mein Onkel?“ fragte Elisabeth erstaunt.

„Ei, beileibe nicht! … Ich werde mich hüten, etwas zu sagen, das könnte mir schlecht bekommen.“

„Aber, Sabine, bedenken Sie denn nicht, daß Sie mit Ihrem Schweigen dem Onkel großen Schaden zufügen können? Das Haus liegt so allein; wenn kein Hund im Hofe ist –“

„So stehe ich droben am Fenster und wache, bis die endlich wieder über den Berg kommt und das Thier an die Kette legt.“

„Das sind ja übermenschliche Opfer, die Sie Ihrem Aberglauben bringen! … Man sollte doch lieber der Bertha –“

„Still, nicht so laut, dort sitzt sie!“ Sabine deutete durch das Staket auf den Birnbaum im Hofe. Elisabeth ging leise näher. Unter dem Baum, auf der Steinbank, saß Bertha, scheinbar ruhig, und schnitt Bohnen. Die glühende Röthe der Erregung auf Stirn und Wangen war einer fahlen Blässe gewichen. Elisabeth sah jetzt, daß das junge Mädchen in der letzten Zeit bedeutend magerer geworden war. Die schmale Nase trat schärfer aus dem Gesicht und die Wangen hatten die liebliche Rundung verloren. Dunkle Ringe lagerten um die Augen, und zwischen den Brauen gruben sich zwei Falten tief in die feine Haut, die dem Gesicht etwas finster Brütendes, aber auch im Verein mit gewissen Zügen um die Lippen einen unsäglich schmerzlichen Ausdruck gaben … Dieser Anblick schnitt tief in Elisabeth’s Seele. Auf den Schultern jener Einsamen lastete das Elend und mußte sie um so tiefer beugen, weil sie es schweigend trug … Elisabeth vergaß alle Feindseligkeit, die ihr Bertha bisher gezeigt hatte, und ging rasch einige Schritte näher, um jenes schmerzensmüde Haupt an ihre Brust zu lehnen und zu sagen: „Hier ruhe dich aus! Schütte all’ deinen Jammer, mit dem du so allein kämpfst und ringst, in mein Herz, ich will ihn redlich mit dir tragen,“ allein Sabine klammerte sich fest an ihren Arm.

„Sie werden doch nicht hingehen!“ flüsterte sie heftig. „Das leide ich nicht, sie ist im Stande und stößt mit dem Messer nach Ihnen.“

„Aber sie ist grenzenlos unglücklich. Es gelingt mir vielleicht doch, sie zu überzeugen, daß mich nur das innigste Mitgefühl zu ihr führt.“

„Nein, nein! … Nun, Sie sollen gleich sehen, wie weit man mit ihr kommt.“

Sabine schritt die Stufen hinab in den Hof. Bertha ließ sie herankommen, ohne die Augen aufzuschlagen.

„Fräulein Elisabeth hat ihn gefunden,“ sagte Sabine, Bertha den Hut hinhaltend; dann legte sie ihre Hand auf die Schulter des jungen Mädchens und fuhr freundlich fort: „Sie möchte Ihnen gern einige Worte sagen.“

Bertha fuhr auf, als sei ihr eine tödtliche Beleidigung widerfahren. Sie schüttelte wild die Hand von sich, und ihr Auge richtete sich zornig sofort auf die Stelle, wo sich Elisabeth befand, ein Beweis, daß sie die Anwesenheit des jungen Mädchens längst bemerkt hatte. Sie warf das Messer auf den Tisch, stieß mit einer ihrer heftigen Bewegungen den Korb zu ihren Füßen um,

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verschiedene: Die Gartenlaube (1866). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1866, Seite 145. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1866)_145.jpg&oldid=3278100 (Version vom 31.7.2018)