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gesteckt, als sie dafür danken konnte. Hunger! Dann kehren sie auf ihre Sitze an den Wänden zurück. Nach dem Mahle kommt die kurze Predigt, dann das hundertstimmige Amen und endlich der ersehnte, der erflehte, der heilige Schlaf.

Und in all’ den Sälen wird es ganz still, die Schuldbeladenen schlafen neben den Unschuldigen, der Verbrecher neben dem menschlichen Wesen, das noch nicht untergehen will! Wer bucht die Träume?

Warm ist es in diesen wohlgelüfteten Räumen, die durch eiserne Röhren geheizt werden, welche als hohle Pfeiler die Decke stützen und durch welche die warmen Dämpfe passiren, zu diesem Behufe in einem Dampfkessel erzeugt, der zur gleichzeitigen Heizung der Küchenräume dient. Je näher eine Lagerstätte diesen wärmenden Säulen, je gesuchter von den Obdachlosen, wie ein Luxus sonder Gleichen.

Am Morgen, nach dem Gebet, wiederholt sich die Scene der Speiseaustheilung und dann werden sie entlassen, hinaus in die Welt, in den abenteuerlichen, den feindlichen Tag, dieser und jene mitunter mit Arbeitsbillets versehen, oder mit Suppenmarken, oder anderen Extravortheilen, die Menschenfreundlichkeit beschafft und für welche Begünstigung der die Gesichter lesende Inspector oder Hausvater die ihm am würdigsten Scheinenden aussucht, so weit die Mittel reichen.

So bringt eine Viertel-Million Menschen alljährlich die Nächte zu in der Weltstadt London.




Goldelse.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


Als Elisabeth in die Thür des Forsthauses trat, kam ihr Sabine mit angstbleichem Gesicht entgegen. Sie deutete stumm auf die Wohnstube. Der Onkel sprach drinnen laut und heftig, und man hörte deutlich, wie er dabei mit starken Schritten auf und ab ging.

„Ach, ach,“ flüsterte Sabine, „da drin geht’s schlimm her! … Die Bertha ist dem Herrn Oberförster in den letzten Wochen immer geschickt aus dem Wege gegangen; vorhin aber hat sie hier in der Hausflur gestanden und hat nicht gemerkt, daß er durch die Hofthür hereingekommen ist; das war ihm gerade recht. Er hat nicht lange Federlesens gemacht, hat sie von hinterrücks bei der Hand genommen und in die Stube gezogen. Sie sah aus wie eine geweißte Wand vor Schrecken, aber all’ ihr Sperren und Zerren hat nichts genutzt, sie hat mit gemußt… Herr meines Lebens, bei dem Herrn Oberförster möchte ich auch nicht zur Beichte gehen…“

Ein lautes Aufschluchzen, das fast wie ein erstickter Schrei klang, unterbrach Sabinens Geflüster.

„So recht!“ hörten sie jetzt den Oberförster mit bedeutend milderer Stimme sagen, „das ist doch wenigstens ein Zeichen, daß Du nicht gänzlich verhärtet und verdorben bist… Und nun sprich auch. Denke, daß ich hier an Stelle Deiner braven Eltern stehe. … Hast Du einen Kummer, so schütte ihn aus; ist er ohne Dein Verschulden über Dich gekommen, so kannst Du sicher sein, daß ich ihn redlich mit Dir tragen werde.“

Es erfolgte abermals ein leises Weinen.

„Du kannst nicht sprechen?“ frug der Oberförster nach einer kleinen Pause; „das heißt, ich weiß ganz genau, daß Dich kein körperliches Leiden verhindert, Deine Zunge zu gebrauchen, denn Du sprichst ja, wenn Du Dich unbeobachtet glaubst, mit Dir selbst; es ist also ein moralischer Zwang, dem Du Dich unterwirfst, wohl gar ein Gelübde?“

Jedenfalls mußte ein stummes Kopfnicken seine Vermuthung bestätigt haben, denn er fuhr heftiger fort: „Hirnverbrannte Idee! … Glaubst Du, dem lieben Gott eine Freude zu machen, wenn Du ihm seine herrliche Gabe, die Sprache, vor die Füße wirfst? … Und willst Du Deine ganze Lebenszeit hindurch schweigen? … Also nicht? Du wirst einmal wieder sprechen, auch wenn sich das nicht erfüllt, was Du durch Dein Gelöbniß zu erreichen suchst? … Nun gut; ich kann Dich nicht zwingen, zu reden, trage demnach allein, was Dich bedrückt und was Dich unglücklich macht; denn daß Du das bist, das steht leserlich genug auf Deinem Gesicht geschrieben… Aber das sage ich Dir, an mir hast Du einen unerbittlichen Richter, wenn es einmal klar werden sollte, daß Du etwas gethan hast, was das Licht scheuen und sich hüten muß, vor den Ohren rechtlicher Menschen laut zu werden; denn Du hast in Deinem grenzenlosen Hochmuth von vornherein jeden ehrlich gemeinten Rath, jede gute Lehre von Dir gewiesen und es mir unmöglich gemacht, Dir so zur Seite zu stehen, wie ich es als Vertreter Deiner Eltern gewünscht und gesollt hätte. … Ich will es noch einige Zeit mit Dir versuchen, aber sobald ich nur ein einziges Mal merke, daß Du Dich bei Nacht und Nebel aus dem Hause entfernst, dann kannst Du Dein Bündel schnüren… Noch Eines, morgen werde ich den Doctor hierher kommen lassen, er soll mir sagen, was Dir fehlt, denn Du bist in den letzten Wochen geradezu unkenntlich geworden. … Jetzt geh’!“

Die Thüre öffnete sich, und Bertha taumelte heraus. Sie bemerkte Elisabeth und Sabine nicht, und als sie die Thür hinter sich in’s Schloß fallen hörte, da streckte sie plötzlich in sprachloser Verzweiflung die gerungenen Hände gen Himmel und stürzte, wie von Furien gejagt, die Treppe hinauf.

„Die hat etwas auf dem Gewissen, es mag nun sein, was es will,“ sagte Sabine kopfschüttelnd. Elisabeth aber ging hinein zum Onkel. Er lehnte am Fenster und trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben, was er gewöhnlich that, wenn er aufgeregt war. Er sah sehr finster aus, allein es flog sogleich ein heller Schein über sein Gesicht, als Elisabeth eintrat.

„Gut, daß Du kömmst, Goldelse!“ rief er ihr entgegen. „Ich muß ein klares, reines Menschengesicht sehen, das thut mir noth… Die schwarzen Augen von der, die da eben hinausgegangen ist, sind mir ganz fürchterlich… Na, nun habe ich doch mein Hauskreuz wieder aufgenommen, um es ein Stück weiter zu schleppen… Kann nun einmal solch’ ein Wesen nicht weinen sehen, und wenn ich zehn Mal weiß, daß ich mit dieser Zerknirschung über den Löffel barbirt werden soll.“

Elisabeth war herzlich froh, daß das gefürchtete Zusammentreffen zwischen dem Onkel und Bertha so glimpflich abgelaufen war. Sie beeilte sich, seine Gedanken völlig abzuziehen von der Unglücklichen, indem sie ihm von der heutigen Festlichkeit und, wenn auch in etwas hastiger und flüchtiger Weise, von der schnellen Abreise des Herrn von Walde erzählte. Auch Linke’s schauerliches Ende theilte sie ihm mit, eine Nachricht, die ihn nicht sehr überraschte, denn er hatte diesen Ausgang vermuthet.

Er begleitete das junge Mädchen bis an die obere Gartenthür.

„Sei hübsch vorsichtig und läute nicht zu stark am Mauerpförtchen,“ mahnte er beim Abschied, „Deine Mutter hat heute Nachmittag einen Anfall ihrer Migraine bekommen, sie liegt zu Bett … ich war vorhin noch einmal droben.“

Erschrocken lief Elisabeth den Berg hinauf. Sie brauchte nicht zu läuten; Miß Mertens kam ihr, in Begleitung des kleinen Ernst, auf der Waldblöße entgegen und beruhigte sie sofort. Der Anfall war vorüber, die Mutter lag in einem erquickenden Schlummer, als das junge Mädchen leise an das Bett trat.

Es dämmerte bereits stark, und die tiefste Stille herrschte in der traulichen Wohnung; die Schlaguhren waren in ihrem Gang gehemmt worden, an den geschlossenen Fenstern verhallte das leise Geflüster der Blätter draußen, nicht einmal das Summen einer naseweisen Fliege wurde hörbar, denn der Vater hatte Alles, was die Ruhe der Kranken stören konnte, unerbittlich entfernt.

Hätte die Mutter jetzt auf ihrem Lehnstuhl in der einen Fensternische der Wohnstube gesessen, zwischen dem schützenden Vorhang und der grünen Buschwand vor dem Fenster, auf die der dunkelnde Abendhimmel schweigend niedersah, dann wäre heute die traute Fensterecke zum Beichtstuhl geworden; Elisabeth hätte, knieend auf dem Fußkissen, den Kopf auf die Kniee der Mutter gelegt, ihr übervolles Herz dem mütterlichen Auge erschlossen… Nun zog sich das süße Geheimniß wieder in den innersten Schrein ihrer Seele zurück; wer weiß, ob sie je wieder den Muth fand, das

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verschiedene: Die Gartenlaube (1866). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1866, Seite 221. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1866)_221.jpg&oldid=3278175 (Version vom 31.7.2018)