Seite:Die Gartenlaube (1866) 223.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1866)

„Potztausend, was steht denn da?“ rief der Oberförster, vor Ueberraschung kaum der Worte mächtig. „Jost von Gnadewitz, das ist ja der Held in Sabinens Geschichte von der Urahne!“

Ferber trat näher und hob behutsam den Deckel in die Höhe. Da lagen auf dunklem Sammetpolster Schmuckgegenstände von alterthümlicher Fassung, Armbänder, Nadeln, eine Schnur gehenkelter Goldstücke und mehrere Reihen echter Perlen.

„Das Papier war herabgefallen; Reinhard hob es auf und erbot sich, den Inhalt vorzulesen; er war, selbst für die damalige Zeit – vor ungefähr zwei Jahrhunderten – sehr unorthographisch und ungelenk geschrieben – der Verfasser hatte sicher das Schießgewehr besser zu führen verstanden, als die Feder – trotzdem wehte ein poetischer Hauch durch die Zeilen. Sie lauteten:

„Wer Du auch seiest, der diesen Raum betritt, bei Allem, was Dir heilig, bei Allem, was Du liebst und was je Dein Herz gerührt, störe ihre Ruhe nicht! … Sie liegt da, schlummernd wie ein Kind. Das süße Antlitz unter den dunklen Locken, es lächelt wieder, seit der Tod es berührt… Noch einmal, wer Du auch seiest, ob hochgeboren oder ein Bettler, ob Du ein Anrecht an die Todte hast oder nicht, lasse mein Auge das letzte sein, das auf ihr geruht!

Ich konnte sie nicht unter die schwere, dunkle Erde legen – hier spielen goldene Lichter um sie her, und draußen auf dem Baum läßt sich der Vogel nieder; auf seinen Flügeln ruht noch der Waldodem, und aus seiner Kehle strömen die Lieder, die ihre Wiegenlieder waren … Es sanken auch goldene Lichter in das Walddickicht herab, und die Vögel sangen droben auf den Zweigen, als das schlanke Reh das Gebüsch theilte und erschreckt die scheuen Augen auf den jungen Jäger richtete, der unter dem Busch ruhte. Da fuhr es jäh und heiß durch sein Herz, er warf das Geschoß weit von sich und folgte rastlos der Mädchengestalt, die vor ihm floh. Sie, das Kind des Waldes, eine Tochter jener Horden, die ein Fluch über die Erde treibt, die nirgends heimischen Boden unter den irrenden Füßen, nicht eine Scholle vaterländischer Erde haben, auf die sie das sterbende Haupt legen können, sie hatte das Herz des wilden, stolzen Junkers bezwungen … Um ihre Liebe bettelnd, streifte er Tag und Nacht um das Lager ihres Stammes, folgte ihren Schritten wie ein Hund und umschloß rasend vor Leidenschaft ihre Kniee, bis sie gerührt einwilligte, die Ihren zu verlassen und ihm heimlich zu folgen … Er trug sie in der Stille der Nacht hinauf auf sein Schloß – wehe – und wurde ihr Mörder! … Er achtete nicht ihr Flehen, als sie plötzlich die unbezwingliche Sehnsucht nach der Waldfreiheit erfaßte; wie der gefangene Vogel umherflattert und angstvoll sein zartes Köpfchen gegen die Stäbe des Käfigs stößt, so irrte sie verzweiflungsvoll zwischen den Mauern, die einst ihre berauschende Stimme, ihr wunderbares Saitenspiel gehört hatten und nun von ihren schmerzlichen Klagen und Seufzern wiederhallten. Er sah ihre Wangen bleich werden, sah, wie ihr Auge in Haß sich von ihm abwandte, sein Herz erlitt tausendfach den Tod, wenn sie ihn von sich stieß und vor seiner Berührung schauderte; er gerieth in Verzweiflung, aber er schob doppelte Riegel vor und bewachte in Todesangst die fest verschlossenen Thüren, denn er wußte, sie war für ihn verloren, wenn einmal ihr flüchtiger Fuß den Waldboden wieder berührte. … Da kam endlich eine Zeit, da wurde sie ruhiger; zwar glitt sie an ihm vorüber, als sei er ein Schatten, ein Nichts; sie hob keine Wimper, wenn er in ihre Nähe trat und bittend und schmeichelnd sie anredete; seit Tagen hatte sie kein Wort zu ihm gesprochen, und auch jetzt kam kein Laut über ihre Lippen, aber sie rüttelte nicht mehr wild an den Fenstern, die zarte Brust wund schlagend und in gellenden Tönen nach denen rufend, die draußen in goldener Freiheit durch den Wald zogen; sie jagte nicht mehr wie gehetzt durch Zimmer und Säle oder hinauf auf die Mauer, um den schönen Leib im trüben Grabenwasser zu betten. Unter der Eiche, neben dem Erker, saß sie geduldig mit dem lilienweißen Gesicht und sah still vor sich hin: sie wußte, daß sie Mutter werden sollte. Und wenn die Nacht hereinbrach, nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinauf; sie litt es, aber sie wandte das Gesicht von ihm, daß sein Athem sie nicht berühre und kein Strahl seines heißen Auges auf sie falle.

Da klopfte eines Tages der Pfarrer von Lindhof an das Schloßthor. Das Volk fabelte, sein Beichtkind, der Jost, halte Verkehr mit dem Teufel, und da kam er, um die arme Seele zu retten. Er fand Einlaß und sah das Wesen, um dessen willen der wilde Jäger das lustige Leben im Walde und den Himmel vergessen hatte. Ihre Schönheit und Reinheit rührten ihn; er sprach zu ihr mit milder Stimme, und ihr in Schmerz erstarrtes Herz öffnete sich seinem Zuspruch. Um ihres Kindes willen ließ sie sich taufen und ließ es geschehen, daß jenes unselige Bündniß durch Priesterwort geheiligt wurde… Als ihre schwere Stunde vorüber war, da legte sie mühsam ihre Lippen auf die Stirn des Kindes, und mit diesem Kuß entfloh ihre Seele; sie war frei, frei, noch auf der entseelten Hülle strahlt der Abglanz dieses Triumphes! … Der Unselige sah ihre Wunderaugen brechen; er wand sich in den Schmerzen der Reue und Verzweiflung zu ihren Füßen und flehte vergebens um einen einzigen, letzten Liebesstrahl.

Der Knabe wurde getauft auf den Namen seines Vaters – auf meinen Namen… Ich sah schaudernd in seine Augen – er hat die meinen – er und ich haben sie gemordet… Mein alter Diener Simon hat den Kleinen fortgetragen; ich kann nicht für ihn leben. Simon sagt – der Pfarrer auch – es werde sich kein Weib entschließen, meinem Kind die Brust zu reichen, weil ich in den Augen des Volkes ein Verlorner, ein der Hölle Verfallener sei… Das Weib meines Forstwart Ferber nährt den Kleinen jetzt, ohne zu wissen, von wem er stammt –“

Der Vorleser hielt inne; und sah erstaunt über das Papier hinweg. Der Oberförster, der bis dahin, aufmerksam zuhörend, ihm gegenüber an der Wand gelehnt hatte, stand mittelst einer heftigen Bewegung plötzlich an seiner Seite und faßte krampfhaft seinen Arm. Sein braunes Gesicht war bleich geworden, als ob eine mächtige innere Erschütterung momentan seine Pulse stocken mache. Auch Ferber war mit allen Zeichen höchster Ueberraschung näher gekommen.

„Weiter, weiter!“ rief endlich der Oberförster mit fast erstickter Stimme.

„Simon hat ihn auf die Schwelle des Forsthauses gelegt, las Reinhard, „er hat heute gesehen, daß ihn die Ferberin herzt und pflegt, wie ihr eigenes Mägdlein… Nach den Gesetzen meines Hauses hat er keine Ansprüche an das Erbe Derer von Gnadewitz, aber mein mütterliches Erbtheil wird ihn vor dem Mangel schützen. Auf dem Rathhause zu L. liegen meine Verfügungen, die ihn als meinen Sohn und Erben bestätigen. Mag er als Hans von Gnadewitz ein neues Geschlecht begründen; der Allmächtige möge mitleidige Herzen lenken, daß sie seine Jugend beschützen! ich kann es nicht …

Alles, was jene liebliche Hülle in glücklichen Tagen geschmückt hat, es soll sie auch im Tode umgeben, soll mit ihr vermodern. Auf die Kleinodien hat ihr Kind Anspruch, aber Alles in mir empört sich, wenn ich denke, daß das, was auf ihrer glänzenden Stirn, ihrem reinen Nacken geruht hat, vielleicht durch treulose Hände auseinander gerissen und entweiht wird; eher soll es hier erblinden und verderben.

Noch einmal wende ich mich an Dich, den vielleicht der Zufall erst nach Jahrhunderten in dies Heiligthum führt: ehre die Todte und bete für mich!

Jost von Gnadewitz.“

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.


Der Einsiedler von Guernsey. Victor Hugo’s neuester Roman, „Die Meeresarbeiter“ (Les Travailleurs de la mer), dessen erste Bände vor wenigen Wochen erschienen sind, ist das Tagesereigniß von Paris und hat die öffentliche Aufmerksamkeit wieder in höherem Maße auf den „Einsiedler von Guernsey“ – dies ist die gegenwärtig beliebte Bezeichnung für den Dichter – gerichtet. Es dürfte dem Leser daher wohl nicht unwillkommen sein, einen Blick in das Heiligthum zu werfen, in welchem der berühmte Schriftsteller den Musen huldigt und seine geistigen Schätze zu Tage fördert. Das Arbeitszimmer Victor Hugo’s liegt wie ein Nest, hoch oben auf den steilen Gestaden von Guernsey, einer der sogenannten Normannischen Inseln, die zu England gehören, und hat die freie Aussicht auf das Meer mit seinem fernen, endlosen Horizonte. Guernsey selbst und „Hauteville-House“, die Wohnung des gefeierten Mannes, sind schon öfter beschrieben worden, interessant ist es aber, den Dichter selbst einmal in seiner schweigsamen

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1866). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1866, Seite 223. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1866)_223.jpg&oldid=3278177 (Version vom 31.7.2018)