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Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1866)

wir dachten der alten Zeiten und der alten Schweiz, jenes „Berliner Rütli“, der Geburtsstätte des „Kladderadatsch“, und aller Wildheiten einer emancipirten Jugend. Auch vom Theater sprachen wir und von der Abneigung des Berliner Publicums gegen Trauerspiele und von dem lyrischen Talent, ohne das sich kein echter Dichter, auch kein dramatischer denken lasse, und von der deutschen Bühne, die jetzt so ganz dem „Hexentanzplatz“ gleiche, der im Mondschein von den Granitbergen des Bodethals herüberblickte.




Blätter und Blüthen.
Erinnerungen vom Kriegsschauplatze.


Correspondenten-Langeweile. Mit dem Glockenschlage Zwölf des 24. Juli war unter dem Donner der Geschütze die Waffenruhe eingetreten, welche für die preußischen Vorposten den Rußbach als Grenze festsetzte, der sich um das Marchfeld herum zur Donau hinabwindet. Gerade bei Deutsch-Wagram, wo er 1809 den Mittelpunkt der blutigen, im Angesicht von Wien geschlagenen Schlacht bildete, war es von Interesse, dem historischen Bache unter jetzigen Umständen einen Besuch abzustatten. Häslein, Kaninchen, Frettchen und große Völker Rebhühner beherrschten weithin das einsam liegende Feld, hüpften dreist uns über den Weg, machten Männchen und guckten aus zahllosen Erdlöchern unverwandt uns an, als wollten sie sagen, hier sei neutraler Boden, auf dem der Mensch jetzt nichts zu sagen habe – für den Jäger, denke ich mir, müßte diese Stelle ein Eldorado gewesen sein; sonst erschienen Wald und Flur öde, das aufgemandelte Korn wartete vergeblich darauf, eingefahren zu werden, denn die Menschen waren verschwunden. Einsam lagen die stattlichen Gutshöfe an der Straße da, kein belebender Zug rollte auf dem stillen Eisenbahndamm entlang, man mußte wieder und immer wieder zum Stephansdom hinüberblicken, um sich zu überzeugen, man befinde sich dicht vor der Hauptstadt des Kaiserreiches.

In Deutsch-Wagram selbst vermochte die Anwesenheit zahlreichen Militärs den Eindruck der Oede nicht zu tilgen, welchen die verlassenen Häuser des Ortes machten; kein Vieh blökte aus den offenen Ställen und nur ein dreirädriger Wagen lag melancholisch halb umgestürzt auf dem Düngerhaufen eines Gehöftes. Aus dem Fenster des Wirthshauses, welches rechts an der Straße stand und in dem es lebhaft herging, lugte eine gelangweilte militärische Gestalt in braungrauer Joppe heraus, der unsere Ankunft eine willkommene Abwechselung war, da sie Gelegenheit zu einem Gespräche bot.

„Was machen Sie hier?“

„Wir sind Correspondenten, ich für diese, jener Herr für die und die Zeitung.“

„Na, was schreiben Sie da?“

„Daß es hier ebenso langweilig aussieht, wie anderswo.“

Auf diese etwas kurze Antwort erfolgte eine Entpuppung des Fragers in Hauptmann und Batteriechef von der xten Batterie des xten Regiments. Kamen Entschuldigungen ob der besagten Antwort, welche beinah gelautet hätten, daß man an der Frage nicht merken konnte, ob der Frager ein Hauptmann sei.

„Wissen Sie, schreiben Sie doch, daß hier die und die Batterie liegt; meine Frau liest Ihre Zeitung.“

Natürlich folgte Versicherung prompter Ausführung des wichtigen Auftrages, wobei man im Stillen dachte, noch einige solche müßten den Brief recht interessant machen. Drin gab’s etwas zu essen, also ging es hinein. Eine Anzahl Ulanen- und Infanterie-Officiere hatten die große Tafel besetzt, uns blieb nur ein bescheidenes Eckchen im Zuge. Man betrachtet uns aufmerksam; endlich tritt ein Major heran und fragt, was wir hier machten. „Correspondenten aus dem Hauptquartier.“ Genügt nicht; die Legitimationen müssen heraus, werden gelesen und dann sitzen wir unbeachtet da. Nach einiger Zeit öffnet sich die Thür und eine Anzahl Aerzte tritt herein, unter denen zu meiner Freude etliche Schul- und Universitätsfreunde sind. Wir haben doch nun auch unsere Unterhaltung und es wird eine gemeinsame Besteigung des Kirchthurms beschlossen, um das nahe Wien in Augenschein zu nehmen. Es präsentirt sich recht stattlich und ein schon dort Gewesener spielt den vollkommenen Cicerone; selbst von den Floridsdorfer Schanzen ist mit einem guten Krimstecher Einiges zu erkennen. Wie weiland der Fuchs müssen wir uns aber mit dem Anblick der Trauben begnügen, ohne sie erreichen zu können.

Die Kirche hat sich inzwischen mit Truppen dicht gefüllt, welche die Feier des Abendmahles daselbst begehen wollen, denn heut ist der 1. August und morgen können schon wieder ernste Kämpfe entbrannt sein, wenn der Waffenstillstand nicht verlängert wird. Bald erschallen die Klänge eines Chorales aus den geöffneten Thüren und tiefe Andacht ruht auf den wettergebräunten Gesichtern der Soldaten, deren Uniformen, Waffen und Lederzeug dem Tage zu Ehren möglichst blank und sauber gemacht sind. Knieend empfangen die Hunderte, andächtig wie wohl selten in der Heimath, die Absolution und reihen sich dann zum Gange an den Tisch des Herrn. Draußen wird währenddem Pferdegetrappel laut und von allen Seiten ziehen rothe Husaren und gelbe Ulanen in größeren und kleineren Abtheilungen heran. Vor der Kirche sitzen die Reiter ab, die Pferde werden im Kreise zusammengestellt, in dessen Mitte die Zügel in den Händen einiger Mannschaften zusammenlaufen, fromm und geduldig stehen die Gäule, als wüßten sie, was für eine ernste Feier da drinnen begangen würde, und sobald die Theilnehmer an dem ersten Gottesdienste die Kirche verlassen haben, füllen die Ankömmlinge von Neuem die Sitze. Ebenso schweigsam, wie sie gekommen, verlassen die Abtheilungen wieder das Dorf und verschwinden bald in Wald und Busch, wohindurch sie der Weg zu ihren Stellungen führt, aus denen sie vielleicht morgen unter dem Feuer des Feindes hervorbrechen sollen.

Ein wenig die stille Dorfstraße aufwärts erreichen wir den Rußbach, die Grenze der preußischen Macht. Eine einsame Scheune links an der einsamen Straße dient für die Feldwache als Wachtstube; die Lanzen sind draußen an die Wand gelehnt, einige Mannschaften haben es sich so bequem gemacht, wie es auf Stroh geht, andere rüsten sich zum Abreiten auf Patrouille. An dem gegenüberliegenden Gartenzaun sitzen der commandirende Lieutenant und ein Rittmeister und vertreiben sich auf irgend eine Weise die Zeit; zu meinem Nutzen treffe ich auch hier in dem Lieutenant einen Schulfreund, der mir einige Mußeviertelstunden opfern kann, da er deren sehr viele hat. Wir überschreiten den eigentlichen Rußbach, der noch von künstlichen Seitengräben für die Frühjahrswasser umgeben ist, und befinden uns an einer kleinen Holzbrücke, jenseit deren das Gebiet der Oesterreicher beginnt. Zwei Ulanen zu Pferde bewachen mit gespannten Pistolenhähnen den Eingang, drüben zieht sich die von keinem Wesen belebte Straße nach Wien. Husaren- und Ulanenpatrouillen gehen und kommen am Rande des Grabens entlang und ziehen sich wie eine Kette hin, bis das Gebüsch deren fernere Glieder dem Auge verdeckt; ihre Meldung lautet stets: „Nichts Neues.“ Endlich zeigen sich auf der Straße eine Anzahl Schnitter und Schnitterinnen, welche näher kommen, um zu passiren; sie sind von Troppau und haben in der Nähe zur Erntezeit gearbeitet. Fragen aller Art werden an sie gestellt, welche sie nicht beantworten können oder wollen, darauf ihre Papiere gefordert und zum Commandirenden geschickt, der selbst erscheint, um die Leute zu besichtigen. Dann beginnt ein Verhör über ihre Reiseroute, ein Disputiren darüber, daß sie zweckmäßiger einen andern Weg einschlügen, weil jeder Commandeur sich Sachen, die irgendwelche nachtheilige Folgen haben könnten, gern vom Halse schafft, endlich darf die Schaar nach nochmaliger genauer Zählung passiren und hierauf ist’s so still wie zuvor und die Meldungen bringen „Nichts Neues“.

So geht es auf Vorposten während einer Waffenruhe zu. Das Leben daselbst hat viel Aehnlichkeit mit der Langenweile des Antichambrirens, wo die Minuten endlos langsam dahinschleichen.

J. B.


Eine Finsterwalder Ausstattung. Nach der Schlacht von Königgrätz holten die Finsterwalder aus dem sechs Meilen entfernten Herzberg sich fünfzig verwundete Krieger, um ihnen zum größten Theil die so wohlthätige Familienpflege angedeihen zu lassen. Zu dem Bürger und Schönfärber S. kam ein Grenadier vom Kaiser-Franz-Regiment, der am Arm verwundet war. Wie ein Glied des Hauses gehalten, ging der Mann rasch seiner Wiederherstellung entgegen, denn die immer freundliche, liebevolle Umgebung förderte sichtlich die Heilung. Man hatte vielleicht absichtlich nach seinen sonstigen Lebensverhältnissen bisher nicht gefragt. Da kommt ein Brief, der erste aus der Heimath, von den Seinen, an ihn an. Die Freude ist groß, aber der Inhalt des Briefes schlägt sie sofort nieder und versetzt den Verwundeten in die tiefste Traurigkeit. Man forscht theilnehmend und erfährt nun Alles. Der Soldat ist ein armer, verheiratheter Tagelöhner und der Brief von seiner Frau, die in äußerster Bedrängniß ihrer Entbindung entgegensieht. Es fehlt an Allem, trotz des unverdrossensten Fleißes war der Verdienst in der schlechten Zeit so gering, daß das arme Weib nicht einmal die nöthigste Wäsche und das Bettchen für das zu erwartende Kind erschwingen konnte. – In aller Stille machte sich hierauf Frau S. zu einigen ihrer Freundinnen auf, erzählte ihnen von dem armen Landwehrmann, und bald hatte sie mit ihnen eine recht reichliche Ausstattung für den künftigen Weltbürger besorgt und auch noch eine kleine Geldunterstützung zusammengebracht. Als Alles zum Einpacken bereit auf dem Tische in einem oberen Stübchen ausgelegt war, führte man den Grenadier dorthin. Da lagen in blendender Weiße die Hemdchen, die Jöppchen, die Häubchen mit den rothen Bändchen, die feinen, weichen Bettchen und Windeln und all’ dergleichen erste Lebensnothdurft, Alles in stattlicher Anzahl und noch die baaren Thaler dazu! „Und das Alles soll für meine gute Frau sein?“ – Einige Augenblicke stand, auf das „Ja“, der überraschte Mann sprachlos da, dann ging der wahrste Dank durch die Augen in hellen Thränen aus dem Herzen über: „Nie werde ich vergessen, was man mir hier Gutes gethan! Kinder und Kindeskinder sollen von der guten Stadt Finsterwalde und ihren freundlichen Bewohnern erzählen!“




Eine verlorene Mutter. Der Krieg würfelt die Schicksale der Menschen gar wunderlich durcheinander, und ein merkwürdiges Beispiel davon haben wir jetzt hier in Dresden.

Bei dem Ausrücken der preußischen Truppen, als ein Bahnzug mit Garde-Artillerie in Breslau hielt, stieg der fünfzehnjährige Sohn einer Marketenderin, der sie begleiten sollte, mit den übrigen Soldaten aus, konnte aber beim Signal zum Wiedereinsteigen den Wagen nicht wiederfinden, in welchem seine Mutter saß, und suchte nun in Todesangst auf und ab, um sie zu treffen. Vergebens. Der Zug setzt sich endlich in Bewegung und er muß zurückbleiben. Aber er wartet nur den nächsten ab, der das dritte Garde-Regiment der Königin Elisabeth bringt, und fährt mit diesem nach, weiß aber unglücklicher Weise nicht die Batterie, welcher sich der Marketenderkarren angeschlossen, und treibt sich jetzt zwischen den Soldaten herum, bis sich ein junger Bursche der fünften Compagnie, Heinrich Friedrich, den der arme Junge dauerte, seiner annahm und ihn bei sich behielt.

Nun ging es weiter; durch ganz Böhmen und Mähren durch, wohin

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