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Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1867)

gewesen. Aber nach einer heftigen Krankheit erschienen fernere Geschäftsanstrengungen für ihn bedenklich und auf den Wunsch seiner Eltern wählte er ein leichtes Handwerk und ward Schuhmacher.

Die Zunftordnungen der damaligen Zeit schrieben bei allen Handwerksfeierlichkeiten eine Menge Sprüche, Gesänge und Reden vor, welche es allein schon nöthig machten, daß die Reimkunst auch mit diesen Kreisen in Verbindung trat. So blühte denn auch in Nürnberg, das ja in Allem, was Kunst, Wissenschaft und Bildung hieß, andern Städten voraus war, eine edle Sängerzunft, die in der Katharinenkirche an Sonn- und Feiertagen ihr Festsingen hielt. Hans Sachs ließ sich in sie aufnehmen und fand in dem Meistersänger L. Nunnenbeck, einem Leineweber, seinen Lehrer. In dieser Kunst hatte er sich nun auch auf seinen Wanderjahren an andern Orten versucht, zuerst in München öffentlich mit einem Liede zum Preise Gottes, das ihm großes Lob bei allen Kennern eintrug, so daß er von da an, erst zwanzig Jahre alt, in München die Singschulen mit verwalten half und sich in die Reihen der Sänger stellte, obwohl er nur in dem Freisingen, welches den eigentlichen Wettgesängen vorausging, sich hören lassen durfte.

Aehnliche Anerkennung hatte er auch noch anderer Orten gefunden, wo er überall gern nach redlich vollbrachtem Tagewerk des Abends in den Singschulen mit wirkte; wie er denn überall gern gesehen war, um seines heitern, offenen, ehrlichen Wesens willen. Darum war es ihm auch fast überall in der Fremde wohl gegangen, überall hatte er Meister gefunden, die mit ihm zufrieden waren, und treue Mitgesellen, die Leid und Freud gern mit ihm theilten. Aber wie weit er auch das deutsche Land nach allen Richtungen, nach Süden und Norden durchwandert, es gab doch keine Stadt, die sich mit seinem heimischen Nürnberg hätte vergleichen können, und als er jetzt bei seiner Rückkehr die herrlichen Thürme vor sich liegen sah, den hohen von St. Sebald, den zierlichen von St. Lorenz, da kniete er vor Freuden weinend nieder und küßte die theure Heimatherde, küßte den Wanderstab, der ihn hierher zurückgeleitet, und gedachte des alten Nürnberger Spruches:

Wer einmal nur in Nürnberg war,
Der käm’ gern wieder jedes Jahr!

Drei Jahre waren vergangen, seit Hans Sachs wieder in die Heimath zurückgekehrt. Er war nun nach abgelegtem Meisterstück als Meister des löblichen Schuhmacherhandwerks eingeschrieben, hatte sich in der Vorstadt von Nürnberg, welche dem Frauenthor zunächst liegt, eine Wohnung zugerichtet und arbeitete tagüber fleißig in Leder mit Pfrieme, Pech und Ahle; aber wenn der Feierabend kam, dann wanderte er entweder auf die Zunftstube zu den Meistersängern, oder er saß vor seiner Thür auf dem runden Ecksitz unter dem zierlich geschnitzten Dächlein, das den Hauseingang vor Regen und Sonne beschützte. Da schlug der junge Meister wohl auch das linke Bein über das rechte, wie am Tage bei der Arbeit, die eines Stützpunktes bedurfte, aber jetzt brauchte er diesen nur für seine Schreibtafel, auf die er seine Lieder dichtete und zwar anfangs ganz regelrecht nach der von den Meistersängern vorgeschriebenen Form, wie sie auch ihm gelehrt worden war, bald aber frisch und frei in selbsterfundenen Weisen und unbekümmert um die alten Regeln der Schule.

Als er nun einmal – am 4. Mai 1518 – auch so dasaß und dichtete, als der Frühling jenes Sehnen in ihm mehr und mehr aufregte, das nach einem Glück verlangt, welches kein Wesen für sich allein finden kann – da schrieb er „zum Besten der frommen Jungfrauen Nürnbergs“ ein Gedicht, „Klag der vertriebenen Frau Keuschheit“. Die Keuschheit ist darin als eine von Frau Venus und ihren Dienerinnen vertriebene Königin geschildert etc. Er hatte sein Werk noch nicht ganz beendet, als zwei junge Mädchen des Weges kamen, von denen das eine noch die Stiefeln ihres Vaters bei Meister Sachs abholen wollte und nun nur schüchtern fragte: Ob sie dieselben noch bekommen könne, da sie sich bis nach dem Feierabend verspätet; aber sie sei aus Wendelstein und wolle nicht vergeblich nach Nürnberg gekommen sein.

Hans Sachs war bereit, ihr das Gewünschte mitzugeben und sie folgte ihm in das Haus, indeß ihre Begleiterin, Kunigunde Kreuzer, vor der Thür wartete. Sie sah die Schreibtafel mit zierlichen Versen beschrieben daliegen und konnte sich nicht enthalten, einen Blick darauf zu werfen. Sie war von dem Inhalt gefesselt und, obwohl sie die Kunst des Lesens gelernt, doch nicht so geübt darin, daß sie nicht sich ganz hätte darein vertiefen sollen, und so bemerkte sie die Rückkehr des Meisters nicht eher, als bis er vor ihr stand.

Zum Tod erschrocken und beschämt warf sie die Tafel hin und entfloh wie ein gescheuchtes Reh. Kaum vermochte ihre Begleiterin ihr zu folgen. Hans Sachs wagte es nur mit den Augen. Aber die holdselige, eben erst erblühende sechszehnjährige Unschuld war ihm unvergeßlich, und als der nächste Sonntag kam, fand er sich auf dem Wege nach dem Dorfe Wendelstein, dort forschte er so lange nach ihr, bis er sie gefunden.

Kunigunde war elternlos und arm, und als nach öfterem Begegnen der junge Meister, der zwar nur erst eine kleine Werkstätte, aber schon einen großen Namen hatte, um sie freite, da vermochte sie ihr Glück kaum zu fassen! In jenem Gedicht hatte sich ein so reiner, treuer Sinn ausgesprochen, ein so edles keusches Gemüth, daß sie sich und ihr eigenes reines Herz einem solchen Manne in seliger Zuversicht vertrauen durfte. Freilich waren die Eltern desselben gerade nicht sehr erfreut, als er ihnen ein so armes Mädchen als künftige Schwiegertochter zuführte, freilich riethen der Meister Leonhard Nunnenbeck und andere erfahrene Freunde in Poesie und Prosa dem jungen Meister ab, sich in die Sorgen einer solchen Ehe zu stürzen: aber er konnte sich einmal ohne sie keine Freude mehr denken, und im folgenden Jahre zu St. Aegidien waren Eltern, Lehrer und Freunde bei ihm doch fröhliche Gäste, als er sein Hochzeitfest mit Kunigunde feierte. Allerdings kam danach Manches, wie die warnenden Freundesstimmen gesagt hatten: das junge Pärchen mußte sich während des ersten Jahrzehents manchmal kümmerlich behelfen und den ganzen Tag angestrengt arbeiten, um das Nöthigste zu verdienen, – allein es war darum doch nicht minder glücklich in und mit einander und in den Kindern, welche ihm der Himmel schenkte. Als Dichter aber war und blieb er ein Mann, der seine Zeit verstand und mit heiligem Eifer an die Sache des Fortschrittes sich dahingab.

Und welche Ereignisse rüttelten nicht damals in Deutschland die Geister zu neuem Leben auf! Luther war aufgetreten und das Werk der Kirchenverbesserung begonnen worden. In Nürnberg druckte man seine Schriften nach und Viele jauchzten ihm zu; wenn auch der immer vorsichtige Rath aus Furcht vor Neuerungen, die sich auch auf andere als kirchliche Gebiete erstrecken könnten, und aus der Besorgniß, der Kaiser könnte zürnen und Nürnberg nicht besuchen, mit seiner Meinung hinter dem Berge hielt, so gab es doch daselbst genug entschiedene Männer, die sich offen zu Luther bekannten, darunter Albrecht Dürer, der Maler, der in seinen „vier Temperamenten“ das erste evangelische Werk der bildenden Kunst schuf, und Hans Sachs, der Volksdichter, welcher der „Wittenberger Nachtigall“ einen Hymnus dichtete. Wiewohl der Rath es strenge verboten hatte, eines von den Büchern Luther’s ferner in Nürnberg nachzudrucken, auszugeben und zu verbreiten, und wiewohl ein Mandatum Kaiserlicher Majestät mit der bei schwerer Strafe angedrohten Warnung, kein Buch Luther’s irgend feil zu bieten noch zu beherbergen, öffentlich angeschlagen war, so hatte doch der wackere Schustermeister in Nürnberg sich nicht im Mindesten daran gekehrt – noch heute zeigt man einen ganzen Band lutherischer Schriften mit der Einschrift: „Diese Büchlein habe ich, Hans Sachs, also gesammelt, Gott und seinem Wort zu Ehren und den Nächsten zu gut einbinden lassen 1522. Die Wahrheit bleibt ewiglich.“ Es war der zehnte Band seiner kleinen Büchersammlung.

Sein Gedicht „Die Wittenberger Nachtigall“, mit der er als entschiedener Parteimensch hervortrat, verschaffte ihm natürlich die Freundschaft der einen und die Feindschaft der andern Partei. In weihevoller Begeisterung schrieb er evangelische Kirchenlieder, von denen mehrere in die von Luther und Anderen herausgegebenen Gesangbücher übergingen. Und als 1530 sich auch der Nürnberger Rath für die Reformation erklärt hatte und eine evangelische Schule gründete, zu der er sogar Luther’s treuesten Freund Melanchthon mit berief: da durfte sich der Schuhmacher Hans Sachs wohl des Triumphes freuen, daß er gleich von Anfang an das Licht, das aus Wittenberg kam, erkannt hatte.

Im Jahre 1558 finden wir den Meister Hans Sachs mitten in Nürnberg in der Vollkraft seines Schaffens, obwohl er schon dreiundsechszig Jahre alt geworden. Seit achtzehn Jahren hat er

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verschiedene: Die Gartenlaube (1867). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1867, Seite 278. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1867)_278.jpg&oldid=2992870 (Version vom 13.3.2017)