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hinein verspeist. Die Cultur der Kresse ist zwar eine sehr einfache, aber eine ebenso mühevolle. Zu Anfange des Herbstes wird nämlich alljährlich der Grund der Klinge von allen vegetabilischen Ueberbleibseln mittels eines Rechens befreit, der darin abgelagerte Schlamm geebnet, die Spitze der alten ausgezogenen Pflanze sodann etwa neun Zoll abgeschnitten und gegen den Strom, dicht nebeneinander, in regelmäßigen Abständen auf den Schlamm gelegt, wogegen die Ränder der Anlage der vortheilhafteren Bewirthschaftung wegen von der Anpflanzung verschont bleiben. Hierauf wird die Kresse mittels eines eigens dazu construirten Brettes (des Patschbrettes) festgedrückt. Je nachdem die Bewurzelung der Pflanze schnell oder langsam vor sich geht, führt man das inzwischen abgedämmte Wasser den Gräben allmählich wieder zu. Bei jeder Erneuerung der Klinge werden Bett und Ufer frisch regulirt. Aber auch in den Sommermonaten müssen die Spitzen der Kresse wiederholt abgehauen werden, weil andernfalls ein Milliarden von kleinen Maden erzeugender Käfer sich in dieselbe einnistet, welcher die Pflanze bis zum Wasserspiegel verzehrt und demnächst seine verheerende Wanderung nach den Gemüsebeeten einschlägt. Leider ist dieser Käfer nicht der einzige die Arbeit und Mühe des Anbaues beeinträchtigende Feind der Kresse, denn auch Krähen, wilde Enten und Elstern fallen im Winter zur Nacht- und Tageszeit schaarenweise in diese Anlagen ein, um nährende Speise theils der Pflanze selbst, theils den auf ihr hausenden Schnecken und Würmern abzugewinnen. Zur Erntezeit werden die Spitzen der Kresse in einer Länge von etwa drei bis vier Zoll abgeschnitten, mittels einer Weidenruthe in kleine Bündelchen geschnürt und demnächst dem Markt und Handelsverkehr übergeben. Uebrigens liefern die Klingen zu dieser Zeit alle vier bis sechs Wochen einen reichlichen Ernteertrag.“

Eine mindestens ebenso ergiebige Ertragsquelle wie die Brunnenkreß-Anlagen bietet das zwischen denselben gelegene Gemüseland im Dreienbrunnen, welches der Erfurter mit dem Namen „Jähnen“ bezeichnet. Es sind dies acht bis zwölf Fuß breite, hoch aufgeworfene Beete mit schrägen Böschungen an ihren Rändern, von ganz vorzüglicher natürlicher Fruchtbarkeit, welcher letzteren durch jährlich erneuerte gute Düngung sowie durch den Vortheil der Zuführung von Feuchtigkeit in trockener Jahreszeit aus den sie umgebenden Brunnenkreßgräben wesentlich nachgeholfen wird. Dadurch gewinnt die Anlage das Ansehen und den Charakter eines großartigen offenen Treibhauses.

Nicht ohne überwiegenden Einfluß auf die fast beispiellosen Erträge des Dreienbrunnens ist unzweifelhaft die dort zur Anwendung kommende Wechselwirthschaft sowie die sorgfältigste Benutzung jedes Raumes, ja selbst der Böschungen. Die Aussaat von Kopfsalat, von Blumenkohl und Kohlrabi wechselt mit dem Sellerie, dem Porrée, dem Wirsing, dem Kraut, Blaukohl, der Zwiebel und anderen Gemüsearten zeitgemäß und in genau bestimmter Reihenfolge dergestalt, daß durch dieses System eine alljährliche drei- und vierfache Ernte erzielt wird. Aber auch nur so außergewöhnliche Ertragsresultate sichern das Anlagecapital und den Verdienst des Züchters, denn ein hundert und achtundsechszig Quadratruthen enthaltender Acker mittlerer Qualität wird durchschnittlich zu dem enorm hohen Preise von achthundert Thalern und einzelne besonders ertragsfähige Stücke werden sogar zum Preise von vierzehn- bis fünfzehnhundert Thalern pro Acker erworben!

Nach einer im verflossenen Jahre gemachten Zusammenstellung ergab der Erfurter Gemüsebau einen Umschlag von mehr als einunddreißigtausend Thalern, der Acker im Dreienbrunnen mithin einen Reinertrag von einhundert achtundachtzig bis einhundert und neunzig Thalern. Es stellt sich derselbe aber in Wirklichkeit wesentlich höher, da die Producenten die erforderlichen Culturarbeiten meist selbst oder durch ihre Angehörigen verrichten und weil fernerhin der Ertrag der Brunnenkreßklingen bei dieser Berechnung nicht mit inbegriffen ist, welche letztere jährlich etwa vierzig- bis fünfzigtausend Schock Bündchen der schönsten Kresse zu einem Mittelwerthe von zweitausend Thalern liefern.

Doch nicht allein Vielfältigkeit und Menge der Erzeugnisse des Dreienbrunnens haben ihm und seinen Züchtern den weit verbreiteten Ruhm erworben, mehr als diese noch sind es die besondere Güte, die außerordentliche Schwere und Größe, wie die bevorzugte Schmackhaftigkeit der einzelnen Gemüsesorten. Wenn auch Bodenbeschaffenheit, Klima und Lage als wesentliche Ursachen dieser erzielten Vorzüge zu betrachten sind, so kann andererseits doch nicht verkannt werden, daß in der Herbeischaffung und mühevollen Acclimatisation der vorzüglichsten Sämereien aus Holland, Frankreich, Italien und selbst aus fremden Welttheilen seit einem Jahrhundert schon der Keim zur Zucht dieser ausgezeichneten Gemüsesorten gelegt worden ist. So wird nachgewiesen, daß der Schmuck der Erfurter Gemüsebeete, der große, frühe Blumenkohl, mit seinem schneeweißen, flachgewölbten, acht bis zehn Zoll im Durchmesser haltenden Kopfe, seine Abstammung vom cyprischen Blumenkohl hat und etwa in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts von der Insel Cypern eingeführt wurde. Er ist daher auch nicht blos ein Gegenstand des örtlichen Handels- und Marktverkehrs, sondern ein von auswärts mehr als andere Gemüsesorten gern begehrter Artikel. Von diesem Blumenkohl beförderte die thüringische Eisenbahn-Gesellschaft in dem für Gemüsezucht ungünstigen Jahre 1862 allein auf der Eilgutexpedition, also außer dem gewiß nicht unerheblichen gewöhnlichen Frachtgute, zusammen über tausend siebenhundert Centner nach den verschiedenen Städten Mitteldeutschlands. Erwähnenswerth ist auch noch der hier gezüchtete, berühmte schwarze Winterrettig, welcher allerdings in früherer Zeit von bedeutend größeren Dimensionen war als gegenwärtig, da nach älteren verbürgten Nachrichten fünf bis sechs derartige Rettige früherhin oftmals ein Gewicht von einem Centner und darüber hatten.

Von den Feldfrüchten sind die Erfurter Bohnen (weiße Bohnen) und die Puffbohne in weiten Kreisen bekannt, während der Obstbau schon früherhin eine untergeordnete Stellung eingenommen und dieselbe bis hierher behauptet hat.

Diesem hier in kurzen Umrissen beschriebenen Gemüsebaue schloß sich als naturgemäße Entwickelung und Fortbildung die Blumenzucht an, die nach und nach dergestalt an Vollkommenheit und Ausdehnung gewann, daß zur Zeit sich die Erfurter Blumenzüchterei einen weitverbreiteten ehrenvollen Ruf und Namen erworben und durch die im September des Jahres 1865 aus den entferntesten Theilen der Erde besuchte wahrhaft großartige Ausstellung von Producten des Land- und Gartenbaues sich eine bleibende Gedächtnißtafel der Ehre und des Ruhmes gesetzt hat.

Die eigentliche Entwickelung der Erfurter Blumenzüchterei datirt aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, doch waren es damals zumeist die drei Floristenblumen, Nelke, Aurikel und Levkoye, welche eine so bevorzugte Stellung einnahmen, daß sich solche bis zur heutigen Stunde forterhalten hat. Namentlich bildet die Levkoyen-Cultur einen wesentlichen Theil des gärtnerischen Welthandels. Diese Blume umfaßt gegen dreihundert in ihren Formen charakteristisch verschiedene Varietäten. Sorgfältig angestellte Ermittelungen ergaben im Jahre 1863, daß in den Samen-Culturanstalten, ausschließlich der kleineren Privatzüchter, sechshundert und fünfzigtausend Töpfe mit Levkoyen vorhanden waren, die einen Ernte-Ertrag an Samen von achthundertsechsundsechzig und zwei Drittel Pfund zu einem gewöhnlichen Werth von fünfundvierzigtausend neunhundert und dreiundsechzig Thaler repräsentiren. Da aber von den besseren Sorten je hundert Körner zwei bis vier Silbergroschen kosten, so dürfte die angeführte Werthsumme wohl zu tief gegriffen sein, vielmehr der Werth dieses Artikels auf nahezu sechszigtausend Thaler veranschlagt werden können. Der Samen dieser Blume ist daher auch einer der bevorzugteren Handelsartikel der Erfurter Gärtner. Ebenso bildet die Aurikel, sowie die Nelke oder Grasblume nach wie vor neben der Rose einen Hauptzweig der localen Blumenzüchterei, da diese von der Nelke einen jährlichen Absatz von etwa hunderttausend Stück junger Pflanzen, von der Edelrose aber von hundertsechszigtausend Stück nachweist.

Außer den vorgedachten allerdings zumeist hervorragenden drei Floristen umfaßt die Züchterei von Blumensamen und Ziersträuchern eine so erhebliche Menge von verschiedenen Sorten und Gattungen, daß die Kataloge der Kunst- und Handelsgärtner über viertausend und fünfzig Nummern ergeben. Aber auch die Gewächshaus-Culturen Erfurts sind, da sie zumeist Decorationspflanzen und prachtvoll blühende exotische Gewächse umfassen, in großer Vollkommenheit ganz dem modernen Geschmacke angemessen und nehmen so großartige, fast unglaubliche Dimensionen ein, daß die zur Cultur exotischer Gewächse vorhandenen Werkstätten (Häuser) in Verbindung mit den Warm- und Kaltbeeten zur Anzucht von Pflänzlingen eine Glasbedeckung von zweihundert und fünfzigtausend Quadratfuß oder ungefähr neunundeinhalb Morgen einnehmen, während das gesammte zur Blumensamenzucht

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verschiedene: Die Gartenlaube (1867). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1867, Seite 571. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1867)_571.jpg&oldid=2986672 (Version vom 19.2.2017)