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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1870)

No. 24. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Der Bergwirth.

Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)

Lautes Lachen des Wirths unterbrach die Rede Falkner’s, aber das Lachen war kein freudiges und vergnügtes. Der junge Mann, der das verhaßte Wort aussprach, war der Retter seiner Tochter; darum lachte er nur bei seiner Rede, jedem Andern hätte er mit einem wilden Ausbruch seines Zornes geantwortet, der noch vernehmlich genug aus seinem Gelächter herausklang. „Eisenbahn?“ schrie er und schlug, um den verbissenen Groll an etwas auszulassen, seinen Strohhut um die Tischecke, daß die Trümmer davon herunterhingen. „Wie man sich in den Leuten irren kann! Der Herr schaut ganz reputirlich aus und wie ein vernünftiger Mensch, und jetzt kommt er mir auch mit solchen Narreteien daher! Eine Eisenbahn bei uns – über unsere Berge! Man möcht’ aus der Haut fahren, wenn man nur gleich eine andere hätt’ zum Hineinfahren …“

„Nun, über die Berge soll die Bahn so eigentlich nicht gehn,“ erwiderte Falkner, der das Gebahren des Wirths verwundert betrachtete, „aber an denselben, in Einschnitten kann sie sehr wohl geführt werden; man will eben daran gehn, das Nivellement in den Wasserschluchten des Westerbergs aufzunehmen …“

Der Wirth hörte ihn nur halb, er lachte immer lauter, immer zorniger. „Dummheiten über Dummheiten, nichts als Dummheiten!“ rief er. „Zu was brauchen wir eine Eisenbahn; die Straßen, die unser schweres Geld kosten, haben seit vielen hundert Jahren gut gethan und werden noch tausend Jahr’ gut thun, ohne die neumodischen Sachen, von denen wir nichts wissen wollen! … Wir bleiben beim Alten, das wir kennen, wir Bauern da in den Bergen herinnen! Also die Schluchten am Westerberg sollen gemessen werden? Nur zu; ich wünsch’ alles Glück; werden schon darüber kommen, was ihnen der Berg für Nussen zum Aufbeißen geben wird! Und der Herr will vielleicht auch noch bei mir logiren, damit ich den Gift und die Gall’ jeden Tag frisch zu schlucken bekomm’? Nur zu, ich mach’ mir nichts daraus; ich kann’s abwarten und aushalten denk’ ich! Freilich, ein Anderer, wenn mir so gekommen wär’, dem hätt’ ich den Fleck gewiesen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat; aber bei Ihnen, da muß ich schon eine Ausnahm’ machen und ein Aug’ zudrücken – wegen meiner Tochter, der Juli. Also bleib’ der Herr nur da und logir’ er bei mir und mess’ er, so viel er will … ich will zuschaun und mir den Buckel voll lachen, wenn ich seh’, wie einmal Alles drunter und drüber geht wie beim babylonischen Thurm!“

Juli’s Rückkehr unterbrach das Gespräch zu geeigneter Zeit; zugleich kam auch der Postillon heran, der sich ebenfalls anschicken wollte, seinen Ritt fortzusetzen. „Da hat mir der Posthalter ein Lesen mitgegeben, das ich Euch bringen soll, Bergwirth,“ sagte er und reichte ihm ein Schreiben … „ich hab’s in der Taschen gehabt und hätt’ schier ganz darauf vergessen …“

Der Wirth nahm das Schreiben und trat, es öffnend, bei Seite, während der Postillon zu Pferde stieg und bald am jenseitigen Abhange verschwand; sein Gruß war unbeachtet geblieben, denn der Wirth hatte das Papier kaum entfaltet, als er es mit einem halblauten Fluche auseinanderriß und die zusammengeballten zerknitterten Fetzen ingrimmig zu Boden schleuderte.

„Ihr Vater scheint üble Nachrichten bekommen zu haben!“ sagte Falkner, indem er dem unwillig Hinwegeilenden nachsah; das Mädchen aber suchte betroffen die weggeworfenen Stücke zusammen und faltete eines derselben wieder auseinander.

„Was muß denn nur das sein …“ sagte sie, „so auseinander hab’ ich den Vater nit gleich gesehn. … Aha, jetzt glaub’ ich’s wohl!“ fuhr sie fort, als sie einen Blick hineingeworfen hatte … „das ist ihm das Allerbitterste … ‚die Errichtung einer Posthalterei zu Westerberg betreffend‘ … und da steht wieder … ‚kann sein Gesuch einer Würdigung um so minder unterstellt werden, als die in nächste Aussicht gerückte Erbauung einer Eisenbahn‘ … Jetzt begreif’ ich Alles!“

„Ich fange ebenfalls an zu begreifen,“ sagte Falkner, „und sehe nur zu wohl, daß Ihr Vater ein Feind neuer Einrichtungen ist …“

„Ja,“ sagte Juli wie begütigend, „die Posthalterei, die wär’ seine einzige Freud’ gewesen – jetzt ist’s vorbei damit – er hat bis jetzt von der Eisenbahn nichts hören wollen … da wird jetzt dem Faß vollends der Boden aus sein …“

„Das sind schlimme Aussichten für mich – noch ehe ich ahnen konnte, daß ich Sie hier wiedersehen würde, hatte ich mir vorgenommen, hier meinen Wohnsitz zu nehmen und lange Zeit zu bleiben … nach Allem, was ich nun weiß, muß ich Ihrem Vater ein sehr unwillkommener Gast sein – mein Geschäft gehört zu den Vorarbeiten des ihm so verhaßten Unternehmens …“

„Haben Sie deswegen keine Sorge,“ rief das Mädchen rasch, „der Vater ist außerdem die gute Stund’ selber. Sie werden sich schon mit ihm vertragen … wenn Sie wollen,“ setzte sie etwas leiser und langsamer hinzu.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1870). Leipzig: Ernst Keil, 1870, Seite 369. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1870)_369.jpg&oldid=3497200 (Version vom 9.3.2019)