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Plätzen, ihrem ganzen Häusermeer, der Hafen mit seinen Schiffen, da wallte der Riesenstrom hin mit seinem glänzenden Wasserspiegel und den darüber hingleitenden Booten und Dampfern, da lagen die einzelnen Landhäuser und Ortschaften nah und fern zerstreut, und weit am Horizont dehnte sich eine dichte, dunkle Masse, dehnte sich der Urwald aus, dem all dies abgerungen war von Menschenhänden. Forest blickte unbeweglich darauf hin; ob er an die Zeit dachte, wo er hier in der Wildniß den ersten Axthieb gethan, ob er mit Stolz auf die Stadt niedersah, die hauptsächlich ihm ihr Gedeihen verdankte, oder ob es ihm wehe ward bei dem Gedanken, dies Alles verlassen zu müssen – er sank plötzlich mit einer fast convulsivischen Bewegung, in die Kissen zurück. Besorgt beugte sich Jane zu ihm nieder, aber es war kein Anfall der Krankheit, der ihn so plötzlich erfaßte.

„Wenn Du nach Deutschland kommst, so grüße mir die Heimath, den Rhein! Hörst Du, Jane? Grüße mir meinen Rhein! Grüße mir Deutschland!“

Die Worte kamen schmerzvoll gepreßt, fast unhörbar von seinen Lippen, betroffen sah Jane auf ihn nieder.

„Liebtest Du denn das einst, mein Vater? Mich hast Du es beinahe hassen gelehrt!“

Forest schwieg einen Moment lang, seine Lippen zuckten, und wie einem furchtbaren inneren Kampfe abgerungen, rollten zwei schwere Thränen über seine Wangen.

„Die Heimath hatte für mich nur das Elend übrig!“ sagte er tief bewegt. „Sie hat mich verfolgt, geknechtet, ausgestoßen, sie versagte mir selbst das Brod für mich und die Meinen. Amerika gab mir Freiheit, gab mir Reichthum und Ehre, und jetzt, Jane, gäbe ich das Alles, Alles hin – könnte ich nur am Rheine sterben!“

Es lag ein so schneidendes Weh in diesem gewaltsamen Ausbruch eines langverhaltenen Schmerzes, daß Jane erschreckt davor zurückwich. Dies unselige Heimweh! Die Mutter war daran gestorben, die schwache zarte Frau hatte jahrelang gekrankt und gelitten, aber der Vater, dieser stolze energische Mann, der mit der Heimath und ihren Erinnerungen so völlig gebrochen, der sich seinem Adoptivvaterland mit so voller Seele angeschlossen, und im Haß gegen die Vergangenheit versteint schien, er hatte tief im Innersten verborgen dieselbe qualvolle Sehnsucht mit sich herumgetragen, erst die Todesstunde entriß ihm das Geständniß.

Jane stand stumm und völlig verständnißlos vor dieser Entdeckung, aber sie fühlte, daß hier, gerade hier dies seltsame Etwas lag, in dem Vater und Mutter, trotz alles Mißverstehens, doch stets einig gewesen waren, und daß sie gerade hierin Beiden ewig fern gestanden. Sie blickte auf den Kranken, er lag jetzt still, mit geschlossenen Augen und fest zusammengepreßten Lippen, sie wußte, daß in solchen Momenten selbst sie ihn nicht stören durfte. Leise zum Fenster gleitend ließ sie die Vorhänge wieder herab, und bald herrschte die vorige matte Dämmerung wieder im Krankenzimmer.




„Nun, das ist ja eine vielversprechende Introduction, mit der dieser hochgepriesene Rhein uns empfängt! Ich habe dies ganze Land in den sechsunddreißig Stunden bereits gründlich satt bekommen! Beim Landen ein Nebel, daß man die Küste nicht eher sieht, bis der Fuß darauf tritt, den Tag in Hamburg ein Regen, als wollte die Sündfluth von Neuem losbrechen, und hier am Rhein nun vollends diese Situation. Ich begreife nicht, Miß Jane, wie Sie dabei so ruhig bleiben können!“

Die Situation, welche Mr. Atkins so in Aufregung brachte, war in der That keine beneidenswerthe. Im dichtesten Nebel und leise, aber unaufhörlich herniederrieselnden Regen lag die Extrapostchaise zur Hälfte umgestürzt mitten auf der Landstraße, die Pferde, deren Stränge bereits gelöst waren, standen mit gesenkten Häuptern davor, und im Chausseegraben, neben dem zerbrochenen Hinterrade, saß der Postillon, den Kopf mit einem Taschentuche verbunden, und stöhnend den gleichfalls verletzten Fuß mit beiden Händen haltend. Jane, die mit resignirter Miene neben ihm stand, zuckte statt aller Antwort die Achseln.

„Wir können unmöglich hier länger im Regen bleiben!“ fuhr Atkins im vollsten Aerger fort, „zumal Sie nicht! So viel ich beurtheilen kann, sind die Verletzungen unseres Kutschers nicht gefährlich, und er behauptet, daß B. höchstens noch eine Stunde entfernt ist. Das Beste wäre, wir machten uns auf den Weg dorthin und schickten ihm dann die nöthige Hülfe –“

„Nein,“ unterbrach ihn Jane ruhig, aber mit vollster Bestimmtheit. „Er blutet noch immer und droht jeden Augenblick ohnmächtig zu werden. Wir können ihn unmöglich allein und hülflos zurücklassen, zum Mindesten müssen Sie bei ihm bleiben, während ich versuche, die nächste Ortschaft zu erreichen.“

„Allein? Im fremden Lande? Bei diesem Nebel, der Sie vielleicht geradewegs in den verhexten Fluß hineinführt, den man da unten nur hört, ohne eine Spur von ihm zu sehen? Nein, das gebe ich denn doch unter keiner Bedingung zu.“

„Ich fürchte mich durchaus nicht!“ erklärte Jane mit einer Entschiedenheit, welche bewies, daß sie nicht gewohnt war, sich selbst von Atkins irgendwelche Vorschriften machen zu lassen, „und wenn ich der Landstraße folge, so ist ein Verirren unmöglich. Jedenfalls ist es das Einzige, was uns zu thun übrig bleibt.“

„Aber, Miß Jane, so bedenken Sie doch – Wenn sich nur irgend ein menschliches Wesen zeigen wollte! Halt, da kommt Jemand! Auf ein Wort, Sir, wenn es Ihnen beliebt!“

Die letzten Worte, obwohl deutsch gesprochen, mußten dem Kommenden wohl durch ihren stark englischen Accent den Ausländer verrathen haben, denn eine leise, aber wohllautende Stimme fragte im reinsten Englisch zurück: „Was giebt es, Sir?“

„Gott sei gelobt, es ist ein Gentleman, er spricht englisch!“ sagte Mr. Atkins aufathmend, und sich rasch dem Fremden nähernd, der bisher im Nebel nur halb sichtbar gewesen war, fuhr er eiligst fort:

„Wir haben einen Unfall mit dem Wagen gehabt, er ist zerbrochen, der Postillon verwundet und wir völlig fremd hier. Darf ich fragen, ob Ihr Weg Sie vielleicht nach B. führt?“

„Allerdings.“

„Nun, dann bitte ich Sie, uns den ersten besten Wagen, den Sie auffinden können, herauszuschicken. Und noch Eins! Sie haben wohl die Güte, eine junge Lady bis B. unter Ihren Schutz zu nehmen.“

Der Fremde, der bei dem ersten Verlangen sich höflich zustimmend verneigt hatte, trat bei dem letzten einen Schritt zurück, und es klang fast wie Entsetzen aus seiner Stimme, als er wiederholte:

„Eine junge Lady – soll ich –“

„Nach der Stadt begleiten, ja, und bis zu dem Hause führen, das sie Ihnen bezeichnen wird. Miß Jane, darf ich Sie bitten, sich diesem Gentleman anzuvertrauen? Sie können unmöglich länger hier im Regen stehen.“

Jane, die bisher ziemlich theilnahmlos der Unterredung zugehört, wandte sich jetzt zu dem Fremden, den Atkins ihr als Begleiter vorstellte. Sie blickte in ein feines, bleiches Gesicht, in ein Paar blaue, träumerische Augen, die jedoch in diesem Augenblick nur halbes Entsetzen und grenzenlose Verlegenheit verriethen; es ward ihm auch durchaus keine Zeit gelassen, der letzteren Herr zu werden.

„Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden,“ sagte Mr. Atkins, ohne im Geringsten eine Einwilligung abzuwarten. „Und nun würde ich Sie noch bitten, Ihren Weg möglichst zu beschleunigen, sowohl der jungen Lady wegen, als um meiner Erlösung von der Landstraße willen. Leben Sie wohl, Miß Jane, und seien Sie außer Sorge wegen des Verwundeten, er bleibt in meiner Obhut. Auf baldiges, hoffentlich trocknes Wiedersehen!“

All diese Anordnungen wurden so schnell und geläufig, mit solcher dictatorischen Höflichkeit und solchem unwiderleglichen Commandotone gegeben, daß in der That ein Einspruch gar nicht möglich schien. Der Fremde machte auch gar keinen Versuch dazu, er ließ das Alles in vollster Bestürzung über sich ergehen und folgte mechanisch der ihm gewordenen Weisung, indem er mit einer stummen Verbeugung die junge Dame aufforderte, sich ihm anzuschließen; in der nächsten Minute befanden sich Beide bereits auf dem Wege und waren durch eine Biegung desselben den Augen der Zurückbleibenden entzogen.

Ob der Fremde mehr überrascht war von der echt amerikanischen Manier, die Dame dem ersten Besten anzuvertrauen, dem man auf der Landstraße begegnete, oder mehr erschreckt von dem ihm aufgedrungenen Ritterdienst, ließ sich schwer entscheiden; sichtbar war nur Eins, die unendliche Verlegenheit, in die jene Zumuthung ihn versetzte und die ihn sogar von jedem Unterhaltungs- und Annäherungsversuche abzuhalten schien. Miß Forest aber faßte

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verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1871, Seite 242. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_242.jpg&oldid=3048903 (Version vom 1.10.2017)