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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


bis zwei Uhr Morgens einmal bis vier Uhr. Sie müssen bei alledem eine gute Natur besitzen, um das überhaupt noch zu können; bis jetzt sind es nur Ihre Nerven, die Sie gründlich ruinirt haben; treiben Sie es aber nur ein einziges Jahr noch so fort, so haben Sie die Schwindsucht; darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort!“

Der Professor stützte den Kopf in die Hand und blickte vor sich hin. „Desto besser!“ sagte er resignirt.

Ungeduldig sprang der Arzt auf und schob polternd den Stuhl zur Seite. „Da haben wir’s! Auch noch gar Todessehnsucht! Geht mir mit Eurer Gelehrsamkeit, es ist nichts Gesundes darin, Siechthum an Geist und Körper, das kommt schließlich dabei heraus!“

Fernow war gleichfalls aufgestanden, er lächelte trübe. „Geben Sie mich auf, Doctor; ich lohne Ihre Mühe doch nur mit Undank! Meine Gesundheit ist völlig untergraben, das fühl’ ich selbst am besten, und Sie können mir mit all Ihrem guten Willen und all Ihren Arzneien nicht mehr helfen.“

„Mit Arzneien – nein,“ sagte der Doctor ernst. „Ihnen ist nur mit einer Radicalcur zu helfen; aber ich fürchte, es wird ganz unnütz sein, sie Ihnen anzurathen.“

„Und die wäre?“ fragte der Professor zerstreut, während sein Blick schon wieder auf den Büchern haftete.

„Sie dürfen ein Jahr – aber ein volles Jahr lang keine Feder anrühren, kein Buch auch nur ansehen und vor Allem mit keiner Silbe an die Wissenschaft denken. Statt dessen müßten Sie einmal den Körper tüchtig anstrengen, wenn es nicht anders geht, mit Hacke und Spaten im Garten arbeiten und dabei ordentlich schwitzen, zur Abwechslung einmal auch hungern und dursten, jedem Einflusse der Witterung trotzen. – Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, als ob ich Ihnen den directen Weg in’s Jenseits verschriebe; bei einem so völlig zerrütteten Nervensystem wie dem Ihrigen wirken nur noch Gewaltmittel. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß eine solche Cur, energisch begonnen und unnachsichtlich durchgeführt, Sie trotz aller Todesahnungen noch retten kann.“

Der Professor schüttelte befremdet den Kopf. „Dann werde ich wohl auf die Rettung verzichten müssen, denn das können Sie sich wohl selbst sagen, Doctor, daß ein solches Tagelöhnerleben ist meiner Stellung unmöglich durchzuführen ist.“

„Leider weiß ich das! Und Sie sind der Letzte, der sich zu solchem Entschlusse aufraffen würde. Nun denn, so studiren Sie in Gottes Namen weiter und bereiten Sie sich auf die Schwindsucht vor. Ich habe genug gepredigt und gewarnt! Adieu!“

Mit diesen im vollsten Aerger gesprochenen Worten nahm der gutmüthige, aber etwas heftige Doctor Stephan seinen Hut und ging zur Thür hinaus; im Vorzimmer aber pflanzte sich die riesige Gestalt Friedrich’s mit einer stummen Frage auf dem ängstlichen Gesicht dicht vor ihm auf. Der Arzt schüttelte den Kopf.

„Mit Deinem Herrn ist wieder einmal nichts anzufangen, Friedrich! Gieb ihm die gewöhnliche Arznei; es ist sein altes Uebel, das wieder –“

„O nein, das ist es nicht!“ unterbrach ihn Friedrich mit großer Bestimmtheit. „Es ist diesmal etwas ganz Neues, und seit dem Tage, wo die amerikanische Miß –“

Der Doctor lachte laut auf. „Nun, Du wirst doch hoffentlich die Ankunft meiner Nichte nicht für die Krankheit Deines Professors verantwortlich machen?“ sagte er, höchlich belustigt von dieser Zusammenstellung.

Friedrich schwieg verwirrt; das war ihm nun allerdings nicht eingefallen; er wußte nur, daß diese beiden Zeitpunkte genau zusammenfielen.

„Nun, und wie ist es denn eigentlich diesmal mit Deinem Herrn?“ examinirte der Doctor.

Verlegen drehte Friedrich die Mütze in den Händen; einer ausführlichen Beschreibung des Zustandes, der ihn so beunruhigte, war seine Rednergabe nicht gewachsen. „Ich weiß nicht – aber es ist ganz anders als sonst,“ beharrte er hartnäckig.

„Unsinn!“ sagte der Doctor kurz. „Das muß ich besser wissen. Du giebst ihm die gewöhnliche Arznei, und dann sieh zu, daß Du ihn heute wenigstens vom Schreibtische weg in’s Freie bringst; aber gieb Acht, daß er sich dabei nicht zur besonderen Erholung einige Folianten einpackt. Hörst Du?“

Damit stieg der Arzt die Treppe hinunter und fragte unten in der Wohnung angekommen nach seiner Nichte.

„Sie ist ausgegangen!“ berichtete die Frau Doctorin ihm in völlig übler Laune. „Bereits seit vier Uhr und wie gewöhnlich wieder ganz allein. Ich bitte Dich, Stephan, sprich Du doch einmal mit ihr und stelle ihr das Unpassende und Abenteuerliche dieser stundenlangen einsamen Spaziergänge vor Augen.“

„Ich?“ sagte der Doctor, durchaus nicht erbaut von dieser Zumuthung. „Nein, liebes Kind, das ist Deine Sache, das mußt Du mit ihr besprechen.“

„Besprechen!“ rief die alte Dame gereizt, „als ob man überhaupt bei Jane dazu gelangen könnte! Sobald ich mit einer leisen Hindeutung darauf oder auf irgend eine der anderen Freiheiten anfange, die sie sich nimmt, bekomme ich sofort das unvermeidliche ‚Liebe Tante, bitte, Sie überlassen das wohl meiner Beurtheilung‘, zu hören und damit ist jedes fernere Wort abgeschnitten.“

Der Doctor zuckte die Achseln. „Glaubst Du etwa, daß es mir besser geht?“

„Aber die halbe Stadt spricht bereits über die Freiheiten des Mädchens!“ eiferte die Doctorin. „Man macht uns verantwortlich dafür und begreift nicht, wie wir so etwas dulden können.“

„Wirklich?“ sagte Doctor Stephan mit philosophischer Ruhe. „Nun, dann wünsche ich Allen, die darüber sprechen, daß sie Jane nur eine einzige Woche im Hause hätten, um ihre Autorität zu probiren; es würde ihnen bald die Lust dazu vergehen. Jane mit ihrer Schroffheit und der Professor da oben mit seiner Sanftmuth, das sind zwei Starrköpfe, gegen die ganz B. nichts ausrichtet; dazu giebt es bei denen nur eine Möglichkeit – ihnen den Willen zu thun!“




Der Doctor hatte Recht, Miß Forest kümmerte sich in der That sehr wenig darum, ob man ihre einsamen Ausflüge ist B. passend fand oder nicht, es gefiel ihr eben so. Nicht, daß sie eine besondere Neigung für einsames, träumerisches Umherstreifen hegte, dergleichen lag ihr fern, aber sie wünschte die Umgebung der Stadt kennen zu lernen, und da sie nach Atkins’ Entfernung Niemand fand, den sie ihrer Begleitung für würdig hielt, so ging sie einfach allein.

So hatte sie auch wieder, nachdem ein längerer Spaziergang sie stundenweit von B. entfernt, den Ruinenberg erstiegen, von dessen Gipfel die Trümmer einer uralten Burg weit in’s Land hineinblickten. Ermüdet von dem weiten Gange ließ sie sich auf einem Ueberrest der alten Ringmauer nieder und sah, an das Gestein gelehnt, hinaus in die Landschaft. Jetzt war der Nebelschleier weggezogen, der sie am Tage ihrer Ankunft so dicht und düster eingehüllt, und was er damals ihren Augen verbarg, lag jetzt, vom reichsten Sonnengold umflossen, zu Jane’s Füßen ausgebreitet.

Sie lehnte sich tiefer in den Schatten der Mauer zurück. Es ging ihr seltsam mit diesen deutschen Landschaften, es wehte sie daraus etwas an, was sie beim Anblick der großartigste Naturscenen nie empfunden, ein Hauch von Wehmuth, von Sehnsucht, von Heimweh. Heimweh! Sie hatte das Wort nie verstanden, nicht als sie die Mutter daran sterben sah, nicht als es dem Vater in seinen letzten Lebensstunden so überwältigend nahte; erst seit sie den Boden betreten, dem sie, fremd in allem Anderen, doch durch das heilige Recht der Geburt angehörte, regte es sich bisweilen in ihr dunkel und mächtig, wie eine ferne, halb verklungene Erinnerung an die erste Jugendzeit, als der Vater ihre Erziehung noch nicht so energisch überwachte und sie noch gänzlich der Mutter überlassen war, die mit den Märchen und Liedern der alten Heimath auch in dem Kinde jenes Sehnen wach rief, welches das Eingreifen des Vaters später so völlig vernichtet und in Bitterkeit verwandelt hatte. Es war ein seltsames, ein für Jane beinahe unheimliches Gefühl, und sie wußte genau den Moment, wo es begonnen. Nicht bei einem großartigen Rundblick, wie dem jetzigen, war es gewesen, nicht bei den reichen Landschaftsbildern der Rheintour, die sie erst kürzlich mit ihrem Oheim und Atkins unternommen; im Nebelgeriesel der Landstraße, am Rande jener Fliederhecke, aus deren Knospen das erste Grün hervorbrach, als die grauen Schleier ringsum Alles enthüllten und nur das Rauschen des Stromes zu ihr herüberdrang – da war es zum ersten Mal

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 263. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_263.jpg&oldid=3048975 (Version vom 1.10.2017)