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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


No. 17.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Ein Held der Feder.
Von E. Werner.
(Fortsetzung)


„Sie sollten,“ ergriff der Professor das Wort, „mit Ihrer Verachtung etwas weniger freigebig sein, Miß Forest, und es giebt Dinge, die deren würdiger sind, als unsere Poesie.“

„Für die ich nicht empfänglich bin.“

„Für die Sie es nicht sein wollen, und die sich ihr Recht ebenso erzwingen wird, wie die Heimath, deren Zauber Sie vorhin unterlagen, gerade in dem Moment, wo Sie sie klein und dürftig nannten.“

Jane war einen Augenblick sprachlos vor Ueberraschung und Zorn. Wer lehrte diesen Menschen, der in seiner Träumerei und Zerstreutheit so oft das Einfachste, Nächstliegende vergaß, ihr so tief in’s Innerste blicken, ihr, deren Züge nie verriethen, was dort innen vorging? Wer hieß ihn mit so empörender Klarheit Empfindungen aufdecken, die sie sich selbst noch nicht gestanden? Zum ersten Male gewann jene unerklärliche Beklemmung, die sie stets in seiner Gegenwart befiel, einen bestimmten Anhalt; sie fühlte dunkel, daß ihr von diesem Manne irgend eine Gefahr drohe, daß sie ihn fern halten müsse um jeden Preis, selbst um den einer Beleidigung.

Miß Forest richtete sich mit ihrer ganzen Hoheit empor und maß den Professor vom Kopf bis zu den Füßen. „Ich bedaure, Mr. Fernow, daß Ihr Scharfblick Sie diesmal getäuscht hat. Ueber meine Sympathien und Antipathien steht mir wohl allein das Urtheil zu; im Uebrigen versichere ich Sie, daß ich Sentimentalität und Träumerei, gleichviel in welcher Gestalt, gründlich hasse, und daß mir nichts auf der ganzen Welt so zuwider ist als – Federhelden!“

Das Wort war heraus, und als habe er eine Wunde empfangen, so zuckte der Professor auf unter diesem Hohne. Die jähe Flamme loderte wieder in seinem Antlitz empor und aus den blauen Augen sprühte ein Blitz, daß jede Andere als Jane davor gebebt hätte; einen Moment lang schien eine wilde leidenschaftliche Entgegnung auf seinen Lippen zu schweben; dann wandte er sich plötzlich seitwärts und legte die Hand über die Augen.

Jane stand unbeweglich; jetzt hatte sie ihren Willen, der Sturm war wachgerufen wie damals, als er sie so plötzlich emporgehoben. Was nun?

Nach einer secundenlangen Pause wendete sich Fernow wieder zu ihr. Sein Gesicht war wieder bleich, aber vollkommen ruhig und seiner Stimme fehlte jener eigenthümlich vibrirende Klang, den sie während der ganzen Unterredung gehabt.

„Sie scheinen zu vergessen, Miß Forest, daß auch die Vorrechte einer Dame ihre Grenzen haben. Wenn man Ihnen in der Gesellschaft aus, wie ich fürchte, sehr eigennützigen und persönlichen Motiven erlaubt, darüber hinauszugehen, so möchte ich Sie daran erinnern, daß ich nicht zu dieser Gesellschaft gehöre und directe Beleidigungen nicht dulde. Einem Manne würde ich anders geantwortet haben. Ihnen – kann ich nur versichern, es wird hinfort meine eifrigste Sorge sein, daß unsere Wege sich nicht wieder kreuzen.“

Und mit einer Verbeugung, genau so vornehm kalt, so hochmüthig, wie sie der jungen Dame selbst gegen mißliebige Personen zu Gebote stand, drehte er ihr den Rücken und verschwand hinter der Mauer.

Jane blieb zurück in einer Art von Betäubung, die erst allmählich dem Bewußtsein dessen Platz machte, was man sich eigentlich gegen sie erlaubt hatte. Beschämt, ausgescholten, zurechtgewiesen! sie, Jane Forest! von diesem armseligen Gelehrten, auf den sie bis zu dieser Stunde noch mit mitleidiger Verachtung herabgeblickt hatte! Freilich, mit der Verachtung war es jetzt vorbei, wer konnte aber auch ahnen, daß dieser Mann, so scheu, so unbeholfen im gewöhnlichen Leben, sich in einem Moment, wo die conventionellen Schranken fielen, so enthüllen würde! Jane empfand mitten in ihrer Aufregung doch etwas wie eine tiefe Genugthuung, daß er sich gerade ihr und nur ihr allein von dieser Seite zeigte, aber das minderte ihren Zorn durchaus nicht, so wenig wie das Bewußtsein, daß sie ihn absichtlich bis zum Aeußersten getrieben und die Entgegnung eine verdiente war. Eins wenigstens war diesem deutschen Professor gelungen, was bisher noch Niemand vermocht hatte: die eisige Kälte, welche die junge Dame bisher Allem entgegensetzte, zu durchbrechen und statt ihrer eine Leidenschaftlichkeit wach zu rufen, die ihm freilich am feindseligsten war. Jetzt haßte sie diesen Mann, der ihr die erste Demüthigung aufgezwungen, haßte ihn mit der ganzen Energie einer stolzen, verwöhnten Natur, die sich bisher für unnahbar gehalten und jetzt zum ersten Male ihren Meister fand. Die kostbaren Spitzen ihres Taschentuches mußten es entgelten, sie lagen zerpflückt am Boden, es kümmerte sie nicht, daß die Dunkelheit hereinbrach, daß sie zwei Stunden weit von B. entfernt war und zu Fuß dorthin zurück mußte, es kümmerte sie überhaupt nichts nach diesem Auftritt. Mit einer heftigen Bewegung raffte sie ihren Hut vom Boden auf und stieß verächtlich mit dem Fuße die Epheuranken fort, die sich um ihr Kleid schlangen.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 277. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_277.jpg&oldid=3048978 (Version vom 1.10.2017)