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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


No. 18.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Ein Held der Feder.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


„Ruhig, ruhig, Miß Jane!“ sagte Atkins kalt, indem er seine Hand auf ihren Arm legte. „Die Sache ist noch keineswegs entschieden! Eine Spur, die nur auftauchte, um sich sofort wieder zu verlieren, und uns einen nur sehr schwachen Anhalt für die Zukunft übrig läßt, das ist vorläufig das einzige Resultat, das ich ihnen mitbringe.“

Miß Forest hatte bereits ihre Fassung wieder. „Gleichviel! Es ist das erste Lebens- und Daseinszeichen! Was haben Sie entdeckt? Wie gelangten Sie dazu?“

Atkins zog sie ruhig auf das Sopha nieder und nahm an ihrer Seite Platz.

„Mäßigen Sie ihre Ungeduld Jane. Ich werde so klar und kurz als möglich sein, das Ausführliche mögen Sie später erfahren. – Sie wissen, daß ich bereits auf unserer Durchreise in Hamburg die nöthigen Schritte that und den betreffenden Aufruf erließ; es erfolgte, wie gewöhnlich, keine Antwort. Nach vier Wochen reiste ich auf ihren Wunsch wieder dorthin, um mich persönlich von der Erfolglosigkeit unserer Bemühungen zu überzeugen. In den ersten Tagen meines Aufenthaltes schien dies in der That der einzige Gewinn der Reise, am dritten meldete sich bei mir ein Matrose.“

„Ein Matrose?“ wiederholte Jane erstaunt.

„Ja. Er war soeben erst mit seinem Schiffe angelangt, hatte zufällig Kenntniß von jenem Aufruf erhalten und kam nun, mir mitzutheilen, daß vor zwanzig Jahren die Nachbarn seiner Eltern, arme Fischersleute aus einem kleinen Stranddorfe der Nordseeküste, von Hamburg, wohin sie zu Markte gereist waren, einen dort aufgefundenen Knaben mitgebracht hatten den sie bei sich behielten, und der mit ihrem eigenen Sohne zusammen aufwuchs. Die Angaben des Mannes waren so bestimmt, daß sie ihm in der That die ausgesetzte Belohnung eintrugen, und mich veranlaßten, sofort nach dem bezeichneten Orte zu schreiben.“

Jane war seinen Worten mit leidenschaftlicher Spannung gefolgt. „Sie haben bereits Antwort?“

„Ja, eine sehr ausführliche! Sie werden ja den Brief selbst lesen, für mich geht unzweifelhaft daraus hervor, daß jener Knabe in der That der junge Mr. Forest war; Datum, Alter, ungefähre Beschreibung, alles stimmt genau mit meinen Notizen. Daraus erklärt sich auch die Resultatlosigkeit aller Nachforschungen. Die Fischersleute haben mit dem gewöhnlichen Unverstande solcher Menschen, statt den Behörden Anzeige von ihrem Findling zu machen, ruhig gewartet, daß er ihnen früher oder später wieder abgefordert werde, und ihn einstweilen zu sich genommen. Sie hatten längst Hamburg verlassen, als der Brief aus Amerika eintraf und Doctor Stephan die ersten Schritte that, und in jenes elende, auf seinen Sanddünen von aller Welt abgelegene Fischerdorf ist schwerlich jemals eine Zeitung gedrungen.“

„Nun, und jene Leute?“ unterbrach ihn Jane mit äußerster Ungeduld.

„Sind todt! Sie starben schon nach einigen Jahren, und da die ohnehin arme Gemeinde sich nicht mit der Sorge für die beiden Knaben belasten konnte und wollte, so kam der Fischerssohn zu Verwandten, einem Handwerker in einer kleinen norddeutschen Stadt, der junge Mr. Forest dagegen fand Aufnahme bei einem Geistlichen in einem der Nachbardörfer, der indessen auch schon seit Jahren seine Pfarre und die Gegend verlassen hat. Hier endigt der Brief und damit vorläufig auch meine Nachforschungen.“

Mit einem tiefem Athemzuge erhob sich Jane. So entmuthigend auch der Schluß lautete, für sie bedurfte es nicht mehr als eines Fingerzeiges, um sofort ihre ganze Thatkraft wach zu rufen. In einer Minute hatte sie das Alles überschaut und beherrschte die ganze Sache bereits mit der nöthigen Klarheit und Energie.

„Wir müssen vor allen Dingen den Verbleib jenes Geistlichen ermitteln, und uns zunächst wegen der Auskunft darüber nach seiner ehemaligen Pfarre wenden. Ist er nicht aufzufinden, dann müssen wir unsere Nachforschungen auf den Handwerker ausdehnen, der den anderen Knaben zu sich nahm, vielleicht blieb er in irgend einer Verbindung mit dem Jugendgefährten. Jedenfalls muß die kaum gehoffte Spur rasch und entschieden verfolgt werden.“

„Das ist auch meine Ansicht. Ich wollte nur zuvor mit Ihnen Rücksprache nehmen, um dann die nöthigen Recherchen zu veranlassen. Doch noch eins! Ich habe auf Ihren ausdrücklichen Wunsch bisher gegen Mr. Alison geschwiegen; er hat keine Ahnung von der möglichen Existenz eines Schwagers. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, ihm Eröffnungen zu machen?“

„Nein!“ sagte Jane mit einer eigenthümlichen Schroffheit. „Nicht eher, bis ich Gewißheit habe! Wir können von ihm weder Unterstützung noch Wohlwollen für Bemühungen erwarten, die ihn möglicherweise um die Hälfte des Vermögens verkürzen, auf das er rechnet.“

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 293. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_293.jpg&oldid=3048992 (Version vom 1.10.2017)