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den Text lesen! Ich fahre mit Ihnen hinüber nach H. und da soll er es mir mit seinem Einfluß und seinen Bekanntschaften durchsetzen, daß Sie zum Bureaudienst commandirt werden. Das halten Sie zur Noth noch aus, denn ganz rückgängig kann die Sache nun einmal doch nicht gemacht werden.“

In dem Antlitz des Professors stieg wieder die sturmverkündende dunkle Röthe auf, seine Stirn zog sich finster zusammen und seine Stimme klang eigenthümlich gereizt, als er erwiderte: „Ich danke Ihnen für den guten Willen, Doctor, muß aber alle und jede Einmischung Ihrerseits entschieden ablehnen. Ich bin zum Dienst mit der Waffe einberufen und werde dem Rufe folgen, genau so wie er an mich ergangen ist.“

In sprachloser Verwunderung sah der Doctor ihn an. Er war gewohnt, die unbedingteste Autorität über seinen Patienten auszuüben, war noch mehr an die stets geduldige Fügsamkeit desselben gewöhnt und jetzt auf einmal rebellirte dieser ganz offen gegen den zu seinem Besten gefaßten Beschluß. Das war dem Doctor zu viel, er wurde grob.

„Sind Sie toll?“ rief er heftig. „Sie wollen mit der Waffe dienen? Sie? Nein, das übersteigt denn doch alle Begriffe!“

Der Professor schwieg, aber er biß die Zähne zusammen, wie Friedrich es vorhin beschrieben, und schaute blutroth im ganzen Gesichte den Doctor mit einem Blicke an, daß dieser sofort einen anderen Ton anschlug.

Nennen Sie mir nur einen Grund, nur einen einzigen vernünftigen Grund für diesen Unsinn!“ sagte er fast bittend. „Können Sie dem Vaterlande nicht ebenso gut mit der Feder dienen, wenn Sie es sich nun einmal in den Kopf gesetzt haben? Warum wollen Sie nicht in die Bureaux, sagen Sie mir nur warum?“

„Ich will nicht!“

„Sie sind ein Eisenkopf!“ rief Stephan, wieder zornig werdend. „Sie haben darin eine merkwürdige Aehnlichkeit mit meiner Nichte. ‚Ich will nicht!‘ Und nun kann die ganze Welt sich dagegen setzen, es geschieht doch nicht. Genau Jane’s Manier, sogar ihr Ton, als hätten Sie es ihr abgelernt. Einer wie der Andere, ihr könntet zusammen ein Paar abgeben!“

„Doctor, ich bitte, verschonen Sie mich mit diesem albernen Scherz!“ brach der Professor in vollster Heftigkeit aus, indem er heftig mit dem Fuße stampfte.

Doctor Stephan stand einen Augenblick ganz starr vor dieser Kraftäußerung seines sanftmüthigen Patienten, dann aber sagte er in einem Tone aufrichtiger Bewunderung:

„Ich glaube, Sie können jetzt sogar grob werden.“

Fernow runzelte die Stirn und wendete sich ab.

„Nun, es war natürlich nur ein Scherz!“ entschuldigte sich Stephan, „ich weiß ja, daß Sie mit Jane so halb und halb auf dem Kriegsfuße stehen; aber Sie können jetzt merkwürdig heftig werden, Professor! Ich finde überhaupt, daß Sie seit den letzten zwei Monaten gar nicht mehr derselbe sind.“

Fernow vertheidigte sich mit keiner Silbe gegen den Vorwurf, er schwieg hartnäckig.

„Um nun wieder auf die Hauptsache zu kommen,“ begann der Doctor von neuem, diesmal aber etwas kleinlaut, „Sie wollen also meine Verwendung nicht annehmen?“

„Nein!“

„Sie wollen wirklich morgen mit ausmarschiren?“

„Auf jeden Fall.“

„Nun denn – zwingen kann ich Sie nicht, und wenn es denn durchaus nicht anders sein kann,“ hier brach auch bei dem Doctor der Patriotismus durch, er streckte ihm herzlich die Hand entgegen, „so gehen Sie in Gottes Namen. Wer weiß! Am Ende ist der Oberstabsarzt mit seinem Gewaltstreich klüger als wir Alle, und Eins wenigstens hat er Ihnen bewiesen, was Sie mir niemals glauben wollten, daß Sie weder schwindsüchtig sind, noch sonst eine ausgesprochene Krankheit haben, und ihre Nerven – erinnern Sie sich, was ich Ihnen vor vier Wochen anrieth?“

Der Professor hob langsam das Auge zu ihm empor. „Ein Gewaltmittel!“ sagte er leise.

„Richtig! Eine Radicalcur, vor der Sie sich damals entsetzten. Zu einem Tagelöhnerleben konnten Sie sich nicht entschließen, aber in’s Kriegsleben stürzen Sie sich jetzt, ohne mich zu fragen. Nun das Gewaltmittel hätte ich ihnen freilich nicht angerathen, denn damit können wir nicht aufhören, wenn die Dosis sich als zu stark erweist, da heißt es biegen oder brechen! Aber wenn Sie es einmal darauf wagen wollen – Glück zu.“

Der Professor lächelte trübe. „Ich habe wenig Vertrauen zu dieser Blut- und Eisencur,“ sagte er ruhig. „Ich werde fallen, das fühle ich, ob vor dem Feinde, ob in Folge der ungewohnten Anstrengung – gleichviel, jedenfalls schneller und besser, als nach jahrelangem Siechthum hinter dem Schreibtisch. Rauben Sie mir diese Ueberzeugung nicht, Doctor, es ist das Beste, was ich mit mir nehme, so nütze ich doch wenigstens etwas in der Welt!“

„Kommen Sie mir nicht wieder mit ihren Todesahnungen!“ rief der Doctor böse. „Sterben – Unsinn! Das werden wir uns in B. verbitten! Sie nützen also gar nichts im Leben? Sie haben kein Werk geschrieben, über das die ganze Gelehrtenwelt außer sich gerieth vor Bewunderung?“

Um die Lippen des Professors zuckte es mit schmerzlicher Bitterkeit. „Und das der gesammten übrigen Welt ein ‚todter Bücherstaub‘ bleiben wird.“

„Wirklich? und der Artikel, den Sie heut Morgen in der –zeitung losließen, war das auch bloßer Bücherstaub? Ja, entsetzen Sie sich nur, daß ich es weiß, die ganze Stadt weiß es, die Universität dito, – Professor, seit Sie das geschrieben haben, halte ich bei Ihnen alles für möglich, da verzweifle ich an nichts mehr!“

Fernow hörte kaum die letzten Worte, sein Blick war der Hand des Doctors gefolgt, die nach der erwähnten Zeitung wies, und in seinen Augen flammte es plötzlich auf, wie eine tiefe glühende Genugthuung – das Blatt lag in dem Lehnstuhl, wo Jane vorhin gesessen.

„Und Sie sollten sich schämen,“ rief Stephan, in immer größeren Eifer gerathend, „Sie sollten sich wirklich schämen, so kleinmüthig zu sein, während Sie mit ihrer Feder Tausende zu flammender Begeisterung fortreißen.“

Das Antlitz des Professors verdüsterte sich wieder, es lag ein harter bitterer Ausdruck darauf.

„Mit der Feder!“ sagte er langsam. „Die Feder hat sich noch immer die Verachtung gefallen lassen müssen, wo der Augenblick Thaten fordert. Ich stehe jetzt mit all meinem Wissen und Können hinter Friedrich zurück, der mit einem Paar kräftiger Arme für das Vaterland kämpfen kann, ich – kann höchstens sterben dafür, aber gleichviel, ich danke es dennoch ihrem Oberstabsarzte, er hat mich wenigstens losgesprochen von dem Fluche, jetzt nur ein – Federheld zu sein!“

Der Doctor schüttelte den Kopf. „Wenn ich nur wüßte, wie Sie auf einmal zu dieser furchtbaren Bitterkeit kommen! Das klingt ja, als hätte Ihnen irgend Jemand eine tödtliche Beleidigung angethan mit dem Worte. Ich sage es ja, Ihre ganze Natur ändert sich.“

Mit einem schweren gepreßten Athemzuge, als wolle er eine Last von sich werfen, richtete Fernow sich empor.

„Ich vergesse ganz, was mich zu ihnen führt!“ sagte er abbrechend. „Man läßt uns wenig Zeit, wir müssen heut Abend bereits wieder nach H. zurück, da die Ordre auf morgen früh lautet. Ich wollte Sie bitten, meine Wohnung und meine Bibliothek unter ihre Obhut zu nehmen. Im Fall meines Todes schalten Sie mit der ersteren, wie es Ihnen gut dünkt, die letztere bleibt der Universität; es ist manches Werthvolle darunter, ich habe sie zum größten Theil geerbt.“

„Ja, und wenn denn doch einmal ein förmliches Testament gemacht werden soll,“ fiel der Doctor ein, dann bitte ich um die Adresse Ihrer Verwandten, für alle möglichen Fälle. Ich mochte bisher nicht danach fragen, Sie hielten ein so strenges Geheimniß über Ihre Familienbeziehungen.“

„Geheimniß? Ich habe nichts zu verbergen. Ich besitze keine Verwandten.“

„Was, nicht einen einzigen?“

„Niemanden! Ich stehe ganz allein in der Welt!“

Es lag ein ruhiges, aber tiefes Weh in den Worten. Der Doctor schwieg theilnehmend, Fernow reichte ihm die Hand.

„Ich sage ihnen jedenfalls Lebewohl. Jetzt habe ich noch Manches zu ordnen; auf heute Abend denn!“

Er ging. Stephan begleitete ihn bis zur Thür und verabschiedete sich dann mit einem herzlichen Händedruck. Der Professor

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 310. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_310.jpg&oldid=3049229 (Version vom 1.10.2017)