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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)

Wer Miß Forest ist, wollen Sie wissen? Eine Anverwandte unseres ersten Arztes in B., eine junge Amerikanerin, Erbin einer Million, achtzehn Jahre alt, bildschön, ein Meteor, dem ganz B. zu Füßen lag und zu dessen unglücklichem Anbeter auch ich mich bekenne. Gnade Dir Gott, Friedrich, wenn Du Dir eine Unhöflichkeit hast zu Schulden kommen lassen!“

Er eilte fort. Die kurze Biographie aber, welche er von Miß Forest entworfen, hatte die gesammte Gesellschaft elektrisirt. Die Worte: „Millionärin, achtzehn Jahre, bildschön“, waren wie ebensoviele Zünder in die Ohren und Herzen der jüngeren Officiere gefallen, sie stürzten sämmtlich nach, um gleichfalls dieser interessanten Bekanntschaft theilhaftig zu werden. Sogar der ästhetische Adjutant erhob sich feierlich und folgte mit langen Schritten; die Sache versprach ungeheuer romantisch zu werden.

„Friedrich,“ sagte der dicke Hauptmann, der allein bei der Bowle sitzen geblieben war, in vollster Gemüthsruhe, „Friedrich, da haben Sie wieder einmal eine grenzenlose Dummheit angestiftet!“

Friedrich stand da mit offenem Munde, niedergeschmettert, völlig herabgestürzt von der Höhe seines Selbstbewußtseins. Er warf einen verwirrten Blick auf den Eingang des Parkes, wo seine „Spione“ soeben mit der respectvollsten Artigkeit in Empfang genommen wurden, einen zweiten kläglichen auf den vor ihm sitzenden Officier, und den Kopf senkend sagte er mit trauriger Ueberzeugung:

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.“




Fernow hatte in Bezug auf die Gastfreundschaft seiner Cameraden nicht zu viel versprochen. Der Major bestätigte in letzter Instanz seinen Ausspruch; die Weiterreise konnte unter keinen Umständen gestattet werden, dagegen war man gern bereit, die Fremden, die im Dorfe in der That kein Unterkommen mehr fanden, und die sich durch ihre genaue Bekanntschaft mit zweien der Officiere hinreichend legitimirten, für die Nacht im Schlosse aufzunehmen, wo noch eine Anzahl herrenloser, prachtvoll eingerichteter Zimmer zur Disposition standen. Leider wurden jedoch die Hoffnungen der jüngeren Herren auf eine nähere Bekanntschaft mit der interessanten Millionärin gründlich getäuscht. Sie sahen eben nur genug von ihr, um dem Doctor Recht zu geben, wenn er sie jung und bildschön nannte, im Uebrigen aber zeigte sich Miß Forest nicht geneigt, die Huldigungen dieses kriegerischen Cirkels entgegenzunehmen, sie war auf’s Aeußerste ermüdet, angegriffen von der Reise, und zog sich sofort nach den unvermeidlichen Begrüßungen und Vorstellungen in das ihr angewiesene Gemach zurück. Doctor Behrend zeigte eine niedergeschlagene, die Anderen eine ärgerliche Miene, aber die junge Dame hatte in der That so marmorblaß ausgesehen, und die wenigen Worte, welche sie überhaupt gesprochen, hatten sie eine so sichtliche Anstrengung gekostet, daß man ihr wohl die Ruhe gönnen mußte, deren sie augenscheinlich dringend bedürftig war. Ihre beiden Begleiter dagegen konnten sich nicht der Aufforderung entziehen, an der noch nicht beendigten Bowle theilzunehmen; Atkins glänzte wie gewöhnlich durch seine sarkastische Lebendigkeit, die heute noch brillanter war, da ihr die Aufgabe zufiel, das düstere Schweigen, in das sein Gefährte sich hüllte, vergessen zu machen. Allerdings kam Alison dabei seine Unkenntniß der deutschen Sprache zu Hülfe, aber auch der Doctor, der sich artig zum Dolmetscher hergab, vermochte dem finstern Gaste kaum die nothwendigsten Antworten abzugewinnen. Er schob die Schuld dieses fortwährenden Stockens der Unterhaltung auf sein mangelhaftes Englisch und vertröstete den Fremden auf die baldige Zurückkunft seines Freundes Fernow, der der Sprache vollkommen Herr sei. Henry’s Lippen zückten, er verbat sich mit eisiger Höflichkeit jede Bemühung seinetwegen, und Lieutenant Fernow schien auch gerade heute seine Runde in’s Unendliche auszudehnen, er kam nicht. Dagegen erhielt der Major eine dem Anschein nach wichtige Meldung, er winkte dem Adjutanten und zog sich mit ihm zurück, das war das Zeichen zum Aufbruch auch für die übrigen Herren, und die beiden Amerikaner erhielten jetzt endlich die Freiheit, sich gleichfalls zurückzuziehen.

Die Wagen waren inzwischen nachgekommen und das Gepäck war hereingebracht worden, es dämmerte bereits stark, als die Beiden in das ihnen angewiesene Zimmer traten, welches, ebenso wie das für Jane bestimmte, im ersten Stockwerk des Schlosses lag, während die Officiere sich sämmtlich im Erdgeschoß einquartiert hatten, um im Falle irgend eines Alarms im Dorfe sofort bei der Hand zu sein. Atkins warf sich mit einem Seufzer der Erleichterung, als sei er endlich eines lästigen Zwanges entbunden, in das Sopha, Henry begann schweigend im Zimmer auf und ab zu gehen. Vergebens wartete sein Gefährte auf ein Wort, auf irgend eine Aeußerung, kein Laut kam von seinen Lippen, er ging stumm nur immer auf und nieder, die Arme übereinandergeschlagen, das Haupt gesenkt – dies fortwährende Schweigen wurde für Atkins zuletzt unheimlich.

„Das kann nicht so fortgehen, Henry!“ hob er plötzlich an. „Die Sache muß doch einmal zur Sprache kommen! Sie haben so gut wie ich die seltsame Scene im Dorfe beobachtet. Was denken Sie davon?“

Alison blieb stehen und hob den Kopf. „Weshalb kamen Sie mit Miß Forest hierher?“ fragte er statt aller Antwort in schneidendem Tone.

„Henry, ich bitte Sie –“

„Weshalb kamen Sie mit Miß Forest hierher?“ wiederholte Alison, aber diesmal bebte die unterdrückte Wuth in seiner Stimme.

„Wegen – einer Familienangelegenheit!“

Henry lachte bitter auf. „Sparen Sie sich die Lüge. Ich weiß jetzt Alles!“

„Dann wissen Sie in der That mehr als ich!“ erklärte Atkins ernst. „Ich wenigstens habe jene Scene nur zum Theil verstanden. Dieser Fernow – nun, seine Gefühle bedürfen schwerlich der Erklärung, er verrieth sie in der Ueberraschung deutlich genug; weshalb aber Miß Jane bei seinem Anblick mit solchem Entsetzen zurückschreckte, als sehe sie ein Gespenst vor sich, das ist mir unbegreiflich.“

„Auch mir!“ sagte Alison mit eiskaltem Hohne. „Man erschrickt gewöhnlich nicht, wenn man das so lange und mühevoll Gesuchte endlich erreicht.“

Atkins runzelte die Stirn. „Ein Glück, daß Miß Jane Sie nicht hört, diesen Verdacht vergäbe sie Ihnen niemals. Sie behaupten, sie zu genau zu kennen, um ihr eine zwecklose Abenteuersucht zuzutrauen, und jetzt beschuldigen Sie sie, mit Verleugnung aller Sitte und alles Anstandes, einem Fremden, einem Manne nachgereist zu sein! Miß Forest trauen Sie das zu? Pfui, Henry!“

Alison blieb unbeweglich bei dem Vorwurfe, der kalte Hohn lag noch immer in seinem Tone.


(Fortsetzung folgt.)




Ein Musterkrankenhaus.


Von Dr. med. L. Fürst.


Wir Deutsche sind so sehr daran gewöhnt, in großen Reformen Nachtreter des Auslandes zu sein, daß wir erst allmählich die Energie gewinnen, welche zur Beseitigung veralteter Mißbräuche nothwendig ist. Man kann behaupten, daß diese Errungenschaft, zu welcher neben aller wissenschaftlichen und theoretischen Gründlichkeit doch auch Thatkraft und ein rasch erfassender, praktischer Sinn erforderlich sind, erst mit dem Aufschwunge unseres nationalen Bewußtseins so recht lebendig geworden ist. Mit der Ueberzeugung, ein großes, einheitliches, tonangebendes Volk geworden zu sein, haben wir es auch rasch gelernt, den Nationen, welchen wir jetzt politisch ebenbürtig sind, ihre besseren Eigenschaften abzulauschen. Mit der Leichtigkeit und Eleganz des Franzosen suchen wir die technische Geschicklichkeit des Engländers und das praktische Verwaltungs- und Organisationstalent des Nordamerikaners zu verbinden. Der Stolz auf unsere nationale Stellung, welche uns eine einflußreiche Stimme auf dem Gebiete der Politik sichert, hat das Streben, es in allen Einrichtungen und Neuerungen den anderen Völkern zuvorzuthun, in einem hohen Grade wachgerufen.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 344. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_344.jpg&oldid=3049330 (Version vom 1.10.2017)