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Walther wendete sich um. „Was giebt es?“ frug er verstört. „Wohin soll ich?“

„Zum Herrn Major, alle die Herren Officiere sind da versammelt!“

„Es ist gut, ich werde kommen!“

Die Thür fiel wieder in’s Schloß, man hörte den schweren Schritt Friedrich’s sich entfernen. Walther wendete sich noch einmal zu Jane zurück, sein Antlitz war todtenbleich, nur in den Augen brannte eine wilde Unruhe.

„Du hörst es, ich muß fort! Wir sind im Kriege, die nächste Stunde, der nächste Augenblick schon kann uns von einander reißen. Johanna, ich frage Dich zum letzten Male, kannst und willst Du nicht die Meine werden?“

„Nie, Walther! Und gäbe Alison mich frei und fiele jede andere Schranke – niemals!“

„So lebe wohl!“ stieß er verzweifelt hervor und streckte die Arme aus, als wolle er sie an seine Brust reißen, aber mit einer zuckenden Bewegung wich Jane zurück und hob abwehrend die Hand. Einen Moment lang stand er wie erstarrt vor ihr, dann neigte er sich tief und fremd.

„Sie haben Recht, Miß Forest! Leben Sie wohl!“

Er war fort, Jane blieb allein zurück, allein mit der Felsenlast auf ihrer Brust, denn noch war der letzte Schleier nicht gehoben, das letzte Wort nicht gesprochen worden. Wohl hatte es sich gewaltsam auf ihre Lippen gedrängt, aber eine fremde Macht hatte es zurückgehalten, die Furcht, ihn noch mehr leiden zu sehen, als durch ihr bloßes Nein. Sie, die sonst Niemand schonte, weil sie stets schonungslos gegen sich selbst war, zitterte setzt vor einem fremden Schmerz. Zum ersten Male verlor das harte „es muß sein“ des Vaters seine Kraft, zum ersten Male konnte sie nicht, einer unabwendbaren Nothwendigkeit gegenüber. Sie hatte all’ den Kämpfen und Qualen fest die Stirn geboten, aber als es jetzt darauf ankam, auch ihn diesen Kämpfen preiszugeben, da regte sich das Weib in ihr mit all’ seiner Angst, all’ seiner Zaghaftigkeit, sie bebte scheu und feig zurück vor dem entscheidenden Worte – um seinetwillen.

„Morgen! Bis dahin hat er sich mit dem Verluste vertraut gemacht, er wird dann auch das ‚Warum‘ leichter tragen; jetzt hätte es ihn vernichtet! Aber,“ hier war es auch mit Jane’s Kraft zu Ende, ihre Stimme brach in einem leisen Aufschluchzen, „ich wäre auch gestorben, wenn er es ertragen hätte!“




In dem Zimmer des Majors sah es sehr ernst aus, es schien, als solle dort ein förmlicher Kriegsrath gehalten werden. Der Major selbst ging mit finsterer Miene, die Hände auf den Rücken gelegt, im Gemach auf und nieder, der Adjutant und ein jüngerer Lieutenant standen mit unruhigen und bedenklichen Gesichtern seitwärts am Tische, die übrigen Officiere, unter denen sich auch Doctor Behrend befand, waren der an sie ergangenen Weisung, sich sofort herzuverfügen, bereits gefolgt, Walther trat als der Letzte ein.

„Ich habe Sie rufen lassen, meine Herren,“ begann der Major in sichtbarer Aufregung, „um Ihnen eine schlimme Nachricht mitzutheilen. Sie wissen, daß wir Verstärkung erwarten, Hauptmann Schwarz bricht morgen in der Frühe mit seinem Bataillon von L. auf, um sich hier mit uns zu vereinigen; die Bergstraße galt für sicher, ich habe es selbst nach L. hin gemeldet, jetzt erst ergiebt sich, daß das ein heilloser Irrthum war!“

Eine unruhige Spannung zeigte sich auf allen Gesichtern, aller Blicke hafteten auf dem Major, der noch immer in derselben Erregung fortfuhr:

„So eben kehrt Lieutenant Witte mit seiner Streifpatrouille zurück. Er ist unterwegs eines Bauern habhaft geworden, der auf die ihm gestellten Fragen nichts antworten wollte, und bei dem nun folgenden Streit in der Wuth und Betrunkenheit so seltsame Dinge schwatzte, so höhnische Winke gab, daß man genöthigt war, sich seiner zu versichern. Bedroht und völlig nüchtern gemacht, hat er sich denn auch zu Geständnissen herbeigelassen, die leider durch die sofort angestellten Recognoscirungen Wort für Wort bestätigt wurden. Die Franctireurs liegen mit dreifacher Uebermacht oben im Gebirge, keine zwei Stunden entfernt, zwischen hier und L., sie halten die Bergstraße besetzt, es gilt einen Ueberfall der Unsrigen, von deren Marsch sie Kenntniß erhalten haben.“

Eine Bewegung des Schreckens gab sich unter den Officieren kund, sie kannten das Terrain hinlänglich, um die Gefahr, die ihren Cameraden drohte, im vollsten Umfange zu ermessen.

„Ich habe es gleich gefürchtet,“ sagte der Hauptmann nach einer augenblicklichen Pause, „daß diesem völligen Verschwinden der Banden irgend eine Kriegslist zu Grunde lag. Es war zu auffallend, daß in den letzten Tagen die Pässe auf einmal gesäubert waren und unsere Posten ganz harmlos in den Bergen spazieren gingen, während sonst aus jeder Felsspalte auf sie geschossen wurde. Sie haben sich seitwärts gezogen, um uns sicher zu machen, haben sich unterdeß gesammelt und brechen nun aus ihren unzugänglichen Schlupfwinkeln hervor, um einen Hauptschlag auszuführen.“

„Die Frage ist nun,“ nahm der Major wieder das Wort, „wie wir eine Warnung nach L. gelangen lassen. Die Verbindung damit ist unterbrochen, der Paß ist gänzlich gesperrt, wie Lieutenant Witte berichtet.“

„Gänzlich, Herr Major!“ bestätigte der junge Officier, an den sich der Vorgesetzte bei den letzten Worten wandte. „Sie halten sowohl die Bergstraße als den Fußweg besetzt, der jenseit des Flusses an den Felsen entlang führt. Es kann erst kürzlich geschehen sein, denn heute Morgen noch war der Weg frei, aber es ist die engste Stelle des Thales, sie beherrschen es dort vollständig, und jede Patrouille, jeder Einzelne, der sich dort blicken ließe, würde fraglos niedergeschossen.“

„Und fassen sie die Unsrigen in jenem Engpaß, so kommt auch nicht ein Einziger lebend davon!“ rief der Major heftig. „Sie werden ihnen von vorn und hinten den Weg verlegen und, selbst gedeckt, aus der Höhe auf sie feuern. Es ist zum Rasendwerden!“

„Könnte man die Botschaft nicht über E. schicken?“ schlug der Adjutant vor. „Dort ist die Straße jedenfalls noch frei.“

„Aber auch das halbe Gebirge zu umgehen! Das dauert zu lange; bei dem ersten Tagesgrauen bricht das Bataillon auf, wenn die Warnung nicht bis drei Uhr Morgens zur Stelle ist, so kommt sie zu spät!“

„Herr Major!“ Die Stimme des jungen Lieutenants Witte klang etwas schüchtern, als er sich gleichfalls mit einem Rathe hervorwagte, aber aus seinen Augen blitzte die muthigste Entschlossenheit. „Es gäbe wohl noch ein Mittel, das einfachste von allen. Wir gehen mit allen verfügbaren Kräften dem Feinde entgegen, werfen ihn und machen selbst unseren Cameraden die Bahn frei.“

Trotz des furchtbaren Ernstes der Situation lächelte der Major einen Augenblick, dann aber schüttelte er das Haupt.

„Der Einfall macht Ihnen alle Ehre, Lieutenant Witte, aber er kann nur in einem dreiundzwanzigjährigen Kopfe entstehen, ausführbar ist er nicht. Sie hören es ja, der Feind hat die dreifache Uebermacht, das Terrain giebt ihm eine zehnfache. Wir würden das Schicksal theilen, das morgen den Unsrigen droht, ohne sie zu retten.“

Unter den Officieren hatte sich bei dem Vorschlag ihres Cameraden eine lebhafte Zustimmung kundgegeben, sie bestürmten auch jetzt den Major mit Bitten, ihn in Ausführung zu bringen, aber dieser blieb fest.

„Damit sie uns im Rücken fassen, nicht wahr? Steckt das Gesindel nicht etwa auch hier herum in allen Wäldern, haben sie unter den Einwohnern nicht überall Spione? Unser Abmarsch, der ihnen sofort verrathen würde, wäre für sie das Signal, uns zu folgen, und wir, zwischen zwei Feuern eingekeilt, könnten weder vor- noch rückwärts. Unmöglich! Wir verlassen unseren Posten nicht, aber wir werden während der Nacht doppelt auf unserer Hut sein. Wer weiß, wie weit hinaus der Plan und die Verbindung dieser Banden untereinander reicht; vielleicht haben sie hier einen zweiten Ueberfall vor, der diesmal uns gilt.“

Das Gewicht dieser Gründe war zu schlagend, als daß sich etwas dagegen hätte einwenden lassen; Alles schwieg.

„Aber wir können doch nicht ruhig zusehen, wie die Unsrigen ahnungslos in ihr Verderben marschiren!“ mischte sich jetzt auch Doctor Behrend ein.

„Nein!“ sagte der Major entschlossen. „Die Botschaft muß hin! Und wäre das Gebirge noch zehn Mal unwegsamer, die Möglichkeit muß gefunden werden!“

(Fortsetzung folgt.)
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 360. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_360.jpg&oldid=3049473 (Version vom 1.10.2017)