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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


zu fallen, an der Seite der Cameraden, mit den Waffen in der Hand, als bei Nacht und Nebel einsam und wehrlos einer Kugel aus dem Hinterhalt zu erliegen, oder vielleicht einem noch schlimmeren Schicksal zu verfallen. Es gehörte mehr als gewöhnlicher Muth zu einem solchen Ende, das hier fast mit Gewißheit zu erwarten stand, und man hätte jeden Anderen lieber geopfert als gerade Walther Fernow.

„Ihnen, Lieutenant Fernow?“ sagte der Major langsam. „Das geht nicht! Ich darf bei solcher Gelegenheit keinen Offizier opfern, wir haben ohnedies deren genug verloren in den letzten Schlachten, und brauchen sie nothwendiger für’s Gefecht. Solch eine Botschaft ist Sache der Mannschaften, und zwar werde ich Freiwillige dazu aufrufen lassen.“

Walther trat noch einen Schritt näher zum Tische, das Licht der Kerzen fiel voll und klar auf sein Antlitz, es war bleich und fast wie Marmor.

„Ich bin augenblicklich der Einzige, der den Weg kennt, und also auch der Einzige, der ihn gehen kann. Beschreiben läßt er sich nicht; den Gang einem Anderen übertragen, hieße das Gelingen von vorn herein in Frage stellen.“

„Aber,“ in der Stimme des Majors lag eine unterdrückte Bewegung, „ich kann gerade Sie am wenigsten entbehren, und, ich wiederhole es Ihnen, die Möglichkeit den Pfad offen zu finden ist nur schwach – Sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach niedergeschossen!“

„Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Jedenfalls kann diese Möglichkeit mich nicht von einem Wagniß zurückhalten, das man Gemeinen übertragen will!“

Der Major trat rasch auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Sie haben Recht!“ sagte er einfach. „Nun denn in Gottes Namen! Gelingt es, so retten Sie ein paar Hundert unserer braven Jungen, wo nicht – nun, es stirbt sich von einer verirrten Kugel auch nicht schwerer den Heldentod! – Wie viel Bedeckung wollen Sie mitnehmen?“

„Niemand! Werden wir überhaupt angegriffen, so erliegen wir auch der Uebermacht, und wo erst einer fällt, kommen die anderen sicher nicht durch, wenn der Feind einmal aufmerksam geworden ist. Es hieße die Leute nutzlos opfern, da zu der Botschaft ein Einziger genügt. Außerdem könnte eine größere Anzahl verhängnißvoll werden, wenn sie an den lichteren Stellen in den Mondschein treten muß, ein Einzelner entgeht eher der Beobachtung.“

Der alte Vorgesetzte blickte fast mit einer Art von Bewunderung auf den jungen „Dichter und Träumer“, wie Walther oft genug scherzweise genannt ward, der, wenn er sich erst einmal aus seiner Träumerei gerissen hatte, mit so kühler energischer Besonnenheit vorging, daß sie auch nicht den kleinsten Umstand außer Acht ließ. Er ahnte freilich nicht, welch ein Sturm noch vor kurzem in diesem Manne getobt, und woher die Ruhe stammte, die ihn so der Gefahr entgegentreten ließ.

„Also allein! Und wann denken Sie aufzubrechen?“

„Nicht vor einer Stunde. Der Mond muß erst herauf sein, ich bedarf sein volles Licht, um die Höhe zu erreichen. Bis dahin ist die Helle noch gefahrlos, der Ort liegt zu nahe an L., um hier schon eine Beobachtung von Seiten des Feindes zu besorgen, und Zeit bleibt mir noch reichlich, selbst wenn ein unvorhergesehenes Hinderniß entgegentreten sollte.“

„Nun denn, meine Herren,“ wandte sich der Major jetzt an die Uebrigen, „so gehen Sie jetzt und halten Sie sich die Nacht auf einen Alarm gefaßt. Herr Hauptmann, Sie lassen die Posten verdoppeln und sorgen dafür, daß die vorhin bestimmten Anordnungen genau ausgeführt werden. Ich werde indeß noch das Nöthige mit Lieutenant Fernow besprechen.“

Die Offiziere gehorchten, aber an der Thür wendete sich der Hauptmann noch einmal um:

„Gute Nacht, Lieutenant Fernow!“

Um Walther’s Lippen glitt einen Moment lang ein flüchtiges Lächeln, er wußte, was dies Lebewohl zu bedeuten hatte.

„Gute Nacht, Herr Hauptmann! Gute Nacht, meine Herren!“

Sich umwendend blickte er in die Augen des Doctor Behrend, die ernst und vorwurfsvoll auf ihm ruhten.

„Liegt Dir denn wirklich so ganz und gar nichts mehr am Leben?“ fragte dieser leise und gepreßt.

„Nein!“ lautete die düstere, in demselben Tone gegebene Antwort.

Der Doctor seufzte. „Ich sehe Dich aber doch vorher noch?“

„Wahrscheinlich! Aber geh jetzt, Robert!“

Mit einem zweiten noch schwereren Seufzer folgte der Arzt den Uebrigen, und Walther blieb allein mit dem Major und dem Adjutanten zurück. –

Es mochte eine Viertelstunde vergangen sein, als er aus dem Gemach seines Vorgesetzten zurückkehrte, um sich nach seinem eigenen Zimmer zu begeben. Er hatte soeben den Fuß in den dorthin führenden Corridor gesetzt, als eine dunkle Gestalt sich von der Wand ablöste, an der sie bisher regungslos gestanden, und ihm den Weg vertrat.

„Mr. Fernow! Ich warte auf Sie bereits seit längerer Zeit.“

Walther blieb stehen, er erkannte den Amerikaner.

„Was wünschen Sie von mir, Mr. Alison?“

„Kann ich die Ehre einer Unterredung mit Ihnen haben?“

Der Gefragte warf einen Blick auf seine Uhr, es war beinahe noch eine Stunde Zeit. „Ich stehe Ihnen zu Diensten.“

Er wußte, was jetzt kommen würde, ein einziger Blick auf das Antlitz Henry’s hatte ihn überzeugt, daß Jane’s Befürchtung richtig war. Also auch das noch! Nicht ein einziger Tropfen des Kelches blieb ihm erspart!

Alison war, ohne ein Wort weiter zu verlieren, ihm vorangeschritten und öffnete jetzt eine Thür auf der andern Seite; Walther zögerte einen Moment lang einzutreten, es war das Zimmer, in dem er vorhin mit Jane gesprochen, der Amerikaner bemerkte sein Zögern.

„Man ist sehr – ungestört hier! Oder hätten Sie vielleicht einen Widerwillen gerade gegen dies Gemach?“

Ohne zu antworten schritt der junge Officier rasch über die Schwelle, und Alison folgte ihm. Das Zimmer war wieder völlig leer, wie vorhin leuchtete die Lampe an der Decke mit ihrem düstern Scheine, aber das Feuer im Kamin war bereits niedergebrannt. Nur die rothe Gluth knisterte noch leise und sprühte bisweilen hell auf, sie beleuchtete auch diesmal zwei Gestalten, wenn auch weniger grell und scharf als der Flammenschein, doch dafür mit einem um so unheimlicheren Lichte. Walther lehnte, wie vorhin, am Kamin; ihm gegenüber, an der Stelle, wo Jane gesessen, stand Henry, zwischen ihnen der dunkelglühende Brand.

Seltsam! Es war dasselbe Gefühl, das in der Seele dieser beiden Männer flammte, die heiße, Alles überwältigende Leidenschaft für ein Wesen, und sie standen Beide gleich hoffnungslos an den Trümmern ihres Glückes, aber unendlich verschieden gab sich diese Empfindung in ihrem Aeußern kund.

Auf dem Antlitz des Deutschen lag eine bleiche stille Ruhe, seine tiefe träumerische Natur war nicht danach angelegt, von einer Leidenschaft zu lassen, die sich in die innersten Tiefen seines Herzens eingegraben und dort Wurzel gefaßt hatte für ewig. Er konnte sie nicht überwinden und nicht verschmerzen, aber das Erliegen, das er gewählt, war weder feige, noch erniedrigend. „Es stirbt sich auch von einer verirrten Kugel den Heldentod!“ und es lag etwas wie Begeisterung in dem Blicke, der sich nach dem Park hinauswandte, wo es jetzt hell und heller durch die Gebüsche dämmerte – eben stieg der Mond im Osten auf.

Anders sein Gegenüber! Die Züge Henry’s waren entstellt von einer wahrhaft dämonischen Wildheit, seine Augen leuchteten in unheimlicher Gluth, und nur mit dem Aufwande seiner ganzen Willenskraft bändigte er das convulsivische Zucken seiner Lippen. Die Berechnung, womit der junge Kaufmann seine Hand nach einer Million ausgestreckt, war geglückt, aber der Luxus der Liebe, den er sich nach Atkins’ Ausdruck dabei erlaubt, war doch wohl übertrieben gewesen. Furchtbar behauptete die Leidenschaft ihr Recht, allein in ihrem Bann, blind und fühllos für alles Andere, stand er im Begriff, ihr mehr noch als jene Million, stand er im Begriff, ihr Leben und Ehre zu opfern.

Walther wartete schweigend einige Secunden, denn so lange dauerte es, ehe Henry die Herrschaft über seine Sprache zurückgewann, sie hatte einen seltsam heisern Klang, als er endlich das Wort nahm:

„Ich wollte Sie um einige Erklärungen ersuchen, Mr. Fernow, die Sie mir wohl kaum verweigern dürften. Sie hatten vor ungefähr einer Stunde hier in diesem Zimmer eine Unterredung mit Miß Forest?“

Walther richtete seine großen Augen fest und ernst auf ihn. „Ja! Waren Sie etwa Zeuge davon?“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 374. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_374.jpg&oldid=3049531 (Version vom 1.10.2017)