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„Ich war es!“

Der junge Officier blieb vollkommen ruhig. „Dann werden Sie also auch gehört haben, was wir sprachen.“

Ein bitterer Hohn zuckte um Henry’s Lippen. „Sie redeten ja Deutsch mit ihr, in der geliebten Muttersprache! Also blieb mir auch das Verständniß Ihrer Zärtlichkeiten verschlossen. Nur die Namen habe ich gehört. Es klang sehr süß, dies ‚Johanna‘! beinahe so süß wie das ‚Walther‘ von ihren Lippen!“

Eine leise schmerzliche Bewegung flog über Walther’s Züge, aber er unterdrückte sie sofort wieder. „Ich glaube, Sie wollten eine Frage an mich richten, Mr. Alison! Bleiben wir bei der Sache!“

„Sie haben Recht!“ sagte Henry dumpf. „Bleiben wir bei der Sache! Also – Sie lieben Miß Forest?“

„Ja!“

„Und werden wieder geliebt?“

Walther schwieg, aber die Augen Alison’s flammten in so verzehrendem Haß ihm entgegen, daß jede Rücksicht hier Feigheit geschienen hätte.

„Ja!“ entgegnete er fest.

Derselbe zischende Laut wie vorhin rang sich von Henry’s Lippen; es klang wie das Zischen einer verwundeten Schlange.

„Ich bedaure, daß ich dies so vollkommene Einverständniß stören muß! Vielleicht hat Ihnen Miß Forest bereits gesagt, daß ich ältere Rechte habe und nicht geneigt sein dürfte, sie Ihnen abzutreten!“

„Ich weiß es!“

„Nun, dann werden Sie auch begreifen, daß, wenn mir die Hand von Miß Forest gewiß ist, ich auch ihre Liebe bei keinem Andern wissen will als bei ihrem künftigen Gatten, wenigstens bei keinem Lebenden.“

Walther richtete sich mit einer raschen Bewegung empor. „Soll das eine Herausforderung sein?“

„Ja! Treten Sie nicht zurück, Mr. Fernow, ich beanspruche nicht Ihre deutsche Umständlichkeit mit Zeugen, Secundanten und Vorbereitungen; ich schlage Ihnen ein weit einfacheres Mittel vor. Wir loosen oder würfeln um die Entscheidung, wir Beide allein; es bedarf dazu keines Dritten. Der Verlierende verpflichtet sich mit seinem Ehrenworte, nach vierundzwanzig Stunden nicht mehr unter den Lebenden zu sein, und die Sache ist abgethan.“

„Also ein amerikanisches Duell?“

„Gewiß, es ist in diesem Falle unbedingt vorzuziehen.“

In Walther’s Zügen lag ein Zug von Verachtung, als er kalt entgegnete: „Ich bedaure, Mr. Alison, daß sich diese Art der Genugthuung mit meinen Begriffen von Ehre nicht verträgt. Müssen wir uns einmal gegenüberstehen, so muß es auch in der ‚umständlichen‘ deutschen Weise geschehen, Auge in Auge, mit den Waffen in der Hand. Kämpfen will ich allenfalls noch um mein Leben, würfeln nicht.“

Henry’s Augen sprühten in vernichtendem Hohne. „Es mag allerdings nicht so poetisch sein wie Ihr Zweikampf, aber es ist – sicherer!“

„Gleichviel, ich willige nicht darein! Und übrigens scheinen Sie zu vergessen, daß davon überhaupt nicht die Rede sein kann, so lange ich noch vor den Fahnen stehe. Mein Leben gehört augenblicklich nicht mir, es steht im Dienste einer Pflicht, der ich vor Allem zu folgen habe. Ich darf mein Vaterland um keinen Vertheidiger ärmer machen, und so lange der Krieg währt, darf ich weder Privatrache suchen, noch ihr mich aussetzen. Falle ich in seinem weiteren Verlaufe, so ist Ihr Wunsch ja ohnedies erfüllt, wo nicht, so bin ich bereit, Ihnen nach dem Frieden die verlangte Genugthuung zu geben, eher nicht!“

„Henry lachte bitter auf. „Nach dem Frieden! Vielleicht wenn Sie in Ihre Stellung als Professor in B. zurückgekehrt sind, wo Rector und Senat, wo zur Noth die ganze Universität Sie deckt mit dem Schilde der Wissenschaft, mit der moralischen Entrüstung über eine mittelalterliche Barbarei, die dem Lehrer der Jugend am wenigsten ziemt, und wo Sie endlich ‚gezwungen diesen höheren Rücksichten weichen‘. Meisterhaft ausgedacht, Mr. Fernow! Wenn ich nur albern genug wäre, in die mir gestellte Falle zu gehen!“

Walther’s Antlitz flammte wieder in dunkler Gluth, seine Hand zuckte unwillkürlich nach der linken Seite, aber er ließ sie wieder sinken.

„Wie viele der Schlachten, in denen ich gekämpft, haben Sie durch das Fernglas angesehen?“ fragte er gelassen.

Der Vorwurf traf, aber er reizte den Amerikaner nur noch furchtbarer; es war ein Tigerblick, mit dem er den vor ihm Stehenden anschaute.

„Kommen wir zu Ende!“ sagte er rauh. „Ich lasse Ihnen nochmals die Wahl; entweder Sie geben mir noch diese Nacht die geforderte Genugthuung, einerlei ob in Ihrer oder meiner Weise, ich bin jetzt zu Allem bereit, oder –“

„Oder?“

„Die Folgen auf Ihr Haupt!“

Walther kreuzte die Arme in ruhiger Ueberlegenheit. „Diese Nacht würde sich das wohl von selbst verbieten, da ich nicht hier sein werde, ich muß in’s Gebirge“ – in Henry’s Augen blitzte es plötzlich auf, wild und schrecklich, er beugte sich vor und lauschte in athemloser Spannung auf das Weitere – „und im Uebrigen kann ich Ihnen nur meine früheren Worte wiederholen, unser Streit muß ruhen bis zur Beendigung des Krieges, dann will ich mich Ihnen stellen, nicht einen Tag früher, und versuchen Sie es jetzt noch, mich durch eine Beleidigung zu zwingen, so setze ich alle Rücksichten bei Seite und appellire an das Urtheil meiner Vorgesetzten.“

Die letzte Drohung wäre unnöthig gewesen, denn Henry war auf einmal ruhig geworden, eigenthümlich ruhig, er lächelte sogar, aber es war ein Lächeln, bei dem es Einen eiskalt durchschauerte.

„Also ein unwiderrufliches Nein! Gut! Sollten wir uns aber einmal unvermuthet treffen, Mr. Fernow, so erinnern Sie sich, daß ich es war, der Ihnen ehrlichen Kampf antrug, und daß Sie ihn verweigerten. Auf Wiedersehen!“

Er ging, Walther verharrte unbeweglich auf seinem Platze, er blickte schweigend in die allmählich verlöschende Gluth. Erstorben waren die heißen hellen Flammen, die seiner Unterredung mit Jane geleuchtet, erstorben auch der rothe Schein und das letzte matte Aufsprühen, nur einzelne Funken zuckten noch hier und da empor, tanzten eine Weile wie Irrlichter auf und nieder, und sanken zuletzt auch zusammen, wie alles Uebrige in Staub und Asche. Durch die Fenster warf jetzt das Mondlicht einen langen silbernen Streif auf den Boden des Gemaches, es wurde bald Zeit zum Gehen.

Da ward die Thür auf’s Neue hastig geöffnet, diesmal war es Mr. Atkins, der rasch eintrat und auf Walther zuschritt.

„Ich suchte Sie, Mr. Fernow!“ sagte er unruhig. „Sie sind allein! War Mr. Alison nicht bei Ihnen?“

„Er verließ mich soeben.“

„Ich dachte es mir!“ murmelte Atkins. „Ich begegnete ihm an der Treppe. Was ist vorgefallen? Was hatten Sie Beide miteinander?“

Walther wandte sich zum Gehen. „Das, Mr. Atkins, ist eine Sache, die nur Mr. Alison und mich angeht. Gute Nacht!“

Atkins hielt ihn zurück, es lag eine seltsame Unruhe in seinen Zügen. „Nehmen Sie Vernunft an, Mr. Fernow, und geben wenigstens Sie mir eine Antwort. Henry wollte mir nicht Rede stehen, aber sein Gesicht sagte mir genug. Ich komme, Sie zu warnen, hüten Sie sich vor ihm!“

Walther zuckte die Achseln. „Wenn Sie damit andeuten wollen, daß mein Leben gefährdet sein könnte, so sagen Sie mir nichts Neues. Mr. Alison selbst hat es offen genug ausgesprochen, daß Einer von uns die Erde räumen muß.“

„Er hat Sie also gefordert?“

„Ja.“

„Und Sie?“

„Ich habe ihm erklärt, daß ich mich jetzt weder schlagen darf noch will und daß die ganze Angelegenheit ruhen muß bis zur Beendigung des Krieges.“

Atkins schüttelte in wachsender Unruhe das Haupt. „Sie kennen Henry schlecht, wenn Sie meinen, er weiche solchen Gründen. Einer vernünftigen Ueberlegung ist er überhaupt nicht mehr fähig, sonst würde er sein eigenes Leben nicht so auf’s Spiel setzen, und eine bis zum Wahnsinn erhitzte Leidenschaft wartet nicht geduldig monatelang auf ihre Rache. Seine Auge gefiel mir nicht, ich fürchte, es ist nicht gut, wenn Sie die Nacht unter einem Dache schlafen.“

„Das wird auch nicht der Fall sein,“ sagte Walther ruhig. „Ich wenigstens werde nicht unter diesem Dache schlafen, ich muß heut’ Nacht noch in’s Gebirge.“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 375. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_375.jpg&oldid=3049532 (Version vom 1.10.2017)