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No. 24.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Ein Held der Feder.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


„Allerdings!“ erklärte Henry, der es für gut fand, seine völlige Unkenntnis der Sache zu verbergen und den Eingeweihten zu spielen; er erreichte auch in der That seinen Zweck. Es war ihm gelungen, in dem Alten den Franzosen aufzustacheln, sich seinen Haß gegen den Feind dienstbar zu machen. Der Hausmeister wußte am besten, was heut Nacht im Gebirge drohte, und der Umstand, daß der Fremde ohne Wissen der Deutschen und allein dorthin wollte, überzeugte ihn, daß er es mit einem Verbündeten zu thun habe. Ein Anderer war verloren bei diesem Gange, also – der Hausmeister ließ seinen Widerstand fahren.

„Es giebt einen solchen Weg,“ sagte er, die ohnehin schon leise geführte Unterhaltung noch mehr dämpfend. „Er führt über die Berge nach L. Die Deutschen kennen ihn nicht, hätten sie ihn aber auch durch Zufall entdeckt, für sie endigt er in der ersten Schlucht zur Rechten. Daß er sich jenseits derselben fortsetzt und durch den Wald mit unserem Park zusammenhängt, können sie unmöglich wissen, Aus- und Eingang sind zu sehr in Felsspalten und Gebüsch verborgen, es ist die Verbindung mit den Unsrigen.“

In Henry’s Augen blitzte eine wilde Befriedigung auf. „Gut! Und wie finde ich den Weg?“

„Sie gehen in den Park, die große Hauptallee hinauf – er ist nicht besetzt, die Posten stehen in weiterem Umkreise – zur Linken werden Sie eine Statue der Flora erblicken. An ihr vorüber und in die dicht dabei befindliche Grotte! Sie schließt sich nicht so eng an die Felswand, als es scheint, es ist ein Ausgang da nach dem Walde hinaus, dort folgen Sie dem engen Pfad durch’s Gebüsch, es ist nur einer, Sie können nicht irren, und in zehn Minuten haben Sie die Schlucht erreicht; sie mündet links in die Bergstraße, an dem Felsplateau, wo eine einzelne Tanne steht. Dort sind Sie bereits jenseits der Posten und weit genug von ihnen entfernt, um nicht mehr bemerkt zu werden.“

Henry war in athemloser Spannung gefolgt, als wolle er jedes Wort in seinem Gedächtniß festhalten, jetzt athmete er tief auf, ein Ausdruck düsteren Triumphes lag in seinen Augen, er nahm die Banknote vom Tische und reichte sie dem Franzosen.

„Ich danke Ihnen! Hier nehmen Sie!“

Der Alte zögerte. „Ich that es nicht für Geld, Monsieur!“ sagte er ernst.

„Ich weiß es! Aus Haß gegen den Feind! Sein Sie ruhig,“ um Henry’s Lippen zuckte wieder der eiskalte Hohn, „ich beschütze ihn heut Nacht sicher nicht! Aber die Auskunft ist mir mehr werth, als dies Papier, nehmen Sie es, es wird Ihr Gewissen nicht beschweren.“

Der Hausmeister warf noch einen Blick auf die Banknote, man wagte schwerlich eine solche Summe, blos um ihn zu compromittiren, und von so hohem Werthe wie dem finsteren Fremden war den Preußen der Weg sicher nicht. Er nahm das Dargebotene und murmelte einige Worte des Dankes.

Henry war im Begriff zu gehen, aber er wendete sich noch einmal um, und blickte den Alten fest und drohend an.

„Ihre Mitschuld sichert mir das Schweigen, ich brauche es Ihnen wohl nicht erst anzuempfehlen. Die Deutschen würden Sie füsiliren, wüßten sie, wer mir durch ihre Posten geholfen.“

„Ich weiß es, Monsieur!“ „Wenn ich also gegen Morgen zurückkehren sollte, so war der Eintritt in’s Gebirge unmöglich und ich habe die Nacht im Schlosse zugebracht. Sie wissen es nicht anders, Adieu!“ –

Auch in dem Zimmer Walther’s brannte helles Licht, er fand aber bei seinem Eintritt Niemand dort als Friedrich.

„Herr Doctor Behrend war die ganze Zeit hier,“ berichtete dieser, „und hat lange auf den Herrn Lieutenant gewartet, aber er wurde schnell in’s Dorf gerufen. Ich glaube, es steht sehr schlecht mit unserem Gefreiten Braun.“

Walther schien unangenehm durch die Nachricht überrascht zu werden. „Doctor Behrend ist schon fort? Ah, ich hätte ihn gern noch gesprochen!“

„Das wollte der Herr Doctor auch. Er sagte, ich sollte immer den Mantel und die Pistolen bereitlegen, Sie müßten heut’ Abend noch fort, Herr Lieutenant, und,“ es lag eine Art von Aengstlichkeit in der Stimme des Burschen, „und Sie würden mich diesmal nicht mitnehmen, wie sonst immer, wenn Sie eine Patrouille führen.“

„Nein, Friedrich, diesmal nicht!“ sagte Walther zerstreut. Er ging einige Mal auf und nieder, und blieb dann plötzlich stehen. „Es ist ja jetzt Alles eins!“ murmelte er vor sich hin. „Warum ihm nicht sagen, was ich Robert verrathen wollte! Friedrich!“

„Herr Lieutenant!“

„Es ist möglich, daß heut’ Nacht ein Ueberfall versucht wird, Ihr habt Befehl erhalten, auf einen Alarm gefaßt zu sein?“

„Ja. Ich soll von zehn Uhr ab mit noch zwei Mann im Park patrouilliren. Es wäre der Sicherheit wegen, meint der Herr Hauptmann, weil er nicht besetzt ist.“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 389. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_389.jpg&oldid=3049543 (Version vom 1.10.2017)