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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)

kommt, von der er keine Ahnung hat und die ich nur allein kenne. Er ist verloren, wenn es mir nicht gelingt, ihn zu warnen! Begreifen Sie nun, daß ich um jeden Preis ihm nach muß?“

Eine schmerzliche Bewegung zuckte in dem breiten, treuherzigen Gesicht des Burschen. „Dacht’ ich’s doch!“ rief er kläglich. „Ich wußte es gleich, es giebt ein Unglück heute Nacht!“

„Es giebt keins,“ sagte Jane entschlossen, „wenn ich ihn rechtzeitig erreiche, und ich erreiche ihn sicher, sobald mir nur die Möglichkeit gegeben ist, ihm zu folgen. Sie wissen jetzt, um was es sich handelt, Friedrich, Sie werden mir helfen, nicht wahr?“

Friedrich schüttelte statt aller Antwort den Kopf. „Ich darf nicht!“ sagte er endlich dumpf.

Jane faßte in verzweiflungsvollem Flehen seine beiden Hände. „Aber ich sage Ihnen ja, es gilt das Leben Ihres Herren, ich sage Ihnen, er ist verloren ohne meine Warnung! Wollen Sie ihn denn sterben lassen, wo ein einziges Wort ihn retten kann? Friedrich, Gott im Himmel, Sie müssen es ja doch sehen, daß es hier keinen Verrath, keine Täuschung gilt, daß nur die Todesangst mich treibt um seinetwillen. Bei der Liebe zu Ihrem Herrn beschwöre ich Sie, helfen Sie mir durch die Posten!“

Friedrich blickte schweigend auf sie nieder, er sah und fühlte die Wahrheit ihrer Worte, das war wirklich Todesangst, die aus ihrem Antlitz redete, von ihren Lippen flehte, und diese Angst galt seinem Herrn, galt allein dessen Rettung – ein paar große, schwere Thränen rollten langsam aus den Augen des armen Burschen über seine Wangen herab, aber er faßte sein Gewehr nur fester.

„Ich darf nicht, Miß! Ich kann nicht fort von meinem Dienst hier, könnte ich’s aber auch, durch unsere Posten kommen Sie nicht und wenn – und wenn es meinem Herrn das Leben kostet. Sehen Sie mich nicht so an, bitten Sie nicht! Beim Herrgott oben, ich kann nicht anders!“

Jane wich zurück und ließ seinen Arm fahren, damit sank die letzte Hoffnung, das Gebot der Pflicht war für Friedrich stärker, als selbst die leidenschaftliche Liebe zu seinem Herrn – Atkins hatte Recht, sie waren furchtbar diese Deutschen, mit ihrem eisernen Pflichtgefühl.

„Also Walther ist verloren!“ sagte sie matt.

Friedrich machte eine heftige Bewegung. „Versuchen Sie mich nicht weiter, Miß! Friedrich Erdmann ist kein Verräther!“

Jane zuckte zusammen bei dem Worte, ihre Augen öffneten sich weit und schreckensvoll.

„Was ist das für ein Name? Wie heißen Sie?“

„Erdmann! Wußten Sie das nicht, Miß? Freilich, Sie haben mich nur immer Friedrich rufen hören.“

Jane stützte sich auf das Postament der Statue, ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, ihr Auge hing an dem vor ihr Stehenden mit einem Ausdruck, der nicht zu enträthseln war, Schmerz, Angst, Entsetzen, das alles flammte darin, und durch dies alles hindurch etwas wie die Ahnung eines unendlichen Glückes.

„Kennen Sie – kennen Sie einen jungen Handwerker, Franz Erdmann, aus M., der später nach Frankreich auswanderte, zuletzt in N. war, und jetzt im preußischen Heere dient?“

„Was werde ich den nicht kennen!“ sagte Friedrich betroffen, noch mehr durch den seltsamen Ton der Frage, als durch den Blick. „Es ist ja mein Bruder, das heißt, mein Pflegebruder, wie man das gewöhnlich so nennt.“

„Also –“ Jane’s Stimme erstickte fast in der furchtbarsten Erregung, „also Sie waren jener Knabe, den die Eltern Erdmann’s von Hamburg mitbrachten? der mit ihm in M. aufwuchs und nach dem Tode der Eltern von dem Pfarrer Hartwig aufgenommen wurde? Sprechen Sie um Gotteswillen, ja oder nein!“

„Freilich war ich es!“ bestätigte Friedrich, beunruhigt durch das seltsame Verhör gerade in diesem Augenblicke. „Aber, Miß, woher in aller Welt können Sie das wissen?“

Jane blieb ihm die Antwort schuldig, sie raffte alle ihre Kräfte zusammen, an der nächsten Frage hing für sie Tod und Leben.

„Und Mr. Fernow? Auch er wurde beim Pfarrer Hartwig erzogen, wie kam er dorthin?“

„Nun, ganz einfach, der Herr Pastor nahm uns Beide in einem und demselben Jahre in’s Haus. Mich zuerst aus Gnade und Barmherzigkeit, weil mich sonst Niemand wollte, und ein paar Monate später meinen Herrn, seinen Schwestersohn, weil ihm Vater und Mutter plötzlich gestorben waren und er sonst keine Anverwandten hatte. Ich war doch nun einmal da, er konnte mich nicht gut wieder fortschicken und so behielt er uns Beide. Gern that er es gerade nicht, und das Brod, was er uns gab, haben wir redlich abarbeiten müssen, ich im Hause, bis ich kein Glied mehr rühren konnte, und mein Herr am Schreibtisch, bis ihm die Feder aus der Hand fiel, er sollte mit Gewalt ein Gelehrter werden und im Anfange machte er doch weit lieber Verse. Nun, das hörte bald auf; der Herr Pastor verstand es, uns scharf zu halten. Gott habe ihn selig! Mir ist es erst gut gegangen, als er wirklich selig war, und als mein Herr, der sein Erbe wurde, mich bei sich behielt. Wir sind nun bald an die zwanzig Jahre zusammen gewesen.“

Jane hatte regungslos zugehört, die Hände gegen die Brust gepreßt, es war ihr, als müsse diese zerspringen, und doch war eine Felsenlast von ihr gesunken. Der Aufschrei des Glückes, der aus ihrem tiefsten Innern hervorbrach, galt er dem endlich gefundenen Bruder oder dem jetzt verlorenen, den sie so lange dafür gehalten – sie wußte es nicht, aber selbst der Gedanke an Walther’s Gefahr trat in den Hintergrund für diesen Augenblick, sie wußte nur Eins: der furchtbare Widerstreit in ihrer Seele war gelöst, der entsetzliche Kampf geendet. Was nun auch kommen mochte – die Liebe zu ihm war kein Verbrechen mehr!

„Friedrich!“ Sie legte die Hand auf seinen Arm, Friedrich aber wendete sich plötzlich von ihr ab und blickte gespannt nach der entgegengesetzten Richtung.

„Was giebt es da? Lassen Sie mich los, Miß! In der Grotte drüben ist es nicht geheuer. Wer da? Gebt Antwort!“

Es kam keine Antwort, aber Friedrich bedurfte auch ihrer nicht mehr, er wußte bereits genug. Der Mondstrahl, der schräg in den Eingang fiel, hatte es ihm verrathen, er hatte dunkle Gestalten gesehen und blitzende Flintenläufe. Die geistigen Fähigkeiten des Burschen waren im Moment der Gefahr nicht so untergeordnet, als im gewöhnlichen Leben. Was ihm an Intelligenz abging, das ersetzte er durch Instinct, und dieser leitete ihn stets richtig. Er berechnete nicht, daß seine beiden Cameraden, die nicht wie er aufgehalten waren, bereits viel näher am Schlosse sein mußten und die Meldung schneller dorthin tragen konnten, als er, daß es dort vor Allem darauf ankam, die Richtung zu wissen, aber er handelte genau so, wie es das Resultat einer solchen Berechnung gewesen wäre, und nahm alle Kraft seiner mächtigen Lunge zusammen.

„Verrath!“ donnerte seine Stimme laut durch den Park. „Ueberfall! Sie sind da! Sie kommen von der Grotte her! Achtung!“

(Fortsetzung folgt.)




Ein Blick hinter die Coulissen.[1]
Von Herbert König.
II.

Die Oper! Eine sehr reizende, aber auch sehr kostspielige Dame. Sie ist uns sehr bequem, denn wir können bei ihr viel hören und sehen, und brauchen dabei sehr wenig zu denken, woher es kommt, daß sie mehr Anbeter hat als ihre Schwester, das recitirende Schauspiel, und daß sie außerdem mit den abgelegten Kleidern derselben vorlieb nehmen muß. Daher dort Alles vornehmeren Zuschnitts, als hier. Wenn der Regisseur des Schauspiels sich nach der Probe an Erlanger Bier mit einem belegten Brödchen labt, thut es der Herr Capellmeister nicht unter Rheinwein und Austern; wo der erste Liebhaber nur unangenehm wird, ist der Tenorist schon unausstehlich;

  1. Der erste Artikel Herbert König’s über die „Bretter, welche die Welt bedeuten“, fiel gerade in die Zeit, da sich hinter den Coulissen der Weltbühne eine der blutigsten und größten Tragödien vorbereitete. Wir hielten es darum für angemessen, die Veröffentlichung der Artikel König’s zu unterbrechen, lassen aber nunmehr heute den zweiten und letzten folgen, nachdem wir uns nach Abschluß des Friedens den Freuden der Künste wieder hingeben können.
    Die Redaction.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 392. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_392.jpg&oldid=3105365 (Version vom 31.3.2018)