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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


er sich unter seinen Augen vollzieht, das vermag er nicht, ein secundenlanger furchtbarer Kampf – und die edle Natur Henry’s bricht mächtig durch Haß und Wuth und reißt ihn gewaltsam fort zur Hülfe, zur Rettung.

Ein Schuß, und der hinterste der Franctireurs liegt am Boden, ein zweiter, und der ihm zunächst Befindliche stürzt zusammen; betroffen halten die Anderen inne, sie lassen von Walther ab und geben in ihrem Zurückweichen einen nur um so besseren Zielpunkt für Henry. Zum dritten Mal! Entsetzt blicken die Franzosen auf die Höhe, aus der diese einzelnen geisterhaften Kugeln kommen, deren jede mit tödtlicher Sicherheit ihr Opfer fällt, und als auch jetzt der Angegriffene sich wieder zusammenrafft und von seinem Degen Gebrauch macht, da wenden sich die Uebrigen drei zur Flucht, ein letzter Schuß des Amerikaners hallt ihnen nach, und der halblaute Fluch, mit dem der eine sein Gewehr fallen läßt und nach der Schulter greift, während er in noch eiligerem Laufe seinen Cameraden nachstürzt, beweist, daß auch dieser letzte nicht gefehlt hat – sie verschwinden im Tannendunkel jenseit des Weges, aus dem sie gekommen.

Walther steht noch athemlos, als er sich auf einmal von einem Arme gefaßt und weggezogen fühlt. „Fort!“ flüstert eine Stimme in sein Ohr, „sie dürfen nicht ahnen, daß wir unser nur zwei sind!“

Er folgte mechanisch, in wenig Minuten sind sie im sicheren Dunkel der Felswand und der Tannenzweige, der Gerettete lehnt sich an den Stamm des Baumes, bleich, blutend, halb betäubt noch und sein Retter steht neben ihm, stumm und düster, aber tief, tief aufathmend, wie von einer furchtbaren Last befreit.

Sie waren vorläufig in Sicherheit, von hier aus konnte man jedes Nahen des Feindes bemerken; aber es war jedenfalls nur eine einzelne Patrouille gewesen, mit der sie zu thun gehabt, die Franctireurs dachten nicht daran, wiederzukommen, sie blieben spurlos verschwunden.

„Mr. Alison – Sie sind es!“

„Sind Sie verwundet?“ fragte Alison kurz.

Walther faßte nach seiner Stirn. „Unbedeutend! Eine der ersten Kugeln muß mich gestreift haben. Es ist nichts!“

Statt aller Antwort zog der Amerikaner sein Taschentuch hervor und reichte es ihm; er sah schweigend zu, wie Jener es zusammenlegte und um die Stirn band, von der das Blut noch in einzelnen schweren Tropfen herabrieselte, aber er machte nicht die geringste Bewegung, ihm zu helfen.

Walther trocknete sich mit seinem eigenen Tuche das Blut vom Gesichte, dann näherte er sich seinem Retter und bot ihm stumm die Hand; dieser zuckte zurück.

„Mr. Alison!“ Walther’s Stimme klang in tiefster innerer Bewegung. „Man hat Ihnen bitteres Unrecht gethan heut’ Abend, und es war Ihr eigener Landsmann, der Sie verleumdete. Ich hatte besseres Vertrauen zu Ihnen, als Mr. Atkins.“

Henry wies finster und kalt die dargebotene Hand zurück. „Nehmen Sie sich in Acht mit Ihrem Vertrauen, Mr. Fernow!“ sagte er rauh. „Um ein Haar wäre es getäuscht worden!“

„Sie haben mich gerettet, gerettet mit Gefahr Ihres Lebens! Die Franctireurs konnten Ihren Standpunkt entdecken und auch Sie angreifen. Ich hätte das nicht erwartet, nach der Art, wie wir uns vor zwei Stunden noch gegenüberstanden. Auf Ihre Ehre baute ich, auf Ihre Hülfe nicht! Sie dürfen meinen Dank jetzt nicht zurückweisen, trotz Allem, was noch zwischen uns liegt, er kommt aus vollem Herzen, und Sie werden auch –“

„Schweigen Sie!“ unterbrach ihn Henry mit wilder Heftigkeit. „Ich will keinen Dank! Sie schulden ihn mir am wenigsten!“

Walther wich zurück und blickte ihn befremdet an; das Benehmen des Amerikaners blieb ihm völlig räthselhaft.

„Dank!“ wiederholte Henry mit vernichtendem Hohne. „Nun, heucheln kann ich nicht, und bevor Sie mich als Ihren hochherzigen Retter preisen, sollen Sie doch die Wahrheit wissen! Ich stand hier, nicht um Sie zu beschützen, tödten wollte ich Sie! Schrecken Sie nicht so zurück, Mr. Fernow! Es war mir blutiger Ernst, die Waffe hier war für Sie geladen, ein Schritt noch, und ich hätte Sie niedergeschossen. Danken Sie es jenem Ueberfall, er hat Sie gerettet, er allein; als ich sechs Mann gegen Sie anstürmen und Sie dem Angriff erliegen sah, da – nahm ich Ihre Partei.“

Ein tiefes secundenlanges Schweigen folgte diesen Worten. Walther stand ruhig da und blickte ihn fest und ernst an; dann trat er auf ihn zu und bot ihm auf’s Neue die Hand.

„Ich danke Ihnen, Mr. Alison, danke Ihnen selbst nach diesem Geständniß; Ihr Herz sprach doch besser als Ihr Mund, und wir können jetzt trotz alledem nicht mehr Feinde sein.“

Henry lachte bitter auf. „Nicht? Sie vergessen immer, daß wir nicht Eines Stammes sind! Nach Eurer deutschen Sentimentalität freilich müßten wir einander jetzt in die Arme sinken und uns Freundschaft schwören. Wir sind darin anders geartet, hassen wir einmal, so geschieht es auch bis zum letzten Athemzuge, und Sie,“ hier flammte wieder die ganze verzehrende Gluth der Leidenschaft in seinen Augen, „Sie hasse ich, Mr. Fernow, denn Sie haben mir mein Liebstes geraubt. Glauben Sie nicht, daß ich Sie Ihres Versprechens entlasse nach dem Kriege oder Sie dann schone; glauben Sie nicht, daß Jane Ihnen jemals zu Theil wird. Ich halte sie fest an ihrem Wort und ihrem Schwur, und wenn sie stürbe an dieser Liebe zu Ihnen, mein Weib wird sie dennoch!“

Walther’s Auge sank zu Boden, und ein Ausdruck unverstandenen Schmerzes lag auf seinem Gesicht.

„Ich dachte nicht daran,“ sagte er leise. „Ich habe nur danken wollen; aber Sie haben Recht, Mr. Alison, wir Beide sind zu verschieden geartet, wir werden uns nie verstehen. – Leben Sie wohl, ich muß jetzt weiter!“

„Weiter?“ fragte Henry betroffen. „Doch nicht weiter in’s Gebirge hinein? Sie haben es ja gesehen, wie unsicher es ist, die Franctireurs streifen überall.“

„Ich weiß es! Eine Stunde von hier liegt sogar ihre Hauptmacht. Ich muß durch sie hindurch – wenn es möglich ist.“

Der Amerikaner trat zurück und blickte ihn starr an. „Allein? Verwundet? Hat der Ueberfall soeben Ihnen nicht die Unmöglichkeit gezeigt?“

„Eben dieser Ueberfall hat mir Muth gegeben, er kam von unten her, selbst ihre Patrouillen gehen die Bergstraße, mein Weg wird vielleicht noch frei sein.“

„Schwerlich! Sie gehen in Ihr Verderben, Mr. Fernow!“

„Nun denn,“ das alte düstere Lächeln flog wieder über Walther’s Antlitz, „dann bleibt mir eine Wiederbegegnung erspart und Ihnen ein Mord beim Zweikampf, denn ich würde nach dem, was jetzt geschehen, doch nie wieder die Waffe gegen Sie richten. – Noch Eins, Mr. Alison, ich weiß nicht, wie Sie durch die Posten gekommen sind, und will auch nicht danach fragen, aber ich verlange Ihr Ehrenwort, daß Sie mir nicht weiter folgen und sofort auf demselben Wege zurückkehren, den Sie kamen. Ich muß das fordern, verweigern Sie es mir nicht.“

Henry sah finster vor sich nieder. „Ich habe im Gebirge nichts mehr zu suchen, ich kehre zurück, sofort!“

„Ich danke Ihnen, und nun leben Sie wohl!“

Er wandte sich um und verschwand im Gebüsche, Henry blickte ihm nach.

„Da geht er hin, mitten durch die Feinde, mit dieser Ruhe und diesem Auge, vor dem fast das meinige sank. O dieser Deutsche!“ er ballte in wildem Grimm die Hand. „Ich kann sie zwingen, mein Weib zu werden, ihr Herz wird doch nie von ihm lassen, sie kann nicht – ich begreife das jetzt!“ –

Am Abend des folgenden Tages traf Hauptmann Schwarz mit seinem Bataillon, dem sich auch Lieutenant Fernow angeschlossen hatte, in S. ein. Sie hatten fast einen vollen Tag zu ihrem Marsche gebraucht, da sie den Umweg über E. genommen, aber sie brachten willkommene Nachricht. Bereits am nächsten Morgen brach der Oberst mit seinem Stabe und dem übrigen Theile des Regimentes von L. auf, um, genügend verstärkt und genau unterrichtet, den Feind zu werfen, falls er bis dahin noch nicht von dem Passe gewichen war, und sich in S. mit den beiden Detachements zu vereinigen. Das Regiment war von seinem Posten abberufen worden, es hatte gleichfalls Befehl erhalten zum Vormarsch auf Paris.

(Fortsetzung folgt.)
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 408. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_408.jpg&oldid=3049608 (Version vom 1.10.2017)