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zu würdigen. Es war nichts mit der gehofften Ueberraschung, seit Friedrich’s Tode ging überhaupt Alles verkehrt!

Der Tod ihres Neffen war dem Doctor und seiner Frau bei alledem doch sehr nahe gegangen, und es war für sie ein bitterer Tag gewesen, wo der, den sie als Diener hatten ausziehen lassen, als nächster Verwandter im Sarge zu ihnen zurückkehrte. Der Stachel, der Jane unaufhörlich peinigte und sie nicht zur Ruhe kommen ließ, hatte auch für sie einen Theil jenes Schmerzes in dem Gedanken, daß sie das so lange und angstvoll gesuchte Kind der Schwester, für dessen Auffindung Tausende vergebens geopfert waren, schließlich im eigenen Hause gehabt, ohne ihm auch den kleinsten Theil von all dem geben zu können, was ihm in so reichem Maße zukam. Und doch war der arme Bursche so dankbar gewesen für das Wenige, was er an Freundlichkeit von ihnen empfangen. Sie hörten immer noch seine treuherzigen Abschiedsworte: „Sie haben mir viel Gutes gethan in den drei Jahren; wenn ich zurückkomme, will ich’s redlich wieder gut machen, wenn nicht, vergelt’s Gott!“ – Er war nicht zurückgekommen.

Freilich, wer hätte auch in dem Friedrich Erdmann, den der Professor mit nach B. brachte, den verschwundenen Fritz Förster vermuthen können! Der Name, den seine Pflegeeltern auf ihn vererbt, vereitelte die Entdeckung, und eine zweite Namensänderung wurde auf’s Neue verhängnißvoll für ihn. Wäre die Schwester als Johanna Förster in das Haus ihrer Verwandten zurückgekehrt, es hätte den Bruder, der die Seinen ja in Amerika wußte, doch wohl zu einer Erinnerung, einer Aeußerung geführt, die Alles gelichtet hätte; das fremdklingende Jane Forest machte es unmöglich, und die untergeordnete Stellung Friedrich’s that das Uebrige. Den Diener hatte natürlich Niemand nach seinen Lebensschicksalen oder seinem früheren Namen gefragt, und Professor Fernow, der Beides kannte, stand in seiner einsiedlerischen Zurückgezogenheit dem Doctor viel zu fern, als daß dieser ihn zum Vertrauten von Familienangelegenheiten und Nachforschungen hätte machen sollen, die Jane, seit sie Atkins zur Seite hatte, mit ihrer gewohnten Selbstständigkeit so viel als möglich der Kenntniß des Oheims entzog. Der rettende Zufall, der so leicht mit irgend einem Worte, einem Zeichen zwischen die Geschwister hätte treten können, blieb aus, das entscheidende Wort wurde erst in der Todesstunde gesprochen. Vielleicht war es auch mehr als bloßer Zufall, es sollte eben nicht sein, dem Erben Forest’s sollte von all seinem Reichthum nichts zu Theil werden, als das prachtvolle Denkmal über seinem Grabe, und ihm nützte es ja auch nichts mehr, daß der junge Erdmann, an den man noch nachträglich geschrieben, den letzten Zweifel hob, wenn ein solcher noch möglich gewesen wäre. Er gab die geforderte Adresse seines Pflegebruders in B. bei dem Professor an und bestätigte im Uebrigen Wort für Wort, was man bereits wußte. Es gab dem Todten auch vor der Welt den Namen, der ihm rechtmäßig zukam, für alles Andere war es zu spät.

Das Verhältniß zwischen Jane und ihren Anverwandten war wo möglich noch kälter als früher, und sie ihrerseits that nicht das Geringste, es wärmer zu gestalten. Als sie, von Alison und Atkins begleitet, mit der Leiche ihres Bruders in B. anlangte, waren ihr Oheim und Tante mit herzlicher Theilnahme entgegengekommen, aber sie fanden keine Antwort darauf. Jane schloß sich in ihrer Trauer noch starrer ab als früher in ihrem Hochmuthe; sie trug auch dies, wie sie gewohnt war, alles Uebrige zu tragen, allein und schweigend. Der Doctor und seine Frau waren nicht im Stande, einen Schmerz zu begreifen, der dem Mitleid wie der Theilnahme unzugänglich blieb, und die vorgefaßte Meinung von der Herzlosigkeit ihrer Nichte galt ihnen jetzt als unumstößlich. In der That war diese eine zu energische, zu fest in sich abgeschlossene Natur, um sich so über Nacht zu ändern oder ihrem Charakter untreu zu werden. Was sie dem sterbenden Bruder im Moment der tiefsten Erschütterung gezeigt, daß sie wirklich ein Herz besaß, das zeigte sie eben keinem Andern, und was Doctor Behrend von Walther behauptete, das galt auch von ihr. Auch ihre Zukunft hing an einer fremden Kraft, und schon die nächsten Tage sollten darüber entscheiden, ob sie mit vollster Bitterkeit zu der alten Härte zurückkehren oder allmählich zu jenem Wesen werden sollte, das bis jetzt nur Einer in ihr kannte, gegen das sie selbst mondenlang angekämpft und dem erst die Todesstunde des Bruders wirklich die Bahn gebrochen.

Atkins hatte während des Winters gleichfalls seinen Wohnsitz in B. genommen; Alison dagegen war bereits nach wenigen Tagen wieder abgereist. Er mochte wohl fühlen, daß seine Gegenwart jetzt nicht geeignet war, Jane Trost zu geben; so nahm er denn seinen ursprünglichen Reiseplan wieder auf, den Herbst und Winter zu einer Tour durch die Schweiz und Italien zu benutzen, und stand jetzt, nachdem er im Frühjahr noch die größeren Städte Deutschlands besucht, im Begriff, nach B. zurückzukehren. Noch wußten der Doctor und seine Frau nichts von seinen nahen Beziehungen zu ihrer Nichte. Jane hatte sie davon mit keinem Worte unterrichtet; sie wußten nur, daß jetzt, wo das Jahr ihres Aufenthalts um und der Zweck desselben erreicht war, sie nach Amerika zurückkehren werde, und daß die Abreise auf den Anfang des nächsten Monats festgesetzt war. Es sollte Atkins überlassen bleiben, den neuen Verwandten einzuführen und ihnen die Mittheilung zu machen, daß Jane als Mrs. Alison die Rückreise antreten werde, da man es passender fand, die Ceremonie der Heirath hier im Hause der Verwandten zu vollziehen. Der übergroße Respect und die Unterordnung, welche diese stets dem Reichthum der jungen Dame gegenüber gezeigt, trug jetzt seine Früchte; man behandelte sie gleichfalls als untergeordnet und gab ihnen von den intimsten Familienbeziehungen erst in dem Augenblicke Kenntniß, wo man ihrer bedurfte, um eine längst beschlossene Verbindung mit den nöthigen Förmlichkeiten zu vollziehen.

In Atkins’ Wohnung befand sich dieser mit Alison, der erst vor wenigen Stunden angekommen und vorläufig bei ihm abgestiegen war; aber sein Wesen verrieth heute nichts von jener leidenschaftlichen, mühsam unterdrückten Ungeduld, die ihn damals bei seiner ersten Ankunft in B. sofort zu Jane trieb und ihm den Spott seines Begleiters zuzog; er stand jetzt so gelassen am Fenster und blickte so gleichgültig hinab auf die Straße, als eile es ihm durchaus nicht mit dem bevorstehenden Wiedersehen.

Der junge Amerikaner sah heut anders aus, als in jener Nacht, wo die entfesselte Leidenschaft ihn über alle Schranken hinwegriß. Er hatte in den sechs Monaten hinreichend Zeit gehabt, sich selbst wiederzufinden, und dies schien ihm auch im vollsten Maße gelungen zu sein. Er war wieder ganz der gemessene, ruhige Geschäftsmann, mit dem kalten berechnenden Blick und der conventionellen Glätte; was darunter verborgen war und sich einst so gefahrdrohend enthüllt hatte, war zurückgesunken in die Tiefe. Sein Antlitz sah aus, als habe es nie eine Erregung gekannt, nur Eins war dort zurückgeblieben, jener Zug feindseliger Härte und kalter Grausamkeit, der bei dem Zusammentreffen in S. zum ersten Mal hervortrat; er stand noch immer in seinem Gesichte, stand noch so fest eingegraben darin, als sei er während der ganzen sechs Monate auch nicht eine Secunde lang von ihm gewichen.

„Sie kommen sehr spät, Henry!“ sagte Atkins, der neben ihm stand. „Wir haben Sie früher erwartet.“

Alison wendete sich um und blickte ihn an. „Wir? Sprechen Sie auch in Miß Forest’s Namen?“

Atkins umging die Antwort. „Sie hätten früher kommen sollen,“ wiederholte er ernst. „Es war nicht rücksichtsvoll, Miß Jane dem ganzen Siegesjubel hier preiszugeben, der ihr nach dem Verlust, den sie erlitten, bitter sein muß. Wir könnten längst alle Drei auf dem Wege nach Amerika sein.“

Henry zuckte gleichgültig die Achseln, „Meine Reisedispositionen ließen keine Aenderung zu, überdies nahm ich an, man würde mir für jeden Aufschub dankbar sein. Mr. und Mrs. Stephan sind noch nicht unterrichtet?“

„Bis jetzt noch nicht.“

„Wohl, so werde ich mich ihnen heut, nach der Unterredung mit meiner Braut, als Verwandten vorstellen. Die drei Wochen bis zum Anfange des nächsten Monats sind hinreichend für alle die hier nothwendigen Formalitäten, und unmittelbar nach der Ceremonie treten wir die Rückreise an. Sie kennen doch meine Uebereinkunft mit Miß Forest?“

„Jane hat mir nur mitgetheilt, daß sie Alles gänzlich Ihrer Bestimmung überläßt, und daß ich mich wegen der Anordnungen einzig an Sie zu wenden habe.“

„Gut, ich bestimme es so!“ sagte Henry kurz, „also haben Sie die Güte, die nöthigen Vorbereitungen zu treffen.“

Er wandte sich wieder zum Fenster und blickte hinaus, Atkins schwieg eine Weile, plötzlich aber legte er die Hand auf seinen Arm.

„Das Regiment wird morgen zurückerwartet, Henry!“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 423. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_423.jpg&oldid=3049615 (Version vom 1.10.2017)