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„Ich sehe nicht ein,“ entgegnete sie, „weshalb wir beide einander noch belügen wollen. Sie warben um mein Vermögen und halten jetzt die Hand fest, an der es hängt. Ich befreie Sie von einer lästigen Zugabe und mich von einem verhaßten Bande mit diesem Entschluß. Sie sind Kaufmann genug, um seine Vortheile zu würdigen, und ich habe lange genug in Amerika gelebt, um den dortigen Interessen und Verhältnissen Rechnung zu tragen.“

Jane ahnte es nicht, welch ein furchtbares Spiel sie in diesem Augenblick spielte, und sie ließ sich auch nicht warnen durch den leisen zischenden Laut, der wieder von Henry’s Lippen kam, wie an jenem Abende, wo er ihr Gespräch mit Walther belauschte; seine Ruhe täuschte sie vollständig.

„Das bezweifle ich, Miß Jane, dazu ist Ihr Vorschlag denn doch zu – deutsch! Man wirft bei uns zu Lande nicht eine Million hin, um einer Heirath zu entgehen! Im Uebrigen glaube ich kaum, daß Sie sich wirklich klar gemacht haben, was es für Sie, die im Schoße des Reichthums Erzogene, eigentlich heißt, arm zu sein.“

Jane hob stolz das Haupt. „Mein Vater war auch einst arm, und er bedachte sich nicht, Lebensstellung und Zukunft dem zu opfern, was ihm Freiheit hieß, ich gebe seinen Reichthum hin für die meine!“

„Wirklich?“ Henry’s Blick haftete durchbohrend auf ihr und seine Stimme klang in vernichtendem Hohne. „Und überdies meinen Sie, läßt es sich zur Noth auch von einem Professorengehalt leben! Darf ich fragen, ob Mr. Fernow Antheil an diesem romantischen Entschlusse hat? Im anderen Falle rathe ich Ihnen, seiner Idealität nicht allzuviel zuzumuthen; die Heldin in seinem Roman war eine Erbin, und auch seine Gefühle könnten sich abkühlen, wenn sie plötzlich arm vor ihn hintritt.“

Jane’s Augen flammten, sie vergaß alle Vorsicht, vergaß, wie furchtbar sie schon einmal eine Beleidigung dieses Mannes hatte büßen müssen, sein Spott raubte ihr alle Besinnung.

„Legen Sie Ihren eigenen Maßstab nicht an solche Naturen, Mr. Alison! Walther Fernow ist nicht Ihres Gleichen!“

Das war zu viel! Die tiefe tödtliche Verachtung in ihren Worten riß die Maske ab, mit der er bisher sich selbst und ihr Gleichgültigkeit geheuchelt. Henry biß die Zähne zusammen, noch beherrschte er den Sturm, aber es war nur für einige Secunden.

„Nicht meines Gleichen! Sie sind sehr aufrichtig, Jane, in Ihren Augen hat Mr. Fernow wohl überhaupt nicht seines Gleichen in der Welt, und ihm hätten Sie natürlich nie gewagt mit dem Anerbieten zu nahen, sich für Geld die Braut abkaufen zu lassen. Sparen Sie Ihre Entrüstung, ich sehe ja, wie Ihr ganzes Wesen sich empört, schon bei dem bloßen Gedanken. Ihm nicht, aber mir,“ hier war es zu Ende mit der Selbstbeherrschung, die alte unbändige Leidenschaft brach wieder furchtbar hervor aus der Tiefe, „mir wagen Sie dies zu bieten! Mir muthen Sie einen solchen schmachvollen Handel zu! Sie wagen es, Mr. Alison zu behandeln, als wäre er ein Wucherer, dem Wort und Ehre für Dollars feil sind – Jane, beim Himmel, die Beleidigung sollen Sie mir büßen!“

Jane wich zurück, sie sah ihn befremdet und völlig verständnislos an, auf eine solche Aufnahme ihres Anerbietens war sie nicht gefaßt gewesen.

Henry riß das Papier vom Tische und zerknitterte es wüthend in der Hand. „Mit diesem elenden Blatt wollten Sie sich frei kaufen und mir dann mit dem Gelde noch Ihre Verachtung nachwerfen! Sie haben in mir immer und ewig nur den Geldmenschen gesehen – mag sein, daß es Berechnung war, die mich zu Ihnen führte, Sie lehrten mich bald genug mit einem anderen Factor rechnen, als mit dem Dollar. Ich habe Sie geliebt, Jane, geliebt bis zum Wahnsinn, und nur um so heißer geliebt, je kälter Sie sich von mir zurückzogen, bis zu dem Augenblick, wo dieser blauäugige Deutsche in meinen Weg trat und ich Euch beide hassen lernte. Sie wissen nichts von meiner Unterredung mit ihm, als was ich Ihnen selbst davon gesagt, ahnen nicht, was zwischen uns vorfiel in jener Nacht, wo Ihr Bruder starb. Nun denn, ich wollte zum Mörder an ihm werden, weil er mir das Duell verweigerte. So weit hatte die – Berechnung den Geldmenschen gebracht, daß er alles vergaß, daß er Leben, Ehre und Zukunft auf’s Spiel setzte um des einen Gutes willen, das man ihm streitig machte. Begreifen Sie nun, Jane, was Sie mir gewesen sind und weshalb ich Sie festhalte? Ich weiß, daß ich kein Glück mehr zu hoffen habe, daß mein Haus mir zur Hölle wird, aber ich weiß auch, daß keine Macht der Erde Euch von einander reißt, wenn nicht mein Arm es thut. Er wird es thun und gälte es Ihr ganzen Erbe und gälte es das meine bis auf den letzten Dollar, ich würfe beides hin, aber er soll Dich nicht besitzen!“

Er zerriß das Papier und warf die Fetzen verächtlich von sich, dann trat er mit einer stürmischen Bewegung zum Fenster und starrte abgewandt hinaus.

Jane stand regungslos, erschreckt, betäubt von diesem jähen Ausbruch einer Empfindung, die sie in Henry nie geahnt. Zum ersten Mal zeigte er ihr dies Antlitz, sie fühlte tief im Innersten, es sei das wahre, und fühlte zugleich mit heißer Beschämung, was sie ihm gethan, aber mitten durch Schreck und Scham brach jetzt leise und licht ein Hoffnungsstrahl, sie wußte, daß das Weib allmächtig ist, wo es geliebt wird.

Henry fühlte seine Schulter leise berührt; als er sich umwandte, stand Jane dicht vor ihm, aber der Trotz und die Verachtung waren aus ihrer Haltung verschwunden, sie hatte das Haupt gesenkt, wie schuldbewußt, und der Blick haftete am Boden.

„Ich that Ihnen Unrecht!“ sagte sie leise, und es klang fast wie Abbitte aus ihrem Ton, „ich dachte nicht, daß Sie lieben könnten.“

Henry wich zurück, es überkam ihn eine Ahnung von dem, was ihm jetzt bevorstand, und die Stirn furchte sich noch tiefer, die Züge wurden noch härter, sein ganzes Wesen war finstere, eisige Abwehr.

„Genug der Bekenntnisse!“ sagte er rauh. „Ich bitte Sie jetzt nochmals, Miß Forest, den Tag unserer Verbindung zu bestimmen. Ich erwarte Ihre Antwort, erwarte sie sofort.“

Jane stand noch immer mit zu Boden geschlagenen Augen vor ihm, jetzt legte sie plötzlich beide Hände auf seinen Arm.

„Henry!“

Er zuckte zusammen und wendete sich ab.

„Sie haben mir eine grausame Wahl gestellt und furchtbar war die Drohung, mit der Sie mich zu schweigender Unthätigkeit zwangen. Sein Leben und meine Zukunft liegt jetzt in Ihrer Hand allein, Henry – geben Sie ihm dies unselige Wort zurück, und mir die Freiheit!“

Mit einer ungestümen Bewegung stieß er ihre Hand zurück. „Was soll der Ton, Jane? Denken Sie mich damit zu zwingen? Haben Sie aus meinen Worten nichts Anderes gehört, als daß ich jetzt eine Großmuthsscene spielen und Sie in seine Arme führen würde? Kein Wort weiter, nicht ein einziges mehr – oder ich vergesse mich!“

Das Verbot klang wild und drohend genug, aber es blieb wirkungslos; Jane war sich jetzt ihrer Macht bewußt, sie ließ sich nicht mehr schrecken.

„Ich biete Ihnen nicht mehr mein Vermögen, und Alles, was ich sonst zu geben habe, gehört einem Andern. Ich konnte nichts von Ihnen erzwingen und nichts erkaufen, nun denn, so bitte ich jetzt: Henry, zu Ihrem und meinem Heile – geben Sie mich frei!“

Sie war vor ihm niedergesunken, ihre Stimme bebte in angstvollem Flehen, in weicher rührender Bitte, wie er sie noch nie aus diesem Munde gehört, die großen dunkeln Augen blickten ihn jetzt voll und unverwandt an, sie standen voll heißer Thränen, das ganze Wesen war so seltsam verwandelt, so ganz anders als die Jane Forest, die er bisher gekannt, Henry fühlte erst in diesem Augenblicke, was er in ihr verlor.

„Zu meinen Füßen! Ich könnte stolz sein auf den Triumph, wüßte ich nicht zu gut, wem ich ihn verdanke! Miß Forest wäre eher gestorben, hätte eher ein ganzes Leben voll Qual und Elend auf sich genommen, ehe auch nur ein Wort der Bitte von ihren Lippen gekommen wäre. Aber es gilt ja sein Glück, seine Zukunft, da kann man die ärgste Demüthigung auf sich nehmen, und wenn der Stolz auch aus tausend Wunden blutet, da kann man flehen, knieen sogar, was man für sich selber nie vermocht! Nicht, Jane?“

Diesmal blieb Jane empfindungslos gegen den Hohn, sie fühlte nur die grenzenlose Bitterkeit, der er entstammte, fühlte durch all’ sein finsteres Sträuben hindurch ihren Sieg sich emporringen.

„Ja!“ sagte sie leise, noch immer unverwandt zu ihm aufblickend.

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1871, Seite 451. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_451.jpg&oldid=- (Version vom 1.10.2017)