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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1872)

von mir stand; „er trat bei mir auf die Blöße heraus, war aber doch zu weit, als daß ich hätte schießen können. Warum haben Sie nicht Feuer auf ihn gegeben?“

„Was ich gesehen habe, liegt verendet; Sie werden sich aber wohl geirrt und den Fuchs, welchen ich erlegt, für einen Wolf gehalten haben.“

„O nein, ich bin meiner Sache sicher; Füchse, welche unsere Fleischerhunde an Größe übertreffen, giebt es nicht; das war ein Wolf. Ich glaubte, Sie hätten ihn gesehen weil Sie unmittelbar darauf, nachdem er wieder in das Dickicht zurückgetreten war, Feuer gaben.“

„Ich habe einen Fuchs gesehen und geschossen; dies ist Alles.“

Der Befehl, uns jenseits des Weges von Neuem aufzustellen und das von der andern Seite herankommende Treiben abzuwarten, schnitt weitere Rede ab. Derselbe Lärm erhob sich jetzt am entgegengesetzten Saume des Waldes, diesmal aber von Anfang an deutlich und vernehmbar, weil der abzutreibende Theil kleiner war und der Wind uns den Schall entgegentrug. Einige Füchse sprangen über den Weg und wurden gefehlt; von Wölfen zeigte sich nichts.

Und doch hatte ich die Amsel recht verstanden gehabt und auch Gerlich sich nicht geirrt. Denn als wir abberufen wurden und wieder zurückkehrten, fiel uns schon von Weitem ein von Treibern gebildeter Kreis auf, und als wir denselben durchschritten hatten, lag vor uns der von Hauptmann Scheller erlegte Wolf, derselbe welcher auf meinen Stand zugelaufen, von Gerlich gesehen worden und wahrscheinlich aus Furcht vor diesem in den Wald zurückgegangen war. Aber nicht allein er, sondern noch vier andere Seinesgleichen waren im Treiben gewesen und drei von ihnen durch die Treiber gegangen; auf den vierten hatte man vergeblich geschossen. Ich darf sagen, daß ich Scheller ohne Jagdneid meine Glückwünsche darbrachte; für mich war die Art und Weise der Jagd und Das, was ich über die Wölfe in Erfahrung gebracht, wichtiger gewesen, als ein von mir selbst auf Wölfe abgegebener erfolgreicher Schuß. Während wir noch um die Jagdbeute standen, brachten einige der Treiber bereits eine passende Stange herbei, schnürten mit Weidenruthen dem Wolfe die Füße zusammen, hingen ihn an der Stange auf und brachten ihn im Triumphe zum Dorfe zurück.

Die Kürze des Tages erlaubte nur noch ein einziges Treiben in einem benachbarten, ausgedehnten Walde. Dasselbe verlief jedoch ohne Ergebniß, weil eine zahlreiche Schweineherde schon seit Tagen dort geweidet und die Wölfe vertrieben hatte. Auch eine in den nächsten Tagen unweit der ungarischen Grenze bei dem Städtchen Kopreinitz veranstaltete Wolfsjagd fiel ungünstig aus. Wölfe waren zwar vorhanden und ihre Spur überall zu bemerken, kamen jedoch nicht zum Schusse. Auf anderweitige Jagden konnten wir uns diesmal nicht einlassen, weil das Herannahen des Weihnachtsfestes uns nach Hause trieb. Meinen Zweck hatte ich erreicht. Ich hatte das ganze Getriebe der Wolfsjagden kennen gelernt und einen Wolf so zu sagen mit erlegen helfen; mehr wollte ich nicht. Die Gefährten dachten ähnlich. Befriedigt waren Alle.

Wir schieden mit aufrichtigem Danke aus Kroatien. Unsere Landsleute wie die Eingeborenen haben uns Freundlichkeiten aller Art erwiesen; mein Urtheil über Land und Leute hat sich wesentlich geändert und jedenfalls zu Gunsten Kroatiens und der Kroaten berichtigt. So verworren und unbefestigt heutzutage die dortigen Zustände auch sein mögen: ein ernster Wille, sie zu ändern und zu verbessern, läßt sich nicht verkennen. Noch fehlt Vieles, bevor sich das Land den deutschen Staaten des österreichischen Kaiserreichs wird an die Seite stellen können; die feurige Vaterlandsliebe aber, welche die Kroaten bethätigen, der Eifer, überall zu bessern, wo es noth thut, die Opfer, zu denen man bereit ist, verbürgen einen stetigen Fortschritt. Grundfalsche politische Anschauungen, panslavistischen Größenwahn, maßlose Selbstüberschätzung und offenbare Feindschaft gegen das deutsche Element habe ich allerdings auch erfahren müssen, alles Dies aber auf Rechnung der wenigen unreifen Köpfe gebracht, in denen solcher Widersinn brodelte und gährte, und die wirklich gebildeten Kroaten, welche mir doch überall in überwiegender Menge entgegentraten, damit nicht belastet. Das niedrige Volk ist verkommen oder doch nicht vorwärts geschritten, aus dem einfachen Grunde, weil es so gut wie keine Bedürfnisse hat und Dasjenige, was es bedarf, ihm durch das reiche Land in Fülle geboten wird; dem ungeachtet glaube ich, daß ein guter Kern in ihm liegt und es nur der Verbreitung gründlicher Schulkenntnisse bedarf, um es ebenfalls vorwärts zu bringen. Rohheit und Unnatur habe ich nicht bei ihm gefunden, und deshalb bekenne ich mich auch ihm ebenso zu Dank verpflichtet wie den vielen und trefflichen Leuten, mit denen zu verkehren ich das Vergnügen gehabt habe.




 Der schwerste Gang.

„Mir ist’s im Herzen so bang’ und schwer,
Als ob ein Unglück im Anzug wär.“

Die junge Gattin seufzet es laut,
Großmutter nickt, das Knäblein schaut –

Es schaut in’s Antlitz Beiden und spricht:
„Mein Vater kommt aber recht lange nicht.“

Großmutter tröstet, sie thut sich Gewalt:
„Der Krieg ist ja aus, nun kommt er bald.“

Und doch sitzen die Frauen in Trübsal dort,
Der Knabe allein spielt heiter fort.

Und des Wegs ein Wehrmann wandert daher;
Man sieht’s: der trägt im Herzen schwer.

Je näher dem Haus, je zager der Schritt –
Er kehrte noch um, wenn die Pflicht es litt’.

Er pocht mit zitterndem Finger an,
Und wie die Pforte wird aufgethan –

Das junge Weib ihm entgegenspringt
Und schreckensbleich die Hände ringt:

„Um Gotteswillen, Johann, Johann,
Du kommst allein – wo ist mein Mann?“

„Dein Mann schläft in gar fester Ruh’,
Ich drückt’ ihm selber die Augen zu.

Er schläft nicht allein. Wir senkten hinab
Wohl hundert Cam’raden in’s selbe Grab.

Und die Ehrensalve, die war so stark,
Viel Tausenden fuhr sie durch Bein und Mark.

Denn wo wir das große Grab gemacht,
Da donnerte drüber die ganze Schlacht.

Hier ist seine Uhr und sein Briefbüchlein
Mit dem letzten Gruß – und sein Todtenschein.

Das bring’ ich Euch, ich that’s ihm zu Lieb’,
Das ist Alles, was von ihm übrig blieb.“

Da flog ein Engel durch den Raum,
Das Schluchzen und Wimmern – man hört’ es kaum.

Denn bei dem allertiefsten Schmerz
Da rinnen die Thränen hinab in’s Herz. –

Als der Landwehrmann trat wieder heraus,
Bekreuzet er sich und bekreuzet das Haus.

„Vor Granaten und Kugeln war mir nicht bang’,
Aber das, das war mein schwerster Gang.“

 Fritz Hofmann.




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Verschiedene: Die Gartenlaube (1872). Leipzig: Ernst Keil, 1872, Seite 296. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1872)_296.jpg&oldid=3184351 (Version vom 7.7.2018)