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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1872)

Es lehrt diese Tabelle, daß beim vorzeitigen Ergrauen gleichwie bei dem in Folge des höheren Alters das Ergrauen nicht an dem bereits vorher fertig gebildeten farbigen Haar eintritt, sondern an dem werdenden Haar; bald verliert das im Fortwachsen begriffene Haar allmählich den Farbstoff, bald wird an Stelle des ausgefallenen gefärbten Haares das neue gleich vom Beginn an farblos gebildet; eine aufmerksame Beobachtung am Lebenden kann jeden Laien überzeugen, daß nicht das fertige Haar an der Spitze ergraut: schneidet man nämlich an solchen noch fest am Kopfe sitzenden Haaren, deren Spitze weiß, deren übriger ganzer Stamm aber gefärbt ist, diese weiße Spitze ab (und macht man diese Haare durch Umschlingen mit einem rothen Seidenfaden oder durch Färben mit Höllenstein leicht auffindbar), so erkennt man, daß ein weiteres Ergrauen hinter der abgeschnittenen Spitze nicht eintritt; die Haare spalten sich wohl, aber sie behalten ihre frühere Farbe.[1] Das Ergrauen ist ein Proceß, der gewöhnlich (beim Kopfhaar vielleicht immer) an der Haarbildungsstätte erfolgt, nicht am fertigen Haar.




Das Bad der Flüchtlinge.


Mazzini. – Der italienische Agitator und seine Katze. – Mathy als Schulmeister. – Harro Harring. – Rauschenplatt, der Dictator der Republik Dipflingen. – Der Verbreiter der geheimen Wiener Protocolle. – Jetzt.


Es wird heute kaum Jemand mehr Mazzini den Ruhm vorenthalten wollen, daß er, vor Cavour und Garibaldi, die treibende Kraft für die Einheit Italiens war. Ueber die Wege „nach Rom“ konnte man sich streiten, über das Ziel selbst war keiner der genannten drei italienischen Patrioten im Unklaren, aber Jeder von ihnen ging seinen eigenen Weg. Mazzini begeisterte, agitirte, regte die Massen und die Geister auf, entzündete in einem verrotteten, gleichgültigen, verpfafften Volke die heiße Flamme der Vaterlandsliebe und des Selbstbewußtseins, predigte den heiligen Krieg für Freiheit, Einheit und Gleichheit, erstrebte und zeichnete die ehemalige Größe Italiens und schrieb auf seine Fahne: „Die Republik“.

Garibaldi, der sich selbst mit Stolz einen Schüler Mazzini’s nennt, besann sich nicht lange; von ihm, wie von keinem Zweiten, gilt der Ausspruch Tell’s:

„Ich kann nicht lange prüfen oder wählen.
Bedürft ihr meiner zu bestimmter That,
Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen.“

Er schlug drein: er jagte, wie der Erzengel Michael, den „alten Adam“ aus seinem Paradies, weil er nicht in den Apfel der Erkenntniß beißen wollte, und schenkte, als unerschütterlicher Republikaner, eroberte Reiche einem armen König. Aber er stellte die Einheit des Vaterlandes über dessen gänzliche Freiheit. Er nahm das Erreichbare als sichere Abschlagszahlung der Zeit.

Cavour benutzte Beide als seine unsichtbaren und sichtbaren Arme, um Armeen aus dem Boden zu stampfen. Er spann im Stillen den Faden des kühnen Staatsmannes, der sich durch Alles knüpfend zog und Alles weise und möglich ordnete. Cavour, der Bismarck Italiens, blieb unerschütterlich bei der Zusammengehörigkeit der italienischen Stämme stehen, mit Mazzini und Garibaldi ein gemeinsames Ziel im Auge: „Front gegen Rom!“ Welcher von den drei großen Italienern aber war der größte? Sie seien uns gleich lieb. Denn sie sind und waren gleich nothwendig, gleich groß, gleich kühn!

Für Deutschland jedoch hat in diesem Augenblick der vor Kurzem in’s Grab gesunkene Mazzini das größte Interesse. Nicht weil er während des letzten Nationalkampfes entschieden und offen mit Deutschland hielt und es mit wuchtigen Worten aussprach, nicht weil er neuerdings offen und ehrlich, selbst vom Krankenlager aus, die Arbeiter seines Vaterlandes vor den täuschenden und schmeichelnden Einflüsterungen eines ungesunden Socialismus warnte, sondern weil der Italiener Mazzini in den dreißiger Jahren als Flüchtling in der Schweiz und als damaliger Chef des „jungen Europa“ einen nicht unwesentlichen Einfluß auf das nationale Erwachen Jungdeutschlands ausgeübt hat.

Mazzini lebte kurz nach dem sogenannten Savoyerzug, Ende Januar 1834, als vielverfolgter Flüchtling in der Schweiz und zwar längere Zeit in einem prächtigen Dorfe am Jura, in Grenchen, wenige Stunden oberhalb Solothurn. Grenchen, damals noch ein gewöhnliches Bauerndorf, jetzt eine kleine Metropole der Uhrenfabrikation, hatte von jeher, bei sauerem Wein, süße und warme Herzen für die Patrioten aller Völker. Dort spielte der große Agitator lange Zeit hindurch blinde Kuh mit der continentalen Reactionsdiplomatie und Polizei jener Jahre. Bald hier, bald dort ließ er sich jagen, wohl auch fangen, aber man hatte dann immer „den Lätzen verwitscht“, wie der Schweizer sagt, und ließ ihn frei.

Liberale schweizerische Staatsmänner warnten ihn natürlich immer rechtzeitig oder ließen ihn warnen. Selbst die Landjäger genirten sich die hohe Fangsumme zu verdienen; dagegen verschmähten sie nicht eine Flasche vom „Mehrbessern zu höhlen“, wenn sie den „Teufelskerl“ zu suchen kamen im alten Grenchenbad, in welchem Mazzini mehrere Jahre unter dem Namen Strozzi verborgen war oder aus und ein ging.

Das alte Grenchenbad war damals einer der lieblichsten und heitersten Erdwinkel am Jura, dazu ein vollbesuchtes „Bädli“, gehalten von der Familie Girard, die schon vor Anno dreißig fest unter der Fahne des Fortschrittes voranwandelte im Kampfe gegen die Stadtdynastien jener Zeit. Die feinere Bürgerwelt der Städte Biel und Solothurn, sowie die „Bauermadel“ der Dörfer und Höfe weit umher, pflegten sich zur Sommerzeit am Sonntagnachmittag im Grenchenbade zu versammeln. Darunter besonders die blanken „Berner Meitschi“, mit dem blüthenweißen „Mänteli“ vor’m herzhaften Brustschlagwerk, von denen nachmals Jeremias Gotthelf so viel und so schön zu erzählen wußte. Und so fand alle Sonntage ein fast unvermeidlicher Ball oder ein „Esseli“[2] oder Beides miteinander statt. Heirathen wurden da in einem Sommer mehr fertiggebracht, als jener weltberühmte Schmied zu Gretna Green in Schottland binnen zehn Jahren zusammenschmiedete. Im oberen Saal ging es dann hoch her. Unten aber im Parterre oder besser noch im Souterrain, bei einer heiseren Flöte oder einer zweifelhaften Geige, da schwenkte und stampfte die gleichberechtigte Dienstbotenwelt und das „mindere Mannli“, daß der Tanzboden krachte, im wildesten Durcheinander.

Zahme Störche spazierten durch die Menge, Aeolsharfen begrüßten sentimental den schelmischlächelnden Mond, der sich in den mannigfaltigsten Bogenschwingungen der Springbrunnen vor der Hauptfront des Hauses spiegelte, bis ein „Chaisli“ und ein „Bernerwägeli“ nach dem andern gen Biel, gen Solothurn oder gen Büren an der Aar seine oft theuer gewordenen Lasten entführte, schwankend wie der Erntewagen in Schiller’s „Glocke“.

Dann ward es stiller und stiller; unten über die stundenbreite Grenchner „Weite“ legte sich ein blüthenweißer Nebelschleier, durch welchen hier und da das Silberband der gelassen dahinziehenden Aar heraufblitzte, wie ein schöner Gedanke. Der nachtblaue Jura thürmte sich im Norden immer mächtiger und prächtiger empor und tauchte seine träumerischen Spitzen tief hinein in den lichten Aether, in dem die Sterne seit uralten Zeiten schwimmen. Der Lieblingspfau, hoch oben auf dem Firste der Scheuer, ließ seinen schrillen Nachtwächterruf weithin erschallen, das Bächlein plätscherte, wie es wohl schon vor Jahrtausenden gethan.

In solchen Augenblicken öffnete sich oft leise das kleine Hinterpförtchen

  1. Es sind mir seit dem Erscheinen meines letzten Aufsatzes vielfache Zuschriften zugegangen, in denen Fälle plötzlichen Ergrauens nach starken Gemüthsbewegungen mitgetheilt wurden; einzelne derselben werde ich in einer besonderen kleinen Notiz in der Gartenlaube verdeutlichen, aber es waren meist Fälle, die vor vielen Jahren beobachtet worden waren und in denen daher eine Untersuchung nicht mehr angestellt werden konnte. Ich fordere zur endlichen Feststellung dieser interessanten Frage die Leser und Leserinnen der Gartenlaube nochmals auf, mir eine kurze Mittheilung zugehen zu lassen, falls sie in neuester Zeit eine solche Wahrnehmung gemacht haben sollten. Ich wiederhole: ein einziger wohl constatirter Fall würde zur Erkenntniß der Wahrheit hinreichen.
  2. Damit bezeichnet man in der Schweiz im scherzhaften Sinne große und kleinere Tafeleien, bei denen natürlich nur an „gute Platten“ gedacht werden darf.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1872). Leipzig: Ernst Keil, 1872, Seite 377. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1872)_377.jpg&oldid=3200632 (Version vom 17.7.2018)