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Verschiedene: Die Gartenlaube (1872)

Als ich ihn vor einigen Jahren mit meiner ältesten Tochter in London besuchte, war er voller Hoffnung für Italien, und als besonderer Freund der Damen richtete er sein lebhaftes Gespräch vorzugsweise an meine Begleiterin, die ihn schon aus Herrn Stanfield’s Salon von früher her kannte und ihm mit großem Interesse zuhörte. „Ich bin ernstlich krank gewesen,“ sagte er „und weiß nicht, ob ich mich für hergestellt ansehen kann.“ Er war über und über grau, auch in Grau gekleidet, um so feuriger leuchteten seine schönen italienischen Augen; sein kräftiger Händedruck sprach für Genesung. „Aber, wenn ich nur noch Ein Jahr vorhalte, so erlebe ich doch noch die italienische Republik. Die ganze Armee bis zum Hauptmann hinauf ist republikanisch; wir werden den Franzosen noch zuvorkommen.“

Er hat länger gelebt, aber die Ereignisse, welche diese seine letzten Jahre brachten, waren ganz anderer Art; und wenn er die Befreiung seines theuren Roms, dem er einst mit Ehren vorgestanden, erlebte, so war es wiederum nicht aus eigenen Mitteln des italienischen Volks – was er immer verlangt hatte mit seinem berühmt, aber nicht wahr gewordenen Worte: „L’Italia farà da se“ („Italien wird allein thun!“) – nein! es waren wiederum die Deutschen, welche die Räumung Roms erzwangen, wie sie 1866 die des Quadrilateros[1] und Venedigs erzwungen hatten. Und die Verbrüderung war keine demokratische, ja, es war gar keine Verbrüderung, sondern nur ein gleiches Interesse vorhanden, eine Politik, die allerdings von Mazzini gewürdigt, von Garibaldi aber, wie wir wissen, und von so manchen anderen verkannt wurde.

Ich habe den braven Tribun mit prophetischer Gewalt und rastlosem Eifer nicht wieder gesehen. Vor zweiundzwanzig Jahren dagegen hatte ich vielfache Berührung mit ihm als sein College im europäischen Centralausschuß seligen Andenkens. Ich will hier einiges Anekdotische mittheilen.

Durch Ledru Rollin und vornehmlich durch den polnischen Gutsbesitzer Worzel wurde ich mit Mazzini bekannt. Worzel, der mir von Paris her befreundet war, hatte mich zum Candidaten des Centralcomités gemacht und beredete mich zum Beitritt. Der Gedanke war sehr richtig: das Comité sollte eine Verbrüderung der Nationen anbahnen und diese zur Politik der Demokratie erheben, so daß die Vereinigten Staaten von Europa es zu einem friedlichen Gemeinwesen brächten. Was ich vermuthet hatte, meine Abwesenheit von London brachte mir mancherlei Ungelegenheiten. Manche Reise, die sehr wichtig sein sollte, erschien mir bei der Rückreise sehr überflüssig und ich konnte es nicht vermeiden, unter manchem Manifest meinen Namen zu finden, das Mazzini mehr in seinem, als in meinem Sinne abgefaßt hatte und das dann im Namen des Comités ging; gegen seinen Wahlspruch: „Gott und das Volk!“ hatte ich nur die Kleinigkeit einzuwenden, daß wir keine Theologen waren und uns nicht für das Volk in jeder Form, sondern nur für das „freie Volk“ interessirten.

Das Centralcomité entsprach aber dem Geiste der damaligen Opposition als Protest gegen die Vergewaltigungen, denen sie eben erlegen war, und wir hatten in Frankreich unser Journal und in der Versammlung unsere politischen Freunde. Dies änderte sich durch den Staatsstreich. Seitdem hatten wir keinen direct politischen Einfluß mehr auszuüben.

Als nun Kossuth nach England kam, und vollends nach seiner Rückkehr aus Amerika, trat ein ganz neues Element auf: die politischen Chefs der verschiedenen Völker, die reges in partibus; und da wir Deutsche einen solchen Glücklichen im Unglück nicht hatten, so waren wir natürlich auch nicht mehr zu vertreten.

Zuerst erkannte Kossuth auch Ledru Rollin und Mazzini nicht an, worüber ich ein wenig mit ihm in Zwist gerieth. Ich sah ihn als Mitglied der Brightoner Deputation, die ihn zu seiner Ankunft in England beglückwünschte. Und als ich fand, er müsse Ledru Rollin besuchen und sich auf gleichen Fuß mit uns stellen, fand er keineswegs eine Gleichheit, weil Ledru nicht die ganze provisorische Republik von 1848 als Chef repräsentiert habe, und uns Deutschen gestand er nun gar nicht einmal die Existenz zu. Auf meine Bemerkung, Ungarn sei gegen Deutschland trotz alledem nur secundär und existire als Culturvolk nur durch Deutschland, wurde er fuchswild, rannte rund um den Tisch herum und erklärte, Ungarn sei jeder Nation ebenbürtig und von selbstständiger Bedeutung.

„Sie sehen, Herr Gouverneur,“ sagte ich, „daß die Sache zwei Seiten hat und daß die Anerkennung mindestens gegenseitig sein sollte. Ich dächte, die Ungarn hätten genug von der Isolirung!“

Wir kamen noch so ziemlich in Frieden auseinander, auch habe ich ihn nachher noch einmal wiedergesehen; aber die Damen im Salon sahen sehr ungnädig drein, denn sie hatten unser Deutsch sehr wohl verstanden.

Endlich gab es eine sonderbare Veranlassung zum Bruch und wieder aus patriotischen Gründen, während man doch über solchen Particularismus hinaus und europäisch sein wollte. Die Deutschen in London feierten Blum’s Todestag und Andenken und luden mich ein, bei der Gelegenheit zu präsidiren, was ich auch that. Es war eine glänzende Versammlung in Freemasons Hall, nur die großen Repräsentanten, die eingeladen waren, Ledru, Mazzini und Kossuth, fehlten. Ledru hatte sich nicht erklärt; von Mazzini und Kossuth waren aber Briefe eingelaufen; und Beide, als hätten sie sich verabredet, erklärten, der Eine die Ungarn, der Andere die Italiener für die wahren Märtyrer und wollten von einer Bevorzugung Blum’s nichts wissen. Natürlich wurde beschlossen, diese Briefe der Versammlung nicht mitzutheilen und das Präsidium zu beauftragen, sie mit Protest zu beantworten. So gerieth ich ganz zufällig mit meinem Collegen Mazzini und mit dem Gouverneur der Ungarn in Conflict; denn ich hatte ihnen mitzutheilen: der Vorstand habe sie einfach als Bürger und Demokraten, nicht als reges in partibus der Italiener und der Ungarn eingeladen und daher es nicht für passend erachtet, ihre Briefe der Versammlung vorzulesen.

Kossuth ging bald darauf nach Italien. Mazzini selbst nahm die Wendung nicht übel; die Damen hingegen, in deren Gesellschaft ich ihn das nächste Mal traf, bestraften mich mit wohlverdienter Kälte: eine solche plumpe Sprache war wider alle Kleiderordnung. Wo sich ein König zeigt, findet sich gleich auch ein Hof, und der Hof ist dann, wie immer, königlicher als der König. Die große Verehrung, die Mazzini von vielen geistvollen und schönen Damen genoß, muß ihn in seiner langen Verbannung sehr getröstet haben.

Aus der Zeit des Centralcomités will ich nur noch „das griechische Feuer“ und „die Kugelspritze“ erwähnen.

Das Centralcomité zog die Herren Erfinder an. Eines Tages machte Mazzini einen glänzenden Bericht von den Versuchen mit einer neuen Art „griechischen Feuers“, von denen er eben herkam. Ein ganzer Teich war mit der Flüssigkeit bedeckt und dann in ein Feuermeer verwandelt worden. Es war klar, wenn man die gefährliche Flüssigkeit aus einem Boote auslaufen ließ und den Ankerplatz der feindlichen Flotte damit bedeckte, so war sie verloren. Es war ein Glück, daß Mazzini und sein Erfinder mit den Seemächten in Frieden lebten, sonst hätten diese sich dem Untergange ausgesetzt. Die Engländer selbst – der Erfinder war ein Engländer – haben weder von dieser noch von Capitain Warren’s Erfindung, aus weiter Entfernung ein Schiff in die Luft zu sprengen – das Experiment wurde zwei englische Meilen in See vor Brighton ausgeführt – Gebrauch gemacht. Hm! vielleicht aus Anstand; denn an den Erfindungen sollen wir doch wohl nicht zweifeln, wenn auch Lord Brougham, der die eine, und Mazzini, der die andere in Wirksamkeit gesehen, Beide nicht mehr unter den Lebenden wandeln?

Die Kugelspritze hab’ ich nun selber in Thätigkeit gesehen. Es war eine große hohle Scheibe, vorn mit einem Kanonenrohr, hinten mit einer Lafette. Der Erfinder, ein Irländer aus New-York, Mac Carthy, hatte sie in einem Schober und ließ sie erst durch Männer, später durch Dampf drehen. Schon das Drehen der Männer setzte die Kartätschen, die in eine Röhre an der Seite hineingeschüttet wurden, in die wildeste Bewegung; sie hatten auf dreihundert Schritt eine Planke durchgeschlagen, und als der freundliche Erfinder, Struven, der Amalie und mir eine Idee von seinem Mechanismus geben wollte, ricochetirten die verwünschten Kartätschen auf’s Empfindlichste gegen unsere Beine, wozu Mac Carthy nur immer: „schadet nichts! schadet nichts!“ rief, und worüber wir beiden Grütlimänner natürlich keine Beschwerde erheben durften.

Später einmal lud Mac Carthy mich zu einer großen Probe


  1. Das Festungsviereck, vergl. Gartenl. 1866, S. 395 ff.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1872). Leipzig: Ernst Keil, 1872, Seite 406. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1872)_406.jpg&oldid=- (Version vom 27.8.2018)