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Verschiedene: Die Gartenlaube (1876)


Werner’s entwerfen will, auf die Einzelheiten eingehen, welche den Inhalt dieser und der übrigen Prosadichtungen unserer Autorin bilden. Nur so viel sei hier gesagt: die Erzählung „Ein Held der Feder“ hat, auch wenn wir absehen von dem Hineingreifen des deutsch-französischen Krieges von 1870 und 1871 in die Handlung, eine entschieden nationale Grundidee; sie ist eine Art Verherrlichung – und wenn man will: Vertheidigung – des deutschen Wesens und Charakters gegenüber anderen Nationalitäten. Man mag diese Ansicht einseitig schelten – aber man blicke genauer hin, und man wird uns beistimmen, wenn wir den ethischen Kern der Erzählung in dem Charakter des Professors Fernow und seiner Wandelung vom Träumer und Helden der Feder zum Manne der That und Helden des Schwertes finden. Dieser trefflich gezeichnete Charakter des Bonner Professors aber ist zugleich der Typus, eines Deutschen, wie er leibt und lebt; er giebt der Erzählung ihr nationales Gepräge; er macht sie zu einer concret zu Wege gehenden psychologischen Studie über den deutschen Charakter überhaupt. Als eine besondere psychologische Feinheit der Erzählung aber muß die äußerst tactvolle Contrastirung des durchaus auf das Praktische gerichteten amerikanischen und des vorwiegend idealistischen deutschen Charakters – Jane Forest und Fernow – und die innerliche Wandelung bezeichnet werden, welche beide zur gegenseitigen Abklärung und Vollendung durchzumachen haben.

War die Grundidee der Novelle „Ein Held der Feder“ eine national-, so ist sie in Werner’s nächster Erzählung, im „Am Altar“, eine social-polemische. Trat dort das oppositionelle Element dem ästhetischen gegenüber in den Hintergrund, so prasseln hier die zündenden Raketen der Polemik und die paffenden Leuchtkugeln der Tendenz keck und frisch in die Luft. „Am Altar“, von dem die zweite Auflage demnächst erscheinen wird, ist ein mit seltener Feinheit der Beobachtung entworfenes und mit sicherer Hand durchgeführtes Bild aus dem Leben der heutigen Gesellschaft, ein Culturgemälde im schlichten, anmuthigen Gewande der Erzählung, ein Spiegel, vorgehalten den höchsten Würdenträgern der Kirche und des feudalen Adels, ein Fehdehandschuh, ihnen hingeworfen angesichts der Sünden, die sie an Staat und Menschheit begangen. Und um diesen geistigen Mittelpunkt gruppirt sich ein buntes Durcheinander der fesselndsten Menschengebilde, eine reiche Galerie von meistens fein umrissenen Charakteren. Die technische Composition der Erzählung läßt zwar hier und da die Sicherheit einer geübten Feder vermissen, und ein in die Geheimnisse des künstlerischen Schaffens eingeweihter Leser wird an solchen Stellen, wenn er scharf hinblickt, nicht verkennen, daß es eine weibliche Hand ist, welche hier die Fäden gesponnen hat, allein die in mannigfachem Wechsel spannenden und anmuthigen Situationen lassen uns die kleinen Mängel der Erzählung leicht vergessen, und kein Leser wird sich dem zugleich fesselnden und erhebenden Eindrucke dieses bedeutsamen Zeitgemäldes entziehen können.

Auch in Werner’s dritter größerer Erzählung „Glück auf!“ bewegen wir uns auf dem socialen Gebiet. Die Verfasserin versetzt uns mitten in die Arbeiterbewegung der Gegenwart hinein und stellt uns die Contraste des modernen Lebens in typischen Vertretern einerseits der Geld- und Geburtsaristokratie, andererseits des Arbeiterstandes vor’s Auge. Der Conflict ist ein großer und gewaltiger: der Kampf zwischen dem Capitale und der Arbeit – und der Ausgang ein sittlich befriedigender: der Sieg der gesunden Lebenstüchtigkeit über eine blasirte Vornehmheit und Hohlheit. Und diesen Sieg, den wir in den weiteren Kreisen der Novelle sich vollziehen sehen, wir sehen ihn auch in dem engsten Mittelpunkte derselben zum Austrage kommen, in dem mit feiner Menschenkenntniß geschilderten Eheverhältnisse der armen, aber vornehmen Eugenie von Windeg-Rabenau mit dem reichen, aber energielosen Kaufmannssohne Arthur Berkow.

Wenn die Erzählungen „Am Altar“, „Ein Held der Feder“ und „Glück auf!“ drei frische und glänzende Lorbeerblätter im Kranze E. Werner’s sind, so läßt die den Lesern der „Gartenlaube“ zuletzt vorgeführte Schöpfung unserer Dichterin, „Gesprengte Fesseln“, in Handlung und Charakteren die sichere Führung und den großen Zug, den wir sonst an E. Werner gewohnt sind, leider hier und da vermissen; denn trotz mancher Schönheiten im Einzelnen fehlt es in dieser Erzählung an psychologischen Unwahrscheinlichkeiten, namentlich in der Schlußwendung, leider nicht.

An das Erscheinen von E. Werner’s neuester Novelle „Vineta“, von welcher die „Gartenlaube“ in voriger und heutiger Nummer die Anfangscapitel bringt, knüpfen wir die Hoffnung, daß sie uns die geistvolle Verfasserin wieder auf der Höhe ihres Talents zeigen und uns eine neue Seite ihres Schaffens vorführen möge. –

Soviel über das literarische Wirken unserer liebenswürdigen Dichterin. „Und diese Dichterin selbst, wer ist sie, wo stand ihre Wiege, wo lebt sie?“ – immer und immer wieder hört man diese Fragen aufwerfen. Das Publicum will nicht nur an den Werken seiner Lieblingsautoren, es will auch an ihrem Leben Theil haben. So mögen denn einige kurze biographische Mittheilungen über unsere geistvolle Novellistin diese Zeilen schließen!

E. Werner – mit wahrem Namen: Elisabeth Buerstenbinder – ist eine Tochter der nüchternen, kritischen Stadt der Intelligenz, eine Tochter Berlins; sie verleugnet in der durchgehenden Klarheit und Prägnanz ihrer dichterischen Erzeugnisse diese Abkunft nirgends, aber häufige Reisen, sowie der Verkehr mit verschieden gearteten Menschen schützten sie vor Einseitigkeit, nährten das poetische Gemüth in ihr und erweiterten ihren geistigen Gesichtskreis. Beide Einflüsse, die des Daheim und die des Draußen, erzeugten in ihr jene glückliche Mischung von Rationalismus und Romantik, welche ihre Dichtungen kennzeichnet. Im Ganzen läßt sich über das Leben E. Werner’s wenig Interessantes sagen; es ist eben das einförmige Dasein einer deutschen Schriftstellerin; sie hat ihre Vaterstadt niemals dauernd verlassen und, als die Tochter eines gut situirten Kaufmanns von jeher in gesicherten und äußerlich angenehmen Verhältnisse lebend, auch das gewöhnliche Schicksal einer solchen Lebensstellung getheilt, daß nämlich absolut nichts darin passirt.

„Mich haben Erziehung und Umgebung,“ schreibt sie an den Herausgeber dieses Blattes, „von jeher auf innere Erlebnisse angewiesen. Meine Kindheit und Jugend ist ziemlich einsam gewesen, da der Wunsch und die Neigung des Vaters mich und meine beiden Brüder fast gänzlich von der Geselligkeit fern hielten. Ich habe nie eine Freundin, kaum jemals eine Gespielin besessen, und daher mag wohl jene Verschlossenheit stammen, die mir so oft schon zum Vorwurfe gemacht worden. Erst in späterer Zeit habe ich einsehen lernen, was ich dieser Einsamkeit und Abgeschlossenheit, diesem fortwährenden ‚Auf sich selbst gestellt sein‘ Alles zu danken habe. Es bewahrt Charakter, Neigungen und Fähigkeiten vor jeder Zersplitterung und Zerstreuung und hält sie fest und strenge beisammen.“

Wie ein freundlich lächelnder Stern schwebt über dem Leben E. Werner’s, die unvermählt und in rüstiger Schaffenskraft noch heute in Berlin lebt, die treue Liebe und das innige Verständniß der Mutter. „Ich hatte,“ schreibt sie, „das seltene Glück, in meiner Mutter eine Freundin zu besitzen, die mir all die versagten Kinder- und Jugendfreundschaften ersetzte und bei der ich von jeher das vollste Verständniß und die vollste Hingebung für meine Interessen gefunden habe.“

Und mit diesem freundlichen Klange aus dem Leben unserer Dichterin, zugleich aber auch mit dem Wunsche, das reiche Talent, das uns mit so schönen Früchten beschenkt hat, möge noch lange blühen und grünen, finde diese flüchtige Skizze ihren Abschluß!

E. Z.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1876). Leipzig: Ernst Keil, 1876, Seite 466. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1876)_466.jpg&oldid=- (Version vom 9.9.2019)