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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1879)

Räume von der Außenwelt abschließend, wie immer hinter den Scheiben.

Donna Mercedes wich stets in die Tiefe des Salons zurück, sobald sie die beiden Damen von der Straße her durch den Vorgarten heimkommen sah – und sie kamen täglich zweimal, Morgens und zur Abendzeit, aus der Benediktinerkirche.... Sie stand ihrem eigenen innersten Wesen wie einem dunklen Räthsel gegenüber. Donna Mercedes hatte alle Ursache, der Dame des Hauses zu grollen, welche die Convenienz, die allereinfachsten Anstandsregeln ihr gegenüber in hochmüthiger Willkür völlig aus den Augen setzte – aber das Haßgefühl, das in ihr aufwogte, sobald die graue Schleppe zwischen den Büschen auftauchte – diese namenlose innere Aufregung war ihr selbst unbegreiflich und verwirrte sie.

So waren abermals zwei Tage verstrichen, und am dritten befand sich Donna Mercedes vom frühen Morgen an in erwartungsvoller Unruhe – möglicher Weise kam Baron Schilling heute zurück. Ob er die Entflohene mitbrachte und ihren Pflichten wieder zuführte? – Die Hoffnung der jungen Dame hatte sich mit jeder Stunde verringert; heute war sie sogar fest überzeugt, daß sie Lucile nicht eher wiedersehen werde, als bis Siechthum und drohender Mangel die Pflichtvergessene unter ihren Schutz zurücktrieben.... Gleichwohl harrte sie in unbeschreiblicher Spannung auf Baron Schilling’s Rückkehr, und da er ihr so fest und entschieden erklärt hatte, das Wiedersehen mit José nur unter den Bäumen des Gartens feiern zu wollen, so konnte sie ebenso wenig wie vor einigen Tagen erwarten, daß er, selbst im Besitze dringender Nachrichten, die Parterrewohnung betreten würde.

Sie ging deshalb in der Nachmittagsstunde, zu welcher Zeit der Erwartete ankommen konnte, nach dem Glashause. Hannchen saß inzwischen bei José und erzählte ihm Märchen, während sich die kleine Paula unter Deborah’s Aufsicht in dem schattigen Fichtenwäldchen hinter dem Atelier tummelte.

Der Wintergarten war nicht verschlossen, und auch die in das Atelier führende Glasthür stand offen; der Gärtner hatte ja auch drüben die Cacteen und Farren zu pflegen und war vermuthlich eben hier beschäftigt gewesen – man sah die frischen Spuren der tropfenden Gießkanne auf dem Asphaltboden, und der grüne Vorhang drüben hinter der Glaswand war vollständig zurückgezogen; der ganze weite Raum that sich auf – ein immer wieder überraschender und blendender Anblick!

Donna Mercedes zog ein Buch aus der Tasche und setzte sich auf die eiserne Gartenbank, die, tief in den Pflanzenwald eingerückt, laubenartig überwölbt war. Hier, in dieser traumhaften Stille, umhaucht von der düftereichen, durch die zerstäubenden Wasser gekühlten Luft, konnte sie ungestört und ruhig warten – ruhig? – Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen; sie versuchte zu lesen, aber sie fand keinen Sinn in den Longfellow’schen Versen; ihre Augen schweiften von der Blattseite immer wieder hinüber in das Atelier, in diese Wunderwelt, die auch ein Gedicht war, ein Gedicht, das seine Poesie aus altversunkenen Zeiten, aus weltweiten Fernen geholt hatte und welches dem, der hier sann und schaffte, eine unerschöpfliche Gedankenfülle zuströmte.

Draußen in seiner Clause schlug Pirat plötzlich mit seiner gewaltigen Stimme an. Donna Mercedes schreckte empor – Fremde näherten sich dem Hause; sie hörte es an dem Toben und Lärmen des ungeberdigen Thieres, aber vor dem Glashause wurde kein Schritt laut; der Hund schwieg auch bald wieder, und Donna Mercedes lehnte sich beruhigt in ihre geschützte Ecke zurück.

Da bewegte sich die Gobelingardine droben auf der Gallerie; das farbensprühende Gewebe theilte sich langsam, und die lange, graue Frauengestalt zeigte sich im Thürrahmen; schlaff und zusammengesunken wie immer, aber jetzt auch schleichend, wie auf Diebessohlen, trat die Baronin auf die Gallerie heraus. Fräulein von Riedt folgte ihr.

„Mir widerstrebt es, da hinabzugehen“, sagte die Stiftsdame. „Ist hier oben Alles sorgfältig weggeräumt, wie Du Dich gestern überzeugt hast, so wirst Du im Atelier, wo sozusagen öffentlicher Boden ist, noch viel weniger Aufklärung finden.“

Die Baronin ignorirte völlig, was ihre Begleiterin sprach. Sie glitt über die Gallerie hin und die Wendeltreppe hinab.

Donna Mercedes athmete kaum in ihrem Versteck. Sie konnte sich jetzt unmöglich erheben, ohne sich den Damen, denen sie um keinen Preis vor Baron Schilling’s Rückkehr begegnen mochte, zu verrathen.

Die Baronin blieb am Fuße der Wendeltreppe stehen.

„Ich war noch nie hier – noch nie,“ sagte sie im Tone der Befriedigung und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. „Ich habe es durchgesetzt, was ich damals versichert, als er den Grundstein zu dem Hause legen ließ, durchgesetzt bis zu dieser Stunde. Und daß ich in diesem Augenblick mein Gelübde breche, das wird er nie erfahren. Sieh Dich um, Adelheid! Ist diese Einrichtung nicht zum Lachen? Darin hat er allerdings Recht gehabt – zu solchem Kram würde ich mein Geld nicht hergegeben haben. Er ist ein sinnloser Verschwender. In alte Scharteken und Trümmer steckt er Unsummen, wie er der fremden Gesellschaft im Parterre die theuersten Weine und Speisen durch die Gurgel jagt.“

Sie sagte es mit lebhafter Gesticulation, und ihr müder Gang wandelte sich plötzlich zum Geschwindschritt. Sie ging quer durch das Atelier und trat zu Donna Mercedes’ Entsetzen in den Wintergarten. „Die Domestiken klatschen, und er braucht’s doch nicht zu wissen,“ sagte sie vor sich hin. Sie drückte die in den Garten führende Thür zu, drehte den Schlüssel um und steckte ihn, als genüge ihr nur diese Art von Sicherheit, in die Tasche.

Donna Mercedes verhielt sich lautlos wie eine Todte. Nur das Myrthengezweig trennte sie von dem Frauengesicht, dessen Athem sie nahezu streifte. Sie befand sich in einer höchst peinlichen Lage – sie war gefangen. Ihr stolzer Sinn, ihr ganzes Empfinden empörte sich gegen die Mitwissenschaft dessen, was die Baronin in Abwesenheit ihres Mannes hier trieb, allein noch unerträglicher war ihr der Gedanke, jetzt erst hervorzutreten und der Frau den Schlüssel abzunöthigen – sie beschloß, still auszuharren.

(Fortsetzung folgt.)


Ludwig Lorenz Oken.
Zum hundertjährigen Geburtstage eines Vielgeschmäheten.


Unsere Zeit, deren wissenschaftliches Gepräge die einheitliche Auffassung des Kosmos als eines harmonischen Ganzen, der Lebewelt als einer großen Familie ist, dürfte dazu angethan sein, auch einem deutschen Naturforscher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, welcher Decennien hindurch der jüngeren Generation geradezu als abschreckendes Beispiel, wie man die Natur nicht erforschen soll, dargestellt worden ist. Und doch hat sein ganzes Verbrechen darin bestanden, daß er vorzeitig und mit nicht ausreichenden Mitteln den Versuch gemacht hat, die sogenannten „beschreibenden“ Naturwissenschaften, welche ihr letztes Ziel in’s Sammeln, Beschreiben, Unterscheiden und Ordnen der Naturdinge setzten, dieser unwürdigen Stellung zu entheben und sie, wie Astronomie, Physik und Chemie, zu dem Range von Experimental- und Denkwissenschaften zu erheben.

Immer wieder nach langem geduldigem Sammeln, Beobachten und Verzagen hat sich das Streben des Menschengeistes aufgerafft, in der bunten Mannigfaltigkeit der Erscheinungen die Einheit zu suchen; jedesmal warf darauf die Kritik das religiöse oder philosophische System nieder, welches man ersonnen, um die Räthsel der Welt auf ihren Urgrund zurückzuführen. Doch unentmuthigt und immer von Neuem umringen Forscher und Denker das verschleierte Bild von Saïs. Um es mit einem Worte zu sagen: was Darwin mit beispiellosem Erfolge in unseren Tagen geleistet hat, das versuchte fünfzig Jahre vor ihm mit minderem Glück, aber nicht ohne Ahnung des richtigen Weges, Oken.

Hoffentlich wird uns sein Jubiläum auch eine zuverlässige, ausführliche Biographie von ihm bescheeren, die bisher fehlte. Wie wünschenswerth eine solche ist, mag der Umstand erläutern, daß von drei mir für diese kurze Schilderung vorliegenden Quellen: Günther’s „Lebensskizzen Jenenser Professoren“; Ph. von

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1879). Leipzig: Ernst Keil, 1879, Seite 518. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1879)_518.jpg&oldid=2722330 (Version vom 6.5.2016)