Seite:Die Gartenlaube (1884) 114.jpg

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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1884)

ihre tröstende Gegenwart erfreuten, und zunächst wäre alsdann an die „Mouche“ zu denken, dieselbe räthselhafte Frau, welche vor einigen Wochen unter dem Namen „Camilla Selden“ (jedenfalls einem Pseudonym)[WS 1] ihre Erinnerungen an Heine’s letzte Lebenstage veröffentlicht hat. Da aber die „Mouche“ erst im October 1855 mit Heine bekannt geworden, so ist wegen des wahrscheinlich früheren Beginns dieser Memoiren mit Sicherheit auch hierüber nichts zu sagen.
Aus den ersten Worten des Manuscriptes ließe sich noch auf eine andere Freundin Heine’s schließen, nämlich auf die Prinzessin Christina Belgiojoso, eine um die jungitalienische Bewegung hochverdiente Frau, in deren Hause in Paris Heine in besseren Tagen als willkommener Gast häufig verkehrt hatte. Das Manuscript nämlich, welches jetzt lautet: „Ich habe in der That, theure Dame“ etc., weist die, wieder ausgestrichenen, Correcturen auf: statt „theure“ – „erlauch…“, und statt „Dame“ – „Seele“. An die „Mouche“ hätte Heine schwerlich die Feder zu einem „erlauchte“ angesetzt.
Die vorstehende Widmung ist foliirt von Seite 1 bis 5. Auf der Rückseite des ersten Blattes steht das Brouillon eines bisher noch nie gedruckten Gedichtanfangs; es ist ein erster Entwurf, der nur die flüchtigen Gedanken festhalten sollte und noch der Durcharbeitung im Einzelnen bedurft hätte. Correcturen finden sich darin, wie in Allem, was Heine geschrieben, außerordentlich viele. Die Strophen lauten:

„Manch kostbar edle Perle birgt
Der Ocean; manch schöne Blume
Küsst nie ein Menschenblick nur stumme
Waldeinsamkeit schaut ihr Erröthen
Und trostlos in der Wildnißöde
Vergeudet sie die süßen Düfte.[1]

Wenngleich tobsüchtig dort der Wind
Die Fluten peitschet, daß sie heulen,
Und ihnen straks zu Hülfe eilen
Entsetzlich gähnend aus den Tiefen
Die Ungethüme, die dort schliefen – –“

Die weiter unten folgende Fortsetzung des Memoirenmanuscripts, beginnend mit den Worten: „Welch ein erhabenes Gefühl“ etc. fängt an auf S. 32. Es fehlen also in unserem Manuscripte die Blätter 6 bis 31. Was ist aus ihnen geworden ? – Die Antwort lautet: Heines Bruder Maximilian (vor einigen Jahren gestorben) hat nach dem Tode des Dichters, bei einer Durchsicht des literarischen Nachlasses, gegen den Willen der Wittwe Heine’s den Anfang dieser Memoiren im Kaminfeuer verbrannt!
Verbrannt aus ähnlichen Beweggründen, aus denen Gustav Heine die ihm verpfändeten Memoiren verheimlicht, aus denen andere Verwandte Heine’s, so z. B. seine Nichte, die Prinzessin della Rocca, sich ängstlich bemühen, über Heine’sche Familienfragen die lächerlichsten Entstellungen zu verbreiten. Maximilian Heine und die übrige Verwandtschaft des großen Dichters hat es nämlich als einen Schimpf empfunden, daß er, sammt ihnen allen, aus einer verarmten jüdischen Familie herstammt! Das ist der sehr durchsichtige Grund dieser Geheimnißkrämerei und Unwahrhaftigkeit, welche sich in allen Handlungen und Schriften von Heine’s Verwandten mit Bezug auf ihren weltberühmten Blutgenossen offenbaren. Heinrich Heine hat sicher im Eingang seiner Lebensschilderung offen und ehrlich, wie es sich ziemte, über seine bescheidene Herkunft gesprochen; er hat wahrscheinlich auch dem alten Märchen von der adeligen Herkunft seiner Mutter ein Ende gemacht. Heine’s Mutter war die Enkelin des reichen Juden Isaak in Düsseldorf, der von seinem früheren Wohnsitz in Holland van Geldern (nicht von Geldern) hieß. Sie selbst wie ihr Vater sind bis an ihr Ende Juden geblieben. Ganz dasselbe gilt von Heines väterlichem Großvater und Vater. Maximilian Heine hat in seinen viel mehr Dichtung als Wahrheit enthaltenden „Erinnerungen an Heinrich Heine“ (Berlin 1868) von einem seinem Großvater mütterlicherseits, Isaak van Geldern, verliehenen „Adelsbrief“ gefabelt; kein wahres Wort an der Sache, wie Strodtmann längst nachgewiesen. Dasselbe gilt von Moritz „von“ Embden, wie ihn Maximilian Heine nennt, dem Gatten der Schwester Heinrich Heine’s. Als Maximilian Heine die ersten 26 Blätter der Memoiren seines Bruders verbrannte, handelte er ganz in dem Geiste, von welchem Heine’s Verwandte fast durchweg beseelt sind.
Zur Erklärung des Anfangs des Folgenden noch kurz die Bemerkung, daß Heine aus den unmittelbar vorhergehenden Blättern wahrscheinlich von seiner Erziehung durch katholische Priester erzählt und vielleicht einen feierlichen Gottesdienst geschildert hat, um dann fortzufahren:

Welch ein erhabenes Gefühl muß einen solchen Kirchenfürsten beseelen, wenn er hinabblickt auf den wimmelnden Marktplatz, wo Tausende entblößten Hauptes vor ihm niederknieend seinen Seegen erwarten!

In der italienischen Reisebeschreibung des Hofrath Moritz las ich einst eine Beschreibung jener Scene, wo ein Umstand vorkam, der mir ebenfalls jetzt in den Sinn kommt.

Unter dem Landvolk, erzählt Moritz, das er dort auf den Knieen liegen sah, erregte seine besondere Aufmerksamkeit einer jener Rosenkranzhändler des Gebirges, die aus einer braunen Holzgattung die schönsten Rosenkränze schnitzen und sie in der ganzen Romagna um so theurer verkaufen, da sie denselben vom Pabste selbst die Weihe zu verschaffen wissen.

Mit der größten Andacht lag der Mann auf den Knien, doch den breitkrämpigen Filzhut worin seine Waare, die Rosenkränze, befindlich, hielt er in die Höhe, und während der Pabst mit ausgestreckten Händen den Segen sprach, rüttelte jener seinen Hut und rührte darin herum, wie Kastanienverkäufer zu thun pflegen, wenn sie ihre Kastanien auf dem Rost braten; gewissenhaft schien er dafür zu sorgen, daß die Rosenkränze, die unten im Hut lagen, auch etwas von dem päbstlichen Segen abbekämen und alle gleichmäßig geweiht würden.

Ich konnte nicht umhin, diesen rührenden Zug von frommer Naivetät hier einzuflechten, und ergreife wieder den Faden meiner Geständnisse, die alle auf den geistigen Prozeß Bezug haben, den ich später durchmachen mußte.

Aus den frühesten Anfängen erklären sich die spätesten Erscheinungen.

Es ist gewiß bedeutsam, daß mir bereits in meinem dreizehnten Lebensjahr alle Systeme der freien Denker vorgetragen wurden und zwar durch einen ehrwürdigen Geistlichen, der seine sacerdotalen Amtspflichten nicht im Gringsten vernachlässigte, so daß ich hier frühe sah, wie ohne Heuchelei Religion und Zweifel ruhig nebeneinander gingen, woraus nicht bloß in mir der Unglauben sondern auch die toleranteste Gleichgültigkeit entstand.

Ort und Zeit sind auch wichtige Momente: ich bin geboren zu Ende des skeptischen achtzehnten Jahrhunderts und in einer Stadt, wo zur Zeit meiner Kindheit, nicht bloß die Franzosen sondern auch der französische Geist herrschte.

Die Franzosen die ich kennen lernte, machten mich, ich muß es gestehen, mit Büchern bekannt, die sehr unsauber und mir ein Vorurtheil gegen die ganze französische Literatur einflößten.

  1. Dies variirt eine andere Strophe:
    „Wohl manche edle Perle birgt
    Der Ocean in dunkler Thruhe,
    Wohl manche Blume in der Wildniß
    Erröthet ungesehn, die süßen Düfte
    Vergeudend an die stumme Oede.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Es handelt sich um Elise Krinitz (1825–1896), eine deutsche Schriftstellerin und Pianistin. Der erste Besuch bei Heine fand am 19. Juni 1855, der letzte fünf Tage vor seinem Tod 1856.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1884). Leipzig: Ernst Keil, 1884, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1884)_114.jpg&oldid=2726344 (Version vom 6.5.2016)