Seite:Die Gartenlaube (1884) 180.jpg

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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1884)

ich Fehler begehe, deren Entstehung mir unbegreiflich erscheint, schiebe ich sie gern auf Rechnung meines morgenländschen Doppelgängers. Als ich einst meinem Vater eine solche Hypothese mittheilte, um ein kleines Versehen zu beschönigen, bemerkte er schalkhaft: er hoffe, daß mein Großoheim keine Wechsel unterschrieben habe die mir einst zur Bezahlung präsentirt werden könnten.

Es sind mir keine solche orientalische Wechsel vorgezeigt worden, und ich habe genug Nöthen mit meinen eignen occidentalischen Wechseln gehabt.

Aber es giebt gewiß noch schlimmere Schulden als Geldschulden, welche uns die Vorfahren zur Tilgung hinterlassen. Jede Generazion ist eine Fortsetzung der andern und ist verantwortlich für ihre Thaten. Die Schrift sagt: die Väter haben Härlinge (unreife Trauben) gegessen und die Enkel haben davon schmerzhaft taube Zähne bekommen.

Es herrscht eine Solidarität der Generazionen die auf einander folgen, ja die Völker, die hinter einander in die Arena treten, übernehmen eine solche Solidarität und sind nicht bloß die Erben sondern auch die Schuldner. Die ganze Menschheit liquidirt am Ende die große Hinterlassenschaft der Vergangenheit. Im Thale Josaphat wird das große Schuldbuch vernichtet werden oder vielleicht vorher noch durch einen Universalbankrott.

Der Gesetzgeber der Juden hat diese Solidarität tief erkannt und besonders in seinem Erbrecht sankzioniert; für ihn gab es vielleicht keine individuelle Fortdauer nach dem Tode und er glaubte nur an die Unsterblichkeit der Familie; alle Güter waren Familieneigenthum, und niemand konnte sie so vollständig alieniren,[1] daß sie nicht zu einer gewissen Zeit an die Familienmitglieder zurückfielen.

Einen schroffen Gegensatz zu jener menschenfreundlichen Idee des Mosaischen Gesetzes bildet das römische, welches ebenfalls im Erbrechte den Egoismus des römischen Charakters bekundet: die Rechtsbestimmungen in Bezug auf Testamente sanczionieren hier den grinsenden Eigenwillen der Selbstsucht, des starren Personaldünkels, der bis übers Leben hinaus seine Besitzthümer mißbrauchen will und der am Ende unter dem Namen Familia nur seine Haussklaven kennt.

Doch ich will mich nicht in allgemeine Betrachtungen verlieren, ich will hierüber keine Untersuchungen eröffnen und meine persönlichen Bekenntnisse verfolgend will ich vielmehr die Gelegenheit benutzen, die sich mir hier bietet, wieder durch ein Beispiel zu zeigen, wie die harmlosesten Thatsachen zuweilen zu den böswilligsten Insinuazionen von meinen Feinden benutzt worden. Letztere wollen nemlich die Entdeckung gemacht haben, daß ich bey biographischen Mittheilungen sehr viel von meiner mütterlichen Familie, aber gar nichts von meinen väterlichen Sippen und Magen[2] spräche, und sie bezeichneten solches als ein absichtliches Hervorheben und Verschweigen und beschuldigten mich derselben eiteln Hintergedanken, die man auch meinem seligen Kollegen, Wolfgang Goethe vorwarf.

Es ist freylich wahr, daß in dessen Memoiren sehr oft von dem Großvater von väterlicher Seite, welcher als gestrenger Herr Schultheiß auf dem Römer zu Frankfurt präsidirte, mit besonderem Behagen die Rede ist, während der Großvater von mütterlicher Seite, der als ehrsames Flickschneiderlein auf der Bockenheimer Gasse auf seinem Werktisch hockte und die alten Hosen der freyen Reichsstadt Frankfurt ausbesserte, mit keinem Worte erwähnt wird.

Ich habe Göthen in Betreff dieses Ignorirens nicht zu vertreten. Was mich selbst betrifft, so habe ich zu solchen Insinuazionen immer achselzuckend geschwiegen und dem lieben Gott gedankt, daß man mir nichts schlimmes nachzusagen wisse.

Jene böswilligen und oft ausgebeuteten Interpretazionen und Insinuazionen möchte ich dahin berichtigen, daß es nicht meine Schuld ist, wenn in meinen Schriften von einem väterlichen Großvater nie gesprochen ward, und wer mich kennt, weiß, wie wenig Geburtsdünkel in meiner Natur liegt.[3]

Die Ursache ist ganz einfach, ich habe nie viel von ihm zu sagen gewußt. Mein seliger Vater war als ganz fremder Mann nach meiner Geburtsstadt Düsseldorf gekommen und besaß hier keine Anverwandten, keine jener alten Muhmen und Basen, welche die weiblichen Barden sind, die der jungen Brut tagtäglich die alten Familienlegenden mit epischer Monotonie vorsingen, während sie die bei den schottischen Barden obligate Dudelsackbegleitung durch das Schnarren ihrer Nasen ersetzen. In die Familienchronik meines Vaters konnten sie mich nicht frühzeitig einweihen; nur über die großen Kämpen des mütterlichen Clans konnten von dieser Seite mein junges Gemüth frühe Eindrücke empfangen, und ich horchte mit Andacht, wenn die alte Bräunle oder Brunhildis erzählte.

Mein Vater selbst war sehr einsilbiger Natur, er sprach nicht gern, und unterhielt mich nie mit alten Geschichten. Nur einmal, als ich noch ein kleines Bübchen, stellte ich ihm eine dahin gerichtete Frage.

Ich erinnere mich, es war an einem jener schönen, sonnigen Sonntage, die ich zu Hause zubringen durfte, während ich die Werkeltage über in der öden Franziskaner-Klosterschule schmachtete – da nahm ich hier eine Gelegenheit wahr, meinen Vater zu befragen, wer mein Großvater gewesen sey? Auf diese Frage antwortete er halb lachend, halb unwirsch: „Dein Großvater war ein kleiner Jude und hatte einen großen Bart.“[4]

Den andern Tag, als ich in den Schulsaal des Klosters trat, wo bereits meine kleine Kameraden versammelt waren, beeilte ich mich sogleich ihnen die wichtige Neuigkeit zu erzählen, daß mein Großvater ein kleiner Jude war, welcher einen langen Bart hatte.

Kaum hatte ich diese Mittheilung gemacht, als sie von Mund zu Mund flog, in allen Tonarten wiederholt ward mit Begleitung von nachgeäfften Thierstimmen. Die Kleinen sprangen über Tisch und Bänke, rissen von den Wänden die Rechentafeln welche auf den Boden purzelten nebst den Tintenfässern, die Bänke wurden umgeschmissen und dabey wurde gelacht, gemeckert, gegrunzt, gebellt, gekräht – ein Höllenspektakel dessen Refrain immer der Großvater war, der ein kleiner Jude gewesen und einen großen Bart hatte.

Der Lehrer, welchem die Klasse gehörte, vernahm den Lärm und trat mit zornglühendem Gesichte in den tosenden Saal und

  1. Entäußern.
  2. Ein Lieblingswort Heine’s in Bezug auf seine Verwandtschaft. Es findet sich an mehreren Stellen dieser Memoiren, doch hat er es mehrfach wieder durchgestrichen. Meist hat er es in wegwerfendem Sinne angewandt, so in dem Sonett („Nachlaßgedichte“ Band 18):

    „Sie küssten mich mit ihren falschen Lippen,
    Sie haben mir credenzt den Saft der Reben,
    Und haben mich dabei mit Gift vergeben –
    Das thaten mir die Magen und die Sippen.

    Es schmilzt das Fleisch von meinen armen Rippen,
    Ich kann mich nicht vom Siechbett mehr erheben,
    Arglistig stahlen sie mein junges Leben –
    Das taten mir die Magen und die Sippen.“ u. s. w.

  3. In einem Briefe an den französischen Gelehrten St. René-Taillandier vom 3. November 1851 sagt Heine: „Meine Vorfahren gehörten der jüdischen Religion an; ich war niemals eitel auf diese Abkunft, – fühlte ich mich doch schon hinlänglich gedemüthigt, wenn man mich für ein schlichtweg menschliches Geschöpf nahm, während Hegel mich glauben gemacht hatte, daß ich ein Gott sei.“
  4. Dieser Großvater hieß Heymann Heine und ist in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gestorben.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1884). Leipzig: Ernst Keil, 1884, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1884)_180.jpg&oldid=2726411 (Version vom 6.5.2016)