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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1884)

glücklichen Landes, das die Heimath der Schönheit ist und Raphael Sancio von Urbino, Joachimo Rossini und die Principessa Christina Belgiojoso hervorgebracht hat.

Da mein körperlicher Zustand mir alle Hoffnung raubt, jemals wieder in der Gesellschaft zu leben, und letztere wirklich nicht mehr für mich existirt, so habe ich auch die Fessel jener Eitelkeit abgestreift,[1] die jeden behaftet, der unter den Menschen, in der sogenannten Welt sich herumtreiben muß.

Ich kann daher jetzt hier mit unbefangenem Sinn von dem Mißgeschick sprechen, das mit meinem Namen „Harry“ verbunden war und mir die schönsten Frühlingsjahre des Lebens vergällte und vergiftete.

Es hatte damit folgende Bewandtniß.

In meiner Vaterstadt wohnte ein Mann welcher „der Dreckmichel“ hieß, weil er jeden Morgen mit einem Karren, woran ein Esel gespannt war, die Straßen der Stadt durchzog und vor jedem Hause still hielt, um den Kehricht, welchen die Mädchen in zierlichen Haufen zusammengekehrt, aufzuladen und aus der Stadt nach dem Mistfelde zu transportiren. Der Mann sah aus wie sein Gewerbe, und der Esel, welcher seinerseits wie sein Herr aussah, hielt still vor den Häusern oder setzte sich in Trab, jenachdem die Modulazion war, womit der Michel ihm das Wort „Haarüh!“ zurief.

War solches sein wirklicher Name oder nur ein Stichwort? Ich weiß nicht, doch so viel ist gewiß, daß ich durch die Aehnlichkeit jenes Wortes mit meinem Namen Harry außerordentlich viel Leid von Schulkameraden und Nachbarskindern auszustehen hatte. Um mich zu nergeln sprachen sie ihn ganz so aus, wie der Dreckmichel seinen Esel rief, und ward ich darob erboßt, so nahmen die Schälke manchmal eine ganz unschuldige Miene an und verlangten, ich sollte sie lehren wie mein Name und der des Esels ausgesprochen werden müßten, stellten sich aber dabei sehr ungelehrig, meinten, der Michel pflege die erste Silbe immer sehr lang anzuziehen, während er die zweite Silbe immer schnell abschnappen lasse; zu anderen Zeiten geschähe das Gegentheil, wodurch der Ruf wieder ganz meinem eigenen Namen gleichlaute, und indem die Buben in der unsinnigsten Weise alle Begriffe und mich mit dem Esel und wieder diesen mit mir verwechselten, gab es tolle coq-à l’âne,[2] über die jeder andre lachen, aber ich selbst weinen mußte.

Als ich mich bey meiner Mutter beklagte, meinte sie, ich solle nur suchen, viel zu lernen und gescheut zu werden, und man werde mich dann nie mit einem Esel verwechseln.

Aber meine Homonymität[3] mit dem schäbbigen Langohr blieb mein Alp. Die großen Buben gingen vorbei und grüßten: „Haarüh!“ die kleineren riefen mir denselben Gruß zu, aber in einiger Entfernung. In der Schule ward dasselbe Thema mit raffinirter Grausamkeit ausgebeutet; wenn nur irgend von einem Esel die Rede war, schielte man nach mir, der ich immer erröthete, und es ist unglaublich, wie Schulknaben überall Anzüglichkeiten hervorzuheben oder zu erfinden wissen.

Z. B. der Eine frug den Andern: wie unterscheidet sich das Zebra von dem Esel des Barlaam Sohn Boers?

Die Antwort lautete: der Eine spricht zebräisch und der andre sprach hebräisch.

Dann kam die Frage: wie unterscheidet sich aber der Esel des Dreckmichels von seinem Namensvetter? und die impertinente Antwort war: den Unterschied wissen wir nicht.

Ich wollte dann zuschlagen, aber man beschwichtigte mich, und mein Freund Dietrich, der außerordentlich schöne Heiligenbildchen zu verfertigen wußte und auch später ein berühmter Maler wurde, suchte mich einst bei einer solchen Gelegenheit zu trösten, indem er mir ein Bild versprach. Er malte für mich einen heiligen Michael – aber der Bösewicht hatte mich schändlich verhöhnt. Der Erzengel hatte die Züge des Dreckmichels, sein Roß sah ganz aus wie dessen Esel, und statt einen Drachen durchstach die Lanze das Aas einer todten Katze.

Sogar der blondlockigte sanfte, mädchenhafte Franz,[4] den ich so sehr liebte, verrieth mich einst: er schloß mich in seine Arme, lehnte seine Wange zärtlich an die meinige, blieb lange sentimental an meiner Brust und – rief mir plötzlich ins Ohr ein lachendes Haarüh! das schnöde Wort im Davonlaufen beständig modulirend, daß es weithin durch die Kreuzgänge des Klosters wiederhallte.

Noch roher behandelten mich einige Nachbarskinder jener niedrigsten Klasse, welche wir in Düsseldorf „Haluten“ nannten, ein Wort welches Etymologienjäger gewiß von den Heloten der Spartaner ableiten würden.

Ein solcher Halut war der kleine Jupp, welches Joseph heißt, und den ich auch mit seinem Vatersnamen Flader benennen will, damit er bei Leibe nicht mit dem Jupp Rörsch verwechselt werde, welcher ein gar artiges Nachbarskind war und, wie ich zufällig erfahren jetzt als Postbeamter in Bonn lebt.

Der Jupp Flader trug immer einen langen Fischerstecken, womit er nach mir schlug, wenn er mich begegnete. Er pflegte mir auch gern Roßäpfel an den Kopf zu werfen, die er von der Straße aufraffte. Aber nie unterließ er dann auch das fatale Haarüh! zu rufen und zwar in allen Modulazionen.

Der böse Bub war der Enkel der alten Frau Flader, welche zu den Klientinnen meines Vaters gehörte. So böse der Bub war, so gutmüthig war die arme Großmutter, ein Bild der Armuth und des Elends, aber nicht abstoßend, sondern nur herzzerreißend. Sie war wohl über 80 Jahr alt, eine große Schlottergestalt, weißes Ledergesicht mit blassen Kummeraugen, eine weiche, röchelnde wimmernde Stimme, und bettelnd ganz ohne Phrase, was immer furchtbar klingt.

Mein Vater gab ihr immer einen Stuhl, wenn sie kam, ihr Monatsgeld abzuholen an den Tagen, wo er als Armenpfleger seine Sitzungen hielt.

Von diesen Sitzungen meines Vaters als Armenpfleger blieben mir nur diejenigen im Gedächtniß, welche im Winter statt fanden, in der Frühe des Morgens wenns noch dunkel war. Mein Vater saß dann an einem großen Tische, der mit Geldtüten jeder Größe bedeckt war; statt der silbernen Leuchter mit Wachskerzen, deren sich mein Vater gewöhnlich bediente und womit er, dessen Herz so viel Takt besaß, vor der Armuth nicht prunken wollte, standen jetzt auf dem Tische zwey kupferne Leuchter mit Talglichtern, die mit der rothen Flamme des dicken, schwarzgebrannten Dochtes gar traurig die anwesende Gesellschaft beleuchteten.

  1. Um ein Beispiel zu geben von der Sorgsamkeit, mit welcher Heine nach dem passendsten Ausdruck suchte, folge hier der Wortlaut des Manuskripts ohne Rücksicht aus Durchstreichungen: „– – so bin ich von aller Eitelkeit befreyt“ … „die persönliche Eitelkeit“ … „seit Jahren nicht mehr von jener Eitelkeit behaftet“ … „alle jene Eitelkeit abgestreift, die“ … „genas ich seit längst von jener Eitelkeit“ … „so giebt es für mich auch nicht mehr jene Rücksichten der Eitelkeit, womit“.
    All diese Ansätze hat Heine wieder durchgestrichen und statt derselben den im Text gedruckten gewählt.
    Er gehörte zu der geringen Zahl jener Schriftsteller, die nach Voltaire’s Ausspruch sich das Schreiben unendlich schwer machen, um dem Publicum das Lesen unendlich leicht zu machen.
  2. Wortspielender Unsinn.
  3. Gleichnamigkeit.
  4. Franz von Zuccalmaglio, an welchen das erste Gedicht Heine’s gerichtet ist: „Es zieht mich nach Nordland ein gold’ner Stern“ (vergl. Heine’s Gesammelte Werke, Band XV, S. 286).
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1884). Leipzig: Ernst Keil, 1884, Seite 231. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1884)_231.jpg&oldid=3121667 (Version vom 10.5.2018)