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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1884)


ihres Leibes, ich möchte sagen sogar die Musik ihrer Seele offenbarte. Keine von den Töchtern der Niobe hatte ein edler geschnittenes Gesicht; die Farbe desselben wie ihrer Haut überhaupt, war von einer etwas wechselnden Weiße. Ihre großen tiefdunklen Augen sahen aus, als hätten sie ein Räthsel aufgegeben und warteten ruhig auf die Lösung, während der Mund mit den schmalen hochaufgeschürzten Lippen und den kreideweißen etwas länglichen Zähnen zu sagen schien: du bist zu dumm und wirst vergebens rathen.

Ihr Haar war roth, ganz blutroth und hing in langen Locken bis über ihre Schulter hinab, so daß sie dasselbe unter dem Kinn zusammenbinden konnte. Das gab ihr aber das Aussehen als habe man ihr den Hals abgeschnitten und in rothen Strömen quölle daraus hervor das Blut.

Die Stimme der Josepha, oder des rothen „Sefchen“, wie man die schöne Nichte der Göcherinn nannte, war nicht besonders wohllautend und ihr Sprechorgan war manchmal bis zur Klanglosigkeit verschleyert; doch plötzlich, wenn die Leidenschaft eintrat, brach der metallreichste Ton hervor, der mich ganz besonders durch den Umstand ergriff, daß die Stimme der Josepha mit der meinigen eine so große Aehnlichkeit hatte.

Wenn sie sprach, erschrak ich zuweilen und glaubte, mich selbst sprechen zu hören, und auch ihr Gesang erinnerte mich an Träume, wo ich mich selber in derselben Art und Weise singen hörte.

Sie wußte viele alte Volkslieder und hat vielleicht bei mir den Sinn für diese Gattung geweckt, wie sie gewiß den größten Einfluß auf den erwachenden Poeten übte, so daß meine ersten Gedichte der „Traumbilder“, die ich bald darauf schrieb, ein düstres und grausames Kolorit haben[1] wie das Verhältniß, das damals seine blutrünstigen Schatten in mein junges Leben und Denken warf.

Unter den Liedern, die Josepha sang, war ein Volkslied, das sie von der Zippel gelernt, und welches diese auch mir in meiner Kindheit oft vorgesungen, so daß ich zwey Strophen im Gedächtniß behielt, die ich um so lieber hier mittheilen will, da ich das Gedicht in keiner der vorhandenen Volksliedersammlungen fand. Sie lauten folgendermaßen – zuerst spricht der böse Tragig:[2]

„Otilje lieb, Otilje mein,
Du wirst wohl nicht die letzte seyn –
Sprich, willst du hängen am hohen Baum?
Oder willst du schwimmen im blauen See?
Oder willst du küssen das blanke Schwert,
Was der liebe Gott bescheert?“

Hierauf antwortet Otilje:

„Ich will nicht hängen am hohen Baum,
Ich will nicht schwimmen im blauen See,
Ich will küssen das blanke Schwert,
Was der liebe Gott bescheert!“

Als das rothe Sefchen einst das Lied singend an das Ende dieser Strophe kam und ich ihr die innere Bewegung abmerkte, ward auch ich so erschüttert, daß ich in ein plötzliches Weinen ausbrach und wir fielen uns beide schluchzend in die Arme, sprachen kein Wort, wohl eine Stunde lang, während uns die Thränen aus den Augen rannen und wir uns wie durch einen Thränenschleier ansahen.

Ich bat Sefchen, mir jene Strophen aufzuschreiben, und sie that es, aber sie schrieb sie nicht mit Tinte, sondern mit ihrem Blute; das rothe Autograph kam mir später abhanden, doch die Strophen blieben mir unauslöschlich im Gedächtniß.


(Fortsetzung folgt.)




Der deutsche Reichsadler und die deutsche Kaiserkrone.
Eine historisch-politische Plauderei von Karl Braun – Wiesbaden.
Zweites und letztes Capitel.


Die deutsche Kaiserkrone ist von der freien Reichsstadt Nürnberg Jahrhunderte lang aufbewahrt worden, nämlich von 1424 bis 1796. In dem letztgedachten Jahre – zu einer Zeit, da man bereits die Befürchtung hegte, das alte heilige römische Reich werde in Trümmer gehen, weil seine morschen Wände nicht im Stande seien, den Stürmen der Epoche zu widerstehen – flüchtete man die Kaiserkrone nebst den übrigen von mir im ersten Capitel beschriebenen Reichskleinodien und Insignien nach Wien, wo man sie in der kaiserlichen Schatzkammer hinterlegte. Am 6. August 1806 legte Franz II. die deutsche Kaiserkrone (oder genauer ausgedrückt: die Krone des heiligen römischen Reichs deutscher Nation) nieder, aber die alte Kaiserkrone nebst Zubehör behielt man zu Wien in der Schatzkammer. In der That war auch Niemand da, an welchen man sie hätte abliefern können. Das alte Reich existirte nicht mehr. Ein neues hatte sich noch nicht gebildet. Der Rheinbund war nicht begierig nach einer deutschen Kaiserkrone. Hatte er doch genug an seinem französischen Protector. Auch die gute alte freie Reichsstadt Nürnberg hatte mit ihren eigenen Nöthen und Drangsalen genug zu schaffen und gar keine Zeit, an die Reichskleinodien zu denken. Ebenso wenig hat der Frankfurter Bundestag sich derselben angenommen. Er war ja auch kein Staat, sondern eine Versammlung von Diplomaten, welche aus Grund eines sehr dürftigen föderativen Verhältnisses oder Vertrages (lien fédératif eine Anzahl souverainer Staaten vertraten.

Auch Oesterreich hatte kein Recht an den Krönungsinsignien. Kaiser Franz wollte sich anfangs „Kaiser von Böhmen und Ungarn“ nennen, und nannte sich, als dies nicht den Beifall Napoleons fand, „Kaiser von Oesterreich“; 1806 erklärte er, daß er mit seinen sämmtlichen deutschen Erblanden aus dem Reichsverbande für immer ausscheide. Das Kaiserreich Oesterreich, das sich zwischenzeitig in die österreichisch-ungarische Monarchie verwandelt hat, ist keine Fortsetzung des heiligen römischen Reichs deutscher Nation, und will es nicht sein. Der Kaiser von Oesterreich hat für Cisleithanien seine Reichskleinodien. Er hat für Transleithanien, das heißt als „apostolischer König“ von Ungarn und den dazu gehörigen Ländern, die in Ofen aufbewahrten Reichs- und Krönungskleinodien, die „heilige Stephans-Krone“ nebst Krönungsmantel und sonstigem Zubehör, welche eine besondere politische Wichtigkeit dadurch gewinnen, daß nach ungarischem Staatsrechte die Krönung in Pest einen zur verfassungsmäßigen Herrschaft erforderlichen Inaugurationsact bildet. (Das Nähere darüber findet man in meinem Buche „Reise-Eindrücke. aus dem Süd-Osten – Ungarn, Istrien, Dalmatien, Montenegro, Griechenland und der Türkei“ - Band I. S. 3 bis 63.) Aber irgend einen rechtlichen Anspruch auf Eigenthum, Besitz und Gebrauch der alten deutschen Reichskleinodien hat der Kaiser von Oesterreich nicht.

Dem entsprechend kommen sie denn auch niemals öffentlich zum Vorschein; auch ist es mir, einiger Bemühungen ungeachtet,

  1. In der Vorrede zu der französischen Ausgabe seiner Gedichte (vom Juni 1855) bemerkt Heine: „Meine ersten lyrischen Produktionen finden sich in den ‚Nachtstücken‘ – (den ‚Traumbildern‘ der deutschen Ausgabe) – und datiren von 1816. Es sind die vier ersten Gedichte und sie gehörten einem Cyklus toller Traumbilder an. Zu derselben Zeit schrieb ich ‚Die beiden Grenadiere‘.“
  2. Deutlich so im Manuscript; vielleicht weiß einer der Leser Auskunft über den Namen zu geben?
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1884). Leipzig: Ernst Keil, 1884, Seite 252. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1884)_252.jpg&oldid=3422784 (Version vom 26.8.2018)