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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1895)

Blätter und Blüten.


Luise Otto-Peters †. Von den „Führerinnen der deutschen Frauenbewegung“, welche die „Gartenlaube“ erst vor Jahresfrist (siehe vor. Jahrgang, S. 256) ihren Lesern in Wort und Bild vorgeführt hat, ist nunmehr, am 17. März, die dort an erster Stelle genannte und als Urheberin der Bewegung in Deutschland gerühmte vortreffliche Schriftstellerin Luise Otto-Peters ihrer segensreichen Wirksamkeit durch den Tod entrissen worden. Die „Gartenlaube“ verliert in ihr eine altbewährte Mitarbeiterin, die bereits in den „Leuchtthurm“ Ernst Keils wertvolle Beiträge geliefert hatte. Indem wir auf den Lebensabriß verweisen, der in dem bezeichneten Aufsatz enthalten ist, rufen wir der edlen Frau, welcher die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und so viel anderes noch zu danken ist, was dem heranwachsenden Mädchen und der strebenden Frau zum Vorteil und zur Förderung gereichte, unseren Dank in das Grab nach. „Neue Bahnen“ – so nannte sie die von ihr gegründete Zeitschrift – ist sie selbst in ihrer fruchtbringenden Wirksamkeit tapferen Geistes geschritten, neue Bahnen hat sie geebnet zur Erweiterung und Hebung des Bildungslebens und des Berufslebens der deutschen Frau!


Eine Drachenprozession in Hongkong. (Zu dem Bilde S. 244 und 245.) Bei dem lebhaften Interesse, welches der Krieg in Ostasien den Kulturzuständen in China und Japan zugewendet hat, wird das große Straßenbild aus Hongkong gerade jetzt vielen unserer Leser besonders willkommen sein. Es bietet sich ihnen dar als eine lebensvolle Ergänzung der Illustrationen, welche den Aufsatz „Ein Tag in China“ in Nr. 47 des vor. Jahrg. begleitet haben. Wurde dort auf einem Gang durch die Stadt Kanton geschildert, was einer solchen chinesischen Hauptstadt an Sehenswürdigkeiten und Eigentümlichkeiten dauernd ihren Charakter verleiht, so stellt die große Drachen-Prozession ein bewegtes chinesisches Straßenbild dar, wie es sich nur bei besonders festlichen Anlässen gestaltet. Die Inselstadt Hongkong, die seit dem Jahre 1842 britischer Besitz ist, steht infolgedessen und als Freihafen dem europäischen Verkehr wie keine andere chinesische Stadt offen. Aber unter ihren 222 000 Einwohnern befinden sich 211 000 Chinesen und nur etwa 9000 Weiße. Gerade sie bietet daher dem Europäer Gelegenheit, chinesisches Leben ungehindert zu studieren. Ein Besuch aus Europa war es übrigens auch, dem zu Ehren die große Drachen-Prozession stattfand, aus welcher unser Bild einen Teil wiedergiebt, der Besuch des Herzogs von Connaught, der auf seiner Reise um die Welt kurze Zeit in Hongkong weilte.

Der Drache ist das geheiligte Tier des chinesischen Kultus. Bei feierlichen Gelegenheiten wird nun die phantastische Nachbildung eines solchen in glänzender Prozession herumgetragen. Aus Seide und Papier ist eine bunte, in allen Farben schillernde Drachenhaut hergestellt, sie wird über ein entsprechend langes Rohrgestell gespannt und mit Gold- und Silberflitter behangen. Ein solcher Drache ist meist einige hundert Fuß lang und wird von 40 bis 50 Personen getragen, die halb verdeckt unter ihm gehen. So windet sich der Drache in phantastischen Bewegungen durch die Straßen, wobei die schwerste Aufgabe den Trägern des Kopfes zufällt, welche die natürlichen Bewegungen desselben nachahmen müssen und sich in wilden Sprüngen vorwärts bewegen. An den Drachen schließt sich noch ein langer Zug, in dem geweihte Gegenstände, Prunkstücke aus den Tempeln u. dergl. getragen werden und an welchem nur solche Personen beteiligt sind, die entweder als Träger von solchen Dingen oder zur Ueberwachung derselben mitgehen. Sie schreiten aber nicht, wie bei unseren Prozessionen, in geschlossenem Zug, sondern in lockerem Zusammenhalt; die Träger sind Kulis, die Wächter aber Beamte des Tempeldienstes. Als solche tragen sie reiche seidene Gewänder und große stoffüberzogene weiße Hüte mit allerhand Schriftzeichen. Diesen Teil des Zuges vergegenwärtigt unser Bild. Die vorn in der Mitte sichtbaren hellen Ballons bestehen aus glasiertem Papier, das über ein Rohrgestell gespannt ist; beim Dunkelwerden wird in ihnen Licht angezündet. Die merkwürdigen mit Flitter bedeckten Schaustücke, welche die Kulis vor und zwischen den Tempelbeamten tragen, sind zierliche bunt bemalte tempelartige Aufsätze, aus Holz geschnitzt und mit goldenen Flittern überhangen. Sie gehören zum Ausschmuck der Tempel. Zahlreich sind die kleinen Musikbanden, welche in dem Zug mitgehen, jede etwa 8 Mann stark, die mit Pfeifen, Trommeln, Gongs, Pauken und Geigen einen gewaltigen Lärm machen. Sobald diese Musik in der Straße ertönt, stürzt jung und alt aus den Häusern, um sich dem Zug begleitend anzuschließen oder doch jedenfalls den Vorbeimarsch bis zum Ende zu bewundern; freilich gilt dies nur von den männlichen Anwohnern, Frauen und Mädchen fesselt die Sitte ans Haus. Welches Interesse für diese Prozessionen im Volke besteht, kann man so recht an dem Wagehals ersehen, der von einem der Dächer links auf das Gepränge herniederschaut.

O. G.     


Das Bild der Großmutter. (Zu dem Bilde S. 253.) So eine Sommerfrische kann sich ein reisender Maler wohl gefallen lassen! Nicht nur eine biedere, mütterlich sorgsame Wirtin, bei deren Schüsseln es einem von Herzen wohl sein kann, sondern auch zugleich ein Prachtkopf, dessengleichen es unter den runzeligen Spittelfrauen-Modellen der Akademie nicht giebt. Freilich, ans Abgemaltwerden wollte sie lange nicht heran und hatte hundert Ausreden: heute waren es die Gänse und morgen die Schweine, die ihr keinen Augenblick zum Stillsitzen gönnten, ganz abgesehen von der notwendigen Putzerei in Küche und Stuben, die am Montag beginnt und am Samstag endet.

Aber endlich kommt ein Sonntagnachmittag, wo sie keine Ausrede mehr hat. Ihr „Alter“ hilft auch noch dem künstlerischen Quälgeist und ebenso das Gretle mit dem dicken Buben auf dem Arme; so giebt sie denn nach, wirft sich in ihr Staatsgewand, setzt die majestätische Florhaube auf ihr graues Haar und wendet nun, die arbeitsgewohnten Hände übereinandergelegt, dem Maler ruhig das Gesicht zu. Aber jetzt merkt dieser, daß die Schwierigkeit, sie zum Sitzen zu bringen, noch gar nichts war gegen diejenige, dieses würdevolle, gute, schöngebliebene Matronengesicht ähnlich auf die Leinwand zu zeichnen. Tausend noch einmal – da heißt es, sich zusammennehmen! Hoffen wir, daß es seiner Kunst gelingt, wenigstens das zuschauende Publikum zu befriedigen und die große Florhaube so ähnlich zu porträtieren, daß jeder, sogar der kleine Friederle, unzweifelhaft erkennt: das ist die Großmutter!

Im Laufe der Jahre erwächst dann der junge Kunstschüler zum wirklichen Nachfolger desjenigen, der hier hinter seinem Rücken die ganze gemütliche Stube mit den Leuten darin und die prächtige Großmutter so sprechend lebendig zu malen verstand!

Bn.     


Schweizer Gemsjäger im Kanton Wallis. (Zu dem Bilde S. 257.) Alle anderen Kantone der Schweiz überragt der von Wallis in Bezug auf die wilde Großartigkeit der Hochalpen, die sich über seinen Thälern emporgipfeln. Monterosa und Matterhorn, Rhonegletscher und Aletschgletscher, Großer St. Bernhard und Simplon, Furka, Grimsel und Gemmi – wir brauchen nur diese Namen zu nennen, um dem Kenner der Schweiz die ganz einzige Fülle von erhabenen Alpenscenerien, welche die Walliser Alpen umfassen, zum Bewußtsein zu bringen. Hier hat sich denn auch die spezifische Alpentierwelt, die in anderen Hochgebirgskantonen beinahe ausgestorben ist, noch in reicher Mannigfaltigkeit erhalten. Noch giebt es hier Bären, Wölfe und Luchse; besonders aber ist es die zierliche behende Gemse, die an den Rändern der Walliser Gletscherwelt sich verhältnismäßig noch recht zahlreich vorfindet. Diesem Wildstand entspricht auch der Ruf, den die kühnen Schützen des Kantons als Alpenjäger besitzen. Das staatliche Forstpersonal, die angestellten Bann- und Flurwärter, sowie die im Besitz eines Jagdpatents befindlichen Jäger aus den Dorfgemeinden wetteifern miteinander, diesen Ruf dem Kanton zu erhalten. Der Gemsjäger, wenn er sich zur Jagd rüstet, verzichtet selten auf den breiten Walliser Hut, auf die farbige Weste der alten Kantonaltracht; dazu trägt er Kniehosen und Gamaschen. Rucksack, Steigeisen, der Stutzen, der Bergstock und ein gutes Fernrohr vervollständigen seine Ausrüstung. Oft tagelang hat er mit unsäglicher Geduld und Vorsicht die Spur und Kreuzung der Gemsen zu verfolgen, bis er in die Lage kommt, sich einen günstigen „Stand“ beim Wechsel der Tiere zu wählen. Bisweilen nimmt man Treiber zu Hilfe, um die Gemsen aufzuscheuchen und dem Standort des Jägers zuzutreiben. Meist zieht man übrigens nicht allein, sondern zu zweien und dreien, wie es die Gruppe auf unserem Bilde andeutet, auf die Jagd. Gar leicht kommt in jenen entlegenen Hochgebirgsrevieren der Einzelne in eine Lage, wo er der helfenden Hand eines kräftigen Genossen bedarf.

Früher stieß man im Wallis noch oft auf Rudel von fünfzig bis sechzig Gemsen, aber Flinte und Winterstrenge haben in neuerer Zeit ihre Zahl auch hier vermindert. Jetzt dürfen sie nur zu gewissen Jahreszeiten geschossen werden, und so bewahrt sie der Schutz des Gesetzes vor dem Aussterben.


Der Dichter des Rheinlands, Wolfgang Müller von Königswinter, soll in seiner Vaterstadt, deren Namen längst mit dem seinen verwachsen ist, ein Denkmal errichtet bekommen. Welche Fülle goldechter Poesie, welche Wärme patriotischer Empfindung den Liedern innewohnt, die er an den Ufern des heimatlichen Stromes gesungen, das ist vor 22 Jahren, bald nach seinem Tod, in der „Gartenlaube“ von berufener Feder geschildert worden. Was er in seines Lebens Maienblüte von seinem Herzen gesungen, – „mein Herz ist am Rheine“, das hat sich seitdem auch an seiner Poesie erfüllt; dort, am Rhein, lebt sie weiter mit den Rebenbergen, den sagenumwobenen Burgen und ruhmreichen Städten, die sich in den Fluten des herrlichen Stromes spiegeln. Dort – in seiner Vaterstadt Königswinter – soll darum auch sein Denkmal erstehen und von seiner liebenswürdigen Persönlichkeit der Nachwelt zeugen. Der Aufruf, der um Beiträge für dieses schöne Unternehmen bittet, trägt die Unterschrift einer großen Anzahl namhafter Persönlichkeiten des Rheinlands; natürlich fehlt auch nicht diejenige unseres getreuen Mitarbeiters Emil Rittershaus in Barmen, der bereit ist, Beiträge für das Denkmal in Empfang zu nehmen und ihrer Bestimmung zuzuführen.



Inhalt:

WS: Inhaltsverzeichnis dieser Wochennummer, wird derzeit nicht transkribiert.


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner.0 Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.0 Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1895). Leipzig: Ernst Keil, 1895, Seite 260. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1895)_260.jpg&oldid=- (Version vom 11.5.2019)