Seite:Die Gartenlaube (1895) 526.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Diese Seite wurde noch nicht korrekturgelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du auf dieser Seite.
Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1895)

326 eben bei Morsbronn in der Rechtsschwenkung begriffen, sieht die Reiterscharen auf sich losbrausen; rasch ballen sich die Compagnien, die Halbbataillone zusammen, schleudern auf nächste Entfernung den in wilder Jagd daherstürmenden Kürassieren ihr vernichtendes Schnellfeuer’ entgegen – und alsbald stürzen Rosse und Reiter übereinander, in wilder Hast jagen die zerschmetterten Geschwader von dannen, doch nur, um den schneidigen Husaren Nr. 13 in die Hände zu fallen, die mit Macht auf die Flüchtlinge cinhauen.

Nun dringen in lebhaftem Gefecht die Regimenter des 11. Corps durch den Niederwald vor, ihnen zur Rechten schließen sich die Streiter des 5. an, das brennende Elsaßhausen wird erstürmt, das Gehölz südlich Fröschwciler genommen. Auch die Bayern gehen von neuern mit Nachdruck zum Angriff vor, mehr und mehr werden die Verteidiger bedrängt. Noch einmal sucht Mac Mahon durch kräftigen Vorstoß sich Luft zu schaffen; aber die einen Augenblick zurückgedrängten Angreifer werden sofort wieder vorgeführt und stürmen unaufhaltsam vorwärts. Die Kavalleriedivision Bonnemains wirft sich mit dem Mute der Verzweiflung auf die deutsche Infanterie, wird aber von demselben Geschick ereilt wie vorher die Brigade Michel. Jetzt, am späten Nachmittage, rücken von Süden her auch die Württemberger an und stürzen sich mit schwäbischer Tapferkeit in den Kampf; General von Böse, obwohl erheblich verwundet, sammelt die verfügbaren Abteilungen seines 11. Corps und führt sie zum Sturm auf das brennende Fröschwciler –’– jetzt ist kein Halten mehr: in der Mitte s durchbrochen, beide Flügel umfaßt und geworfen, ergreifen die !

Franzosen die Flucht und wälzen sich im wüsten Durcheinander der Flucht auf Reichshofen und Niederbronn. Keine Möglichkeit, den zurückflutenden Massen eine bestimmte Richtung anzuweisen, fast alles strömt auf Zabern zu. Eigentümlich berührte es uns Deutsche, daß die französischen Flüchtlinge beim Passieren eines Dorfes unaufhörlich nach „Zuckerwasser“ riefen. Bayern und Thüringer würden ihren Durst auf andere Weise zu löschen wünschen.

Hätte die deutsche Kavallerie rechtzeitig zur Stelle sein können, so wäre Mac Mahons Armee völliger Vernichtung anheimgefallen.

Aber auch so verlor sie 12 000 Tote und Verwundete und ließ 200 Offiziere, 9000 Mann als Gefangene in den Händen der Sieger, außerdem 33 Geschütze und 2000 Beutepferde. Die Deutschen hatten den entscheidenden Sieg mit einen: Verlust von fast 500 Offizieren und 10 000 Mann erkauft.

Trotz Chassepots und Mitrailleusen, trotz des „klon“ der Zuaven und des Geheuls der Turkos hatten die Deutschen gesiegt.

Unzweifelhaft hatten sich die Franzosen tapfer geschlagen; aber das einheitliche Zusammenwirken der von allen Seiten herbeieilenden deutschen Heeresabteilungcn hatte die Entscheidung herbeigeführt. Der Tag von Wörth war der erste glänzende Triumph der deutschen Kampfeseinigkcit: Preußen, Thüringer, Hessen, Bayern und Schwaben hatten sich in brüderlichen: Wettstreit die I Hand gereicht. In opferwilliger Waffenbrüderschaft waren Führer und Truppen ohne Zaudern den: Schlachtfeldn: zugeeilt, folgend den: eigensten Antriebe, auf den Kanonendonner losmarschierend, gehorchend dem. Kampfruf der Kameraden. Die Schlacht bei Wörth, improvisiert durch die Kampflust der Truppen, wurde zum Siege durch das verständnisvolle Eingreifen der Führer und durch die geniale obere Leitung, die zu rechter Stunde mit klaren: Blick die Zügel erfaßte und den Kamps, den sie anfangs nicht beabsichtigt, zum glücklichsten Ausgang führte.

Der Sieg von Wörth, der daheim in: deutschen Vaterlandn: jubelnde Begeisterung erregte, war nicht nur ein glänzender Erfolg der deutschen Waffen, gab nicht nur dem deutschen Heere und dem deutschen Volke frohe Siegeszuversicht, sondern er hatte vor allein auch die folgenschwere Bedeutung, daß nunmehr Süddeutschland gesichert war gegen den Einbruch des Feindes. Rheinpfalz, Baden und Schwaben brauchten jetzt nicht mehr zu fürchten, daß Turkos und Gums als „Kulturträger“ der großen Nation sich bei ihnen einstellten; in: Gegenteil war jetzt die Mahnung des Dichters: „Alldcutschland in Frankreich hinein!“ volle Wahrheit geworden, zumal an demselben Tage auch bei Spichern ein ruhmvoller Sieg errungen ward, so daß beide Flügel der deutschen Heere festen Fuß gefaßt hatten in Feindesland.

Ueberwältigend, niederschmetternd wirkte die Kunde von Weißenburg, von Wörth, von Spichern in Paris. Noch am 6. August hatte eine falsche Siegesnachricht die Pariser in einen Freudentaumel versetzt, so daß wieder einmal die Marseillaise aus voller Brust gesungen wurde. Da kam wie ein kaltes Sturzbad die Schreckensbotschaft und Schmerz und Wut bemächtigten sich der Bevölkerung. Die fremden Barbaren unaufhaltsam hineinströmend über die Grenzen, überflutend den Boden des Vaterlandes, wohl gar auf Paris vordringend, auf Paris, die heilige Metropole der civilisicrten Welt! In: Gesetzgebenden Körper brach ein furchtbarer Sturm los, das Ministerium stürzte und die Kaiserin als Regenten berief als Retter in der Not den Grafen Palikao, der sollte helfen. „Alle Mann zu den Waffen, Paris in Verteidigungszustand!“ lautete das Feldgcschrei – so schlug der deutsche Sieg von Wörth seine Wellen bis in das Herz Frankreichs hinein.

Wir aber gedenken dankerfüllten Herzens der deutschen Tapferkeit und Waffenbrüderschaft, die uns jenen Siegcskranz geflochten, gedenken schmcrzbewegt der schweren Opfer, die der blutige, ruhmvolle Kampf uns auferlegt, gedenken in tiefer Wehmut und nie verlöschender Verehrung und Bewunderung des unvergeßlichen Siegers von Wörth, des uns allzufrüh entrissenen Kaisers Friedrich, dessen herrliche Gestalt dem deutschen Volke allezeit wie eine Verkörperung des lichten Siegfried der Heldensage erscheinen wird, gleichwie unser Heldenkaiser Wilhelm I. im Bolksgemüt die Stelle Barbarossas eingenommen hat, doch überlegen dem staufischen Kaiser in seiner schlichten Pflichttreue und beispiellosen Selbstlosigkeit. P. v. S.

Ein tirolisches „Haberfeldkreiben“.

Von Arthur Ach seltner.

^.o oft znr Habcrcrzcit Mitteilungen über irgend ein besonders „solenn“

verlaufenes „Treiben“ in die Oesfcntlichkcit gelangten, erregte es meine Verwunderung, daß man in der nächsten Nachbarschaft, z. B. jenseit des Jnn auf tirolischem Boden, niemals etwas hörte von einem ähnlichen Femgericht. Wenn auch politisch getrennt und zwei verschiedenen Staatswcscn angehörend, haben die Unterinnthalcr in Sprache, Sitts und im gegenseitigen Verkehr so viel Berührungspunkte, so viel Gleiches im Leben, daß es seltsam wäre, wenn die tirotischen Untcrinnthalcr so gar nichts Gemeinsames mit den bayrischen Unterinnthalcrn auch in Bezug auf nächtliche Femgerichte haben sollten. Wohl wird, wie ich in Nr. 2 dieses Jahrgangs berichtet habe, im bayrischen Untcrinnthale ab und zu „getrieben“ und die tirotischen Nachbarn nehmen an solchen Veranstaltungen großes Interesse, aber daß sie selber sich an solchen Nachtspcktakelscenen beteiligen, hat man nicht gehört.

Und dennoch existiert eine ttrolische Abart des oberbayrischen Haberfeldtreibens, richtiger gesagt, sie hat existiert. Der betreffende, kulturhistorisch hochinteressante Brauch ist in der Knfsteincr Gegend, der sog.

Ebbser Schranne (Gemcindegebiet), zu einer Zeit üblich gewesen, als die Dörfer an den Jnnaucn gcgcn die bayrtschc Grenze zu noch die .Stätten regen Gewerbflcißcs waren und es neben Hufschmieden hier zahlreiche Nagclschmieden, Kupferund Pfanncnschmiedcn, ja sogar Waffenschmieden gab. Der Pferdcbeschlag erfolgte stets in Ebbs, dessen Hufschmiede wettum im tiroler Land großen Ruf genossen, und mancher Fuhrmann wartete mit dem Neubcschlyg, bis er das srenndliche Dorf Ebbs erreichte, das durch den Zuzug fremder Gesellen bald zu einem lärmenden Gemeinwesen wurde, insbesondere dadurch, daß die Dorsbnrschcn jedes Eindringen fremder Elemente in ihren Kreis abwehrten und dabei rasch von den Fäusten Gebrauch machten. Zu jener gcwcrbsfrohen Zeit, die längst vorüber ist und eine Kirchhofsruyc in diesen Jnndürfcrn zurückgelassen hat, bestand auch das Sittcngericht auf tirolischcm Boden in Uebung: die Puchlmusik, das tirolische Habcrfeldtrciben.

Das Dialektwort Puchl stammt von pnchen, und dieses heißt so viel wie pochen, stampfen, sich trotzig aufblühen, auflehnen. Dcr„Pnch“ bedeutet Stolz, Trutz, daher Puchlmusik so viel wie Trutzspcktakel: der Brauch besitzt die Tendenz einer Rüge für eine das allgemeine Sittlichkeitsgesühl verletzende Handlungsweise. Dieser Brauch der Puchlmusik ist besonders im Gebiete der Ebbser Schranne üblich gewesen, allmählich aber erstarken,’ wenigstens tritt er längst nicht mehr so stark in den Vordergrund wie znr Verzweiflung der Beamten das Habcrseldtreiben auf bayrischem Boden.

Die Puchlmusik ist die lärmendste Veranstaltung tirolischer Sittenrichter gewesen.

Ebenso wildlürmend wie das oberbayrische Habcrfeldtrciben ist eine „Katzenmusik“, mit welcher man Wucher und Geiz, unmoralischen Lebens-’ Wandel rügt oder Solchcin. Feme ansagt,-der eine allseits mißbilligte Ehe eingeht. Nach altem Brauch ist die Puchlmusik immer am Abend eines Bauernfciertagcs oder an Sonntagen abgehalten worden, und Aenderungen gehörten zu den Ausnahmen. Die Veranstalter eines Puchlkonzcrtcs lieben recht dunkle Nü.l.tc ohne Sterncnschcin, und je schärfer der Wind von den Felsen des „Zahmen Kaisers“ hcrabstreicht, desto lieber ist es den Pachtern. Wenn die Uhr vom Ebbser Kirchturm in langsamen feierlichen

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1895). Leipzig: Ernst Keil, 1895, Seite 526. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1895)_526.jpg&oldid=3294861 (Version vom 31.7.2018)