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verschiedene: Die Gartenlaube (1899)

wird, der im Turniere um sie siegt. Aber keiner der versammelten Großen wagt den Kampf gegen den furchtbaren Seekönig Widwolf, den Herzog von Gothland, einen Bastard, der dort den jungen rechtmäßigen Thronerben, eben den Prinzen Witte, verjagt hat. Am Hofe der Königin von Samland treffen jetzt die beiden todfeindlichen Brüder zusammen und heben die Klingen. Mit wilder Wut dringt der räuberische Herzog auf den Prinzen ein, den er längst auf sein Geheiß durch Hans Lorbaß getötet wähnte, und der Prinz ist seinem Gegner nicht gewachsen. Er denkt nicht an das Weib da oben, um das sie kämpfen, er denkt an jenes Weib in der Ferne, das er sucht – und stürzt schwergetroffen nieder. Schon scheint er verloren, da wirft sich Hans Lorbaß vor ihn. Mit seiner Donnerstimme entfesselt er die Wut des rings die Tribünen füllenden Volkes gegen den Seekönig und seine wüste Heerschar – die Strandräuber werden verjagt und Prinz Witte ins Schloß getragen, überwunden und doch Sieger.

Sieger im Kampf um die Hand der Königin, die er im 3. Akt gewonnen hat. Aber innerlich unfroh und gebrochen. Bei seiner ersten Fahrt nach dem fernen Glück über den Wellen ist er an der rauhen Wirklichkeit der Dinge zerschellt. Ohnmächtig hat er dagelegen, der Schützling, der Gast, dann der Gatte der sanften gütigen Frau, die er nur mit halbem Lächeln, mit in der Weite suchenden Augen liebt, und findet nicht mehr die Kraft, von ihr zu gehen, und fühlt, wie es in ihm von Tag zu Tag matter und stiller wird.

„Füge dich, heißt: belüge dich. Gleichviel:
Ich nehm’ es als ein artig Possenspiel
Und spiele, spiele, spiele mich ganz müd’,
In Dunst und Nebel schläfrig eingewickelt.

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Nur daß bisweilen ein verirrter Süd,

Der ängstlich mit den Sonnenflügeln schlägt,
Traumtöne, halb zerstoben und zerstückelt,
An meine müd’ gewordne Seele trägt!“

Stärker und stärker klingen in ihm die Traumtöne und lockender winkt in unerreichbarer, unbekannter Ferne das heißersehnte Ideal. Und endlich kann er sich nicht mehr bezwingen. Er will das Weib vor seinen Augen sehen, das ihm die Zauberin am Bernsteinstrand versprochen hat, das zu ihm gehört, das sein Glück im Leben, sein Trost im Sterben sein soll. Einsam in der Stille der Mitternacht wirft er nach dem Geheiß der Begräbnisfrau die zweite Feder in das Kohlenbecken, die Flamme loht empor und in der aufgegangenen Thüre steht – mit geschlossenen Augen wie im Traume wandelnd, die Königin, seine Frau ....

Er aber, der Verblendete, erkennt das liebliche Bildnis nicht. Er sieht nicht, daß er das Kleinod längst in Händen hat, nach dem er strebt –, daß sein, ihm vom Schicksal bestimmtes Weib eben die Königin ist. Ihm ist sie nur die unwillkommene Störerin des Zaubers, die verhinderte, daß ihm sein Glück erschien. Nun kann es ihm nicht mehr erscheinen. Denn der Talisman ist dahin. Darum schlägt er auch das Anerbieten seiner Gattin, ihm die Freiheit zurückzugeben, aus. Sein Dasein ist arm und öde geworden für alle Zeit. Er muß es hier im Dämmerschein verbringen, still und ergeben, an der Seite seiner Frau, die neben ihm sitzend mit gütigem Lächeln, ganz verzweifelnde Liebe und Demut, seinen Schlummer bewacht. Mit dieser Scene, einer der schönsten, die Sudermann je schrieb, verklingt im Mondschein und leisem Gesang spielender Mägde draußen der dritte Akt.

Der vierte bringt Prinz Witte die Befreiung in zweierlei Form. Einmal innerlich; schon lange glimmt in ihm der Haß gegen seinen kleinen Stiefsohn, den Erben der Krone, neben dem er sich als ein Nichts fühlt, und eben diese Empfindung verleitet ihn nun, als der wilde Seekönig, sein Halbbruder, rachedrohend wieder vor der Stadt erscheint, zu einem dumpfen thatenlosen Hindämmern. Lange schwankt der getreue Lorbaß, ob er nicht, als äußerstes Mittel, seinen Herrn wachzurütteln, das Kind ermorden soll. Aber eben, daß er es nicht thut, daß der Gedanke des Herrn sich diesmal nicht zur That des Dieners verdichtet, giebt Prinz Witte die Kraft, im entscheidenden Augenblick doch das Schwert zu ergreifen. In erneutem Zweikampf streckt er seinen eindringenden Halbbruder tot zu Boden, dessen Mannen fliehen; die Königin, das Volk und die Stadt sind gerettet.

Mit dieser Sühnung seiner früheren Niederlage hat Prinz Witte sich auch äußerlich von allem, was ihn hier hält, befreit. Er nimmt Abschied von der Königin und zieht mit Hans Lorbaß in die dämmernde Ferne, ein unsteter Pilger, vor dem die Traumessehnsucht seines Lebens, wie der Regenbogen vor dem Wanderer, immer weiter und weiter zurückweicht.

Die Jahre rollen. Fünfzehnmal sind Sommer und Winter vergangen. Graue Fäden ziehen sich durch des Prinzen Locken, der Schnee des Greisenalters deckt Hans Lorbaß’ trotziges Haupt – da kommen die beiden matt und müde von fruchtloser Abenteuerfahrt wieder zurück zu der Stelle, wo sie einst die Jagd nach dem Glück begannen, zum Kirchhof der Begräbnisfrau am Bernsteinstrand. Von ferne winken die weißen Zinnen der Stadt der Königin von Samland und eine bittere Sehnsucht regt sich im Herzen des sterbensmüden Wandersmanns beim Anblick der vertrauten Stätte, wo vor langen Jahren „ein einzig Mal des Glückes Flügel ihn gestreift“. Und wie er sinnt und träumt, steht plötzlich die Vergangenheit lebend vor ihm, das Weib, das er verlassen, und ihr zum Jüngling gereifter Sohn. In tiefer Reue sieht Prinz Witte sie an. Bei ihr war die Ruhe, war der Frieden seines Lebens, und ihn zog der Zauber der Reiherfedern rastlos von ihr hinweg, hinter dem unbekannten, kaum geschauten Traumbild her. Dem Zauber fluchend, der sein Leben zerstört und elend gemacht hat, opfert er die letzte Feder, nach den Worten der Norne.

„Wenn diese Feder in Flammen verloht,
Dann sinkt ein unseliges Weib in den Tod,
Das Weib, dessen Schatten einst drüben entschwand,
Das Weib, das ich suchte und niemals fand ....“

Da bricht die Königin zusammen. Ihr galt der Zauber.

<poem>

  „Nun sind wir zwei genesen
Von aller Not ....
  – Bin doch .. dein Glück .. gewesen
Bis .. in den .. Tod.“

Sie stirbt. Und ihm offenbart sich zu spät das Rätsel seines Lebens. Was er begehrte, besaß er, ohne es zu wissen, und sah es nicht und ließ es achtlos hinter sich.

Ueber den Verzweifelnden breitet die einer offenen Gruft entstiegene Begräbnisfrau ihre grauen Schleierarme und geleitet ihn hinüber in die Ewigkeit.

  „So von Schuld und Lust und Leide
Sprach ich seine Seele rein.
  Und so soll für alle beide
Nichts gewesen sein.“


Damit schließt das Drama.

„Ich bin der Sehnsucht nimmermüder Sohn.“ In diesem Wort des Prinzen im zweiten Akt spiegelt sich der ganze Inhalt der gedankentiefen und formvollendeten Dichtung wieder, deren geheimnisvolle Schwermut von dem Farbenreiz einer wahrhaft herrlichen Verssprache verklärt wird. Sudermann hat schon einmal, in dem Einakter „Das Ewig-Männliche“, seinen Stoff in gebundene Form gegossen. Aber wo in jenem „Spiel“ die Reime tändelnd perlten und schillerten, umschleiern sie hier mit ihrer Farbenpracht die tiefsten Rätsel-Regungen des Menschenherzens, die, „am Grenzstein unserer Ahnung“, zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem schwebend zur Heimat aller Dinge zurückstreben, im Sinne der letzten Worte im „Faust“: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“

Mit dieser Verkörperung erfüllten und doch unerfüllten Harrens und Hoffens schließen sich die „Drei Reiherfedern“ an das vorhergegangene Werk des Dichters, den „Johannes“, an. Dort die Sehnsucht nach dem Himmel, hier die Sehnsucht nach der Erde. Der Täufer sucht das Heil und sieht nicht, daß es schon unter uns wandelt, der Märchenprinz sucht das Glück und sieht nicht, daß es schon neben ihm steht. Beides sind die Tragödien des Blinden, den, nach schweren Läuterungen durch Leidenschaft und Zweifel, im Sterben die höchste Erkenntnis überkommt und seinen Tod erhellt, die Erkenntnis der Liebe, da der göttlichen Liebe, dort der reinen Liebe des Weibes.

Das Werk, das am 21. Januar gleichzeitig an den Hofbühnen zu Stuttgart und Dresden und am „Deutschen Theater“ zu Berlin in Scene ging und am selben Tag auch in Buchform erschien, verlangt viel von den Darstellern und giebt ihnen viel. Beides vereinigten in mustergültiger Weise die Künstler des „Deutschen Theaters“, Josef Kainz als Prinz, Teresina Geßner als Königin, Hermann Müller als Herzog von Gothland, Luise Dumont als Begräbnisfrau, Emanuel Reicher als Majordom und vor allem Hermann Nissen als Hans Lorbaß. Wie er breitschulterig und breitbeinig dastand, unter buschigen Brauen die Feueraugen glühend, ein Riese unter Menschen, da erschien er gleich dem grimmen Hagen aus der Nibelungen Not als das Urbild germanischer Reckenkraft und Dienertreue.


Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1899). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1899, Seite 122. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1899)_0122.jpg&oldid=- (Version vom 13.8.2023)