Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/18

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leuchten im Sonnenglanz; in den Klüften hausen Gnomen; Elfen wiegen sich auf den duftigen Morgennebeln. Ueber Alles ist ein zauberisches Licht gebreitet, ein Morgenrot, das uns wie Erinnerung an die früheste Kindheit gemahnt. Nur aus einer reinen Seele, die sich bis in das Alter die Unschuld der ersten Lebensjahre bewahrt hat, konnten derartige Gebilde erblühen. Ich kenne kaum andere Werke der Malerei, die so unmittelbar aus der Empfindung auf die Leinwand übergegangen sind, und hierauf eben beruht die Gewalt, mit der sie den sinnvollen Beschauer immer und immer von Neuem zu sich hinziehen. Selbst Scenen des gewöhnlichen Lebens weiss Schwind mit dem wunderbaren Hauche des Gefühls zu beseelen und in die lauterste Poesie zu verwandeln. Seine besondere Domäne, in der er keinen Nebenbuhler hat, sind aber die Sagen und Legenden des deutschen Mittelalters, mit ihren vor Heiligenbildern knieenden Eremiten, ihren die Quellen und Flüsse bevölkernden Nixen, ihren Zwergen, Riesen und auf Abenteuer ausziehenden Rittern. Man wird an die schönen, jetzt leider beinahe vergessenen Märchen Tiecks im Phantasus erinnert. Den bezeichneten Kategorien kann man noch solche seiner Produktionen hinzufügen, die äusserst sinnreich Naturerscheinungen verkörpern; andere lassen sich kaum in eine Rubrik bringen; dem klassischen Altertume gehören nur zwei von den in meiner Sammlung befindlichen an. – Ich führe nun die einzelnen in bunter Reihe vor.

Vier Rundgemälde stellen die vier Tageszeiten dar. Auf dem ersten hat der Morgen, zur Figur verkörpert, die Spitze eines Felsen erklommen; neben ihm steht eine Gemse; zu seinen Füssen sinkt die Nacht, eine weibliche Gestalt, zurück. Dieses Bild ist von unbeschreiblichem, seelenbestrickendem Reize. Aesthetiker werden es tadeln, weil darin die Grenzen von Dichtkunst und Malerei vermengt und überschritten seien. Aber die hierauf Bezug habende Lehre ist gleich jener anderen, wonach die Poesie es nur mit dem Bewegten, die bildende Kunst aber einzig mit dem Ruhenden zu thun haben soll, doch nur eine Halbwahrheit. Wie der Fries des Parthenon, auf welchem die Reitergruppen in mächtiger Bewegung an uns vorüberzuziehen scheinen, sowie Tizians Schlacht von Cadore, wo ein Atemzug des bewegtesten Lebens die Kämpfenden durcheinander wirbelt, endlich Michel Angelos jüngstes Gericht und der Engelsturz des Rubens, in denen die Figuren unaufhaltsam in die Tiefe zu sinken scheinen, die Richtigkeit der letzterwähnten Behauptung für die bildende Kunst in Frage stellen, so zeigt Schwinds Morgen, neben vielen

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