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erinnere ich mich nicht aus seinem Munde gehört zu haben. Uebrigens ist er von der verkehrten Volkstümlichkeit, die von den Romantikern in Schwung gebracht wurde, und welche leider noch heute manche Köpfe verwirrt, frei geblieben. Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass ein grosser Teil der Lieder in „des Knaben Wunderhorn“ höchst ungeschickte Imitationen und nur ein Bruchteil davon echte Volkslieder sind. Die Schönheit der letzteren wird Niemand in Abrede stellen. Doch sie nachahmen zu wollen, wie es die Romantiker thaten, ist ein thörichtes Beginnen, und es muss Wunder nehmen, dass man hierüber nicht ebenso einverstanden ist, wie über die Unmöglichkeit einer Nachahmung des Homer. Wohl hat Goethe in seinen Jugendgedichten den Ton des Volksliedes zuweilen angeschlagen; dann aber hat er, im geraden Gegensatze zu den Romantikern, ihn durch echte Kunst geadelt. Und ebenso ist von Schwind das Volkstümliche stets auf eine höhere Stufe emporgehoben worden. Es muss ihm dieses besonders hoch angerechnet werden, wenn man zurückdenkt, wie in den Jahren, in denen er sich zum Künstler bildete, manche Maler sich in Nachahmung der Anfänge der Kunst gefielen, und in der Rückkehr zum Rohen und Kindischen etwas Lobenswertes sahen.

Da ich Goethe genannt habe, sei hier gleich Schwinds Erlkönig erwähnt, eine Wiedergeburt der herrlichen Ballade, wie sie vortrefflicher nicht gedacht werden kann. Das atemlos dahinstürzende Pferd, der das Söhnchen angstvoll an der Brust bergende Vater, die Bäume, die in phantastischen Umrissen hervorschiessen oder die Zweige, vom Sturm zerwühlt, hin und wieder werfen, der Erlkönig, der in jähem Fluge aus dem Dunkel hervortaucht und die Hand nach dem schreienden Knaben ausstreckt, und seine Töchter, die sich auf den Wellen ihres eigenen Gesanges zu wiegen scheinen – alles das ist mit so überzeugender Wahrheit dargestellt, dass man dieses Bild den Erlkönig nennen möchte, und sich schwer noch einen vorzustellen vermag, welcher den Intentionen des Dichters gleich vollkommen entspräche. Schwind hat hier für Goethes Ballade in Gestalt und Farbe etwas ebenso Mustergültiges geleistet, wie Schubert in Tönen.

Auf einem andern Nachtstück, das man auch eine, aber vom Künstler selbst erfundene Ballade nennen könnte, sehen wir einen Ritter über einen Strom im Nachen dahingleiten, während unter ihm eine Nixe hinwegschwimmt. Das Bild ist aus jener Stimmung hervorgegangen, die sich leicht Desjenigen bemächtigt, der im Dunkeln auf dem Rhein fahrend und nur dem Rauschen der Wellen, wie dem Lispeln der Zweige vom Ufer her lauschend, das Wunderbarste nicht mehr für unmöglich hält. Die ganze Natur belebt sich ihm, die Schatten, welche über die Felsen hinziehen, werden ihm zu Zwergen und Kobolden; er sieht Nixen in den Lichtern, die der Mondstrahl durch die Wellen zittern lässt. Schwinds Bild zeigt, wie eine solche Naturscene, die ein Stümper möglichst „natürlich“ zu machen gesucht hätte, im hohen Stil eines historischen Gemäldes behandelt werden kann. Personen, die gerne den überlegenen Ton der Kennerschaft annehmen, machen oft spöttische Bemerkungen über die Art, wie der Nachthimmel hier gemalt sei. Sie bekunden dadurch ihre Inkompetenz, in Sachen der Kunst mitzusprechen. Nur der Handwerker kopirt die Wirklichkeit; der Künstler stellt sie dar, wie sie erscheint, nachdem ihr Bild durch seine Seele gegangen ist. Diese Wolkengestalten, durch welche der Mond geisterhaft hindurchblickt, sind solche, wie sie zu der Phantasiewelt passen, in die uns der Maler versetzt. Ich muss hier auf das zurückweisen, was ich bei Gelegenheit von Genellis „Europa“ gesagt habe. Wäre auch nur ein Funke von Wahrheit in der Meinung, dass die getreue Wiedergabe der äusseren Erscheinung eine Aufgabe für die Kunst sei, so würde im Grunde ein Diorama, das die Gegenstände körperlich darstellt, höher stehen, als ein nur auf eine Fläche aufgetragenes Landschaftsgemälde; ja auch mit einem Stereoskopbilde würde das schönste Werk von Claude Lorrain oder Rottmann in dieser Hinsicht nicht wetteifern können.

Wie Schwind auch Scenen des gewöhnlichen Lebens in eine höhere Sphäre zu erheben, wie er sie mit gemütvoller Innigkeit zu durchdringen und uns an das Herz zu legen weiss, beweist seine Hochzeitsreise. Beim Anblick dieses Gebirgsstädtchens mit seinen Erkerhäusern muss uns die Sehnsucht anwandeln, in ihm, wenn nicht unsern Wohnsitz aufzuschlagen, doch wenigstens einige Stunden auf der Reise zu verweilen. Selbst seine Spiessbürger gewinnen wir lieb. Vor dem Gasthofe, dessen Schild breit über die Strasse hinhängt, hält ein Reisewagen; die Pferde geniessen begierig ihr Futter aus der Krippe, und Schwind, der junge Hochzeitsreisende selbst, steht im Begriffe, mit dem Ausdruck des innigsten Behagens wieder zu seiner Ehehälfte einzusteigen. In dem Hausknecht, der ihn an den Wagen begleitet, hat der Maler scherzhafter Weise seinen Freund Franz Lachner, den trefflichen Komponisten, dargestellt. Schwind liebte fast ebenso, wie die Malerei, die Musik und übte sie selbst. Wenn er am Tage in seinem Atelier gearbeitet hatte, spielte er abends die Geige im Quartett, und diese musikalische Seele scheint mir auch durch seine Bilder