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zu wehen. Er war in der Jugend innig befreundet mit dem grossen Schubert gewesen und erzählte gern von den frohen Stunden, die er mit diesem in Wien verlebt hatte. Nach seiner Aussage war Schubert, aus dessen schönsten Liedern eine so tiefe Melancholie tönt, ein lustiger, lebensfroher Geselle, und sein grösster Kummer war, dass es ihm oft am Gelde fehlte, um ein Glas Wein zu trinken. Er fand bei seinen Lebzeiten so wenig Anerkennung, dass er froh sein musste, wenn ihm die besten seiner Kompositionen, durch die seitdem manche Verleger reich geworden sind, mit einigen Kreuzern bezahlt wurden.

Nicht minder anziehend, als die Hochzeitsreise, ist ein anderes, aus den eigenen Lebenserinnerungen des Meisters hervorgegangenes Bild, das Morgenstübchen. Es stellt ein Gemach in seiner Villa am Starnbergersee vor. An einem Sommermorgen, bald nach Tagesanbruch, hat sich seine kleine Tochter vom Bett erhoben, um an eins der Fenster zu treten, das sie öffnet. Das andere Fenster ist von einem grünen Vorhange verdeckt, durch den die Sonne vergebens in das Stübchen zu dringen sucht. Durch das geöffnete aber, das die Aussicht auf einen fernen Berg, ich glaube die Zugspitze, gewährt, fühlt man die kühle Morgenluft vom nahen Gebirge her in ihrer ganzen Frische hereinwehen. Es ist dies eine Wirkung, welche die sorgfältigste Detailmalerei zu erreichen sich vergebens abmühen würde; nur weil nicht bloss die Hand, weil die warmfühlende Seele des Künstlers seinen Pinsel geleitet hat, konnte es ihm gelingen, sie hervorzubringen, und eben hierdurch wird dieses, wie alle seine ähnlichen Gemälde, hoch über die gewöhnlichen Genrebilder emporgehoben.

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Schwinds Gemüt und Phantasie waren reich genug, um auch das Geringste, Unscheinbarste anziehend zu machen. Auf einer andern seiner Tafeln hat er einen jungen Mann, vielleicht sich selbst, dargestellt, wie er, auf der Wanderschaft begriffen, auf einem Hügel sitzt und in ein untenliegendes, von hohen Bergen eingeschlossenes Thal hinabschaut. Es ist der Malerei nicht möglich, so bestimmt, wie die Poesie es vermag, jede Situation anzugeben, und so kann man sich diese verschieden denken. Aber am nächsten liegt die Annahme, der junge Wanderer, der zum ersten Male sein elterliches Haus verlassen hat, blicke vor dem weiteren Aufbruch noch einmal sinnend und wehmütig auf sein heimatliches Städtchen zurück. Erinnerungen an die dort glücklich verlebte Kinderzeit, bange Sorgen wegen der fremden, weiten Welt, in die er nun hinausziehen soll, und doch auch wieder Neugier und hoffende Ahnung dessen, was ihn draussen erwartet, erfüllen seine Brust. Unser Auge schweift mit dem seinen in das Thal hinab und zu den blauen Bergen hin, die sich dämmernd wie in unendliche Fernen am Horizont verlieren; sie liegen so traulich, so geheimnisvoll vor uns da, dass es uns ist, als hätten wir uns schon früh aus ihrem Schosse in die Welt verirrt, und müssten zu ihnen zurückkehren, um das verlorene Lebensglück zu finden. Diese Gabe, ganze Gedankenreihen und Empfindungen in unserer Seele hervorzurufen, die lange in ihr nachzittern, hat wohl kein Maler in dem Grade besessen, wie Schwind.

Aber ich darf, so anziehend und fesselnd auch alle diese Bilder sind, nicht bei jedem einzelnen in der Art verweilen, wie ich möchte. Ein Seitenstück zu dem vorigen, jedoch von vielleicht etwas geringerem Werte, stellt einen Reiter dar, der sich von dem Gipfel eines Berges, welchen sein Ross eben erklommen hat, noch einmal rückwärts nach der Gegend wendet, die nun hinter ihm verschwinden soll. – In der Waldkapelle hat Schwind wieder die ganze Gewalt gezeigt, mit der er über die Stimmung gebietet. Das Motiv ist, wie ich höre, abermals der Umgegend des Starnbergersees entnommen, an dessen Ufern der Künstler so viele frohe Sommer im Kreise seiner Familie verlebte. Vom Vordergrunde aus, wo am Eingange der Kapelle eine Bäuerin sitzt, sieht man tief in einen Waldpfad hinein, der kein Ende zu nehmen und in eine grüne Einsamkeit zu führen scheint, wie man sie friedlicher, dem Lärm des Tages entrückter, sich nicht denken kann. Fern hinten erblickt man ein Reh. Es ist schwer zu sagen, worin der Reiz dieser einfachen Scene besteht, und doch ist noch Jeder, dem ich Sinn für das Schöne zutraute, besonders von diesem Gemälde angezogen worden und gern zu ihm zurückgekehrt. Nur wen die Muse zu ihrem Lieblinge erwählt hat, vermag mit kleinen Mitteln so Grosses zu leisten. Ja, das wird uns vor diesem Bildchen klar, auch die Malerei hat ihre Muse, die dem, was der Pinsel schafft, erst seine Weihe gibt und ihm dauernden Wert verleiht. Vor dem unscheinbarsten Werke, dem sie so ihren Segen erteilt hat, erblassen alle glänzenden Effektstücke, die ohne ihre Mitwirkung zu Stande gekommen sind.

Auf mehreren seiner Gemälde hat Schwind Naturscenen durch Gebilde des Volksglaubens belebt. So zeigt uns sein Elfentanz ein Dickicht in der ersten Morgenfrühe, ehe noch das Nachtdunkel ganz gewichen ist. In einer leichten Nebelschicht schlingt eine Schar von Elfen ihren luftigen Reigen; sie selber sind so zart, so duftig, wie der Nebel, in dem sie schweben, und man glaubt, dieser müsste mit ihnen sogleich vor dem stärker einfallenden Lichte verschwinden. In den verschiedenen Stellungen der kleinen Geister, wie sie, einander die Hand reichend, sich auf- und niederschwingen, hat Schwind ein seltenes Schönheitsgefühl und die höchste Meisterschaft der Zeichnung bewährt. An den Aesten und Blättern des Gesträuchs, durch das ihr Tanz sich windet, scheint noch der Tau der Morgendämmerung zu zittern. Aber wir sind sicher, dass die Elfen, die obgleich sie das Auge sieht, doch kaum von irdischer Natur zu sein scheinen, auch nicht einen Tropfen zur Erde schütten werden. – Ein anderes Bild, das ich immer besonders geliebt habe, zeigt die Elementargeister, wie sie den Mond anbeten. Die innige Sympathie des Künstlers mit der Natur, die seelenvolle Art, wie er sie zu vergeistigen weiss, muss jeden Sinn gefangen nehmen. Aber auch die feine und zarte Hand, mit der er dargestellt, was darzustellen noch kein Maler gewagt hat, erregt