Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/28

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genommen war, so suchte ich einstweilen solche seiner Bilder in meinen Besitz zu bringen, die er teils früher gemalt hatte, teils, nachdem er sie längst begonnen, für mich zu vollenden bereit war. So erwarb ich zuerst den Türmer, ein Gemälde von strenger, edler Zeichnung und trefflichem Kolorit. Auch Diejenigen, welche während seines Lebens unserm Künstler nicht hold waren, (ich begreife nicht, wie ein so hochbegabter, dabei so liebenswürdiger Mann Gegner haben konnte) bewunderten einstimmig diese eigentümliche und reizende Darstellung, wie der junge Türmer, hoch über der alten Reichsstadt in seinem Glockenturme schwebend, träumerisch in das Weite blickt. – Ein Gegenstück dazu ist der Violinspieler, den Steinle noch einmal in etwas verschiedener Stellung gemalt hat. Eine Anekdote aus dem Leben des Musikers Tartini bot ihm dazu den Anlass. Derselbe soll einst länger von seinen Freunden vermisst und dann unerwartet auf der Höhe eines Turmes entdeckt worden sein, wo er, der Zeit, der Welt und der Menschen vergessend, tagelang, in sein Violinspiel versunken, gesessen.

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Steinle’s Adam und Eva behandelt den Moment, wo das erste Menschenpaar, nach dem Sündenfalle, sich erschreckt unter den Zweigen eines Baumes birgt, während es mit Schauder die Stimme des im Garten Eden wandelnden Gottes vernimmt. Das Schuldbewusstsein, die Reue und die Trauer über den Verlust eines reineren Daseins, von denen die Sagen und Religionsurkunden aller Völker ein uns zugleich mit Wehmut und Sehnsucht erfüllendes Bild entwerfen, sind hier sehr schön ausgedrückt. Aber wie wenige von den Besuchern unserer Galerien gehen bei Betrachtung von Bildern über die äussere Erscheinung hinaus, um die tieferen Gedanken und Empfindungen in sich erregen zu lassen, denen jene nur als Hülle dient, und welche erst die Seele eines jeden Kunstwerkes ausmachen. – In höchst origineller und sinnvoller Weise hat Steinle die Loreley aufgefasst. Die Zauberin des Felsens bei St. Goar, die gar nicht der Volkssage anzugehören, sondern eine Erfindung Brentanos zu sein scheint, dann aber besonders durch Heines Lied populär geworden ist, war bisher von den Malern und Bildhauern als eine schöne Jungfrau, welche die Schiffer durch ihre Stimme in den Untergang lockt, in stark sentimentaler Weise geschildert worden. Steinle dagegen dachte sie sich mehr als eine Gestalt der nordischen Sagenwelt – ein Weib von dämonischer Schönheit, das über den Untergang ihrer Opfer frohlockt. Schlangenähnlich flattern ihr die Locken um das Haupt, ihr Antlitz ist von hohem Reize, aber es sind mehr die Züge einer Meduse, als einer Armida. Verschiedentlich ist die Bemerkung laut geworden, ihre Stellung sei unnatürlich, ja unmöglich, und der eine Arm an ihr verzeichnet. Es freute mich sehr, einmal Zeuge zu sein, wie der ausgezeichnete Bildhauer Hähnel, der doch die menschliche Gestalt von Grund aus kennt, einen solchen unberufenen Tadler zurechtwies und ihm die vollkommene Richtigkeit der Zeichnung darthat. Was die Stellung anbetrifft, so glaube ich gerne, dass diejenigen, welche nur nach Modellen arbeiten können, sie für unmöglich erklären werden; aber die Loreley biegt sich in hastiger, nicht mehr als einen Augenblick dauernder Bewegung über den in schwindlicher Tiefe hinbrausenden Fluss, der eben einen Nachen mit Schiffern verschlingt, und diese Bewegung hat der Künstler, der als Zeichner nur wenige Nebenbuhler besitzt, meisterlich dargestellt.

Ein Erlkönig, ein recht achtbares Bild, das für eine Jugendarbeit Julius Schnorrs ausgegeben wurde, erwarb ich nicht minder deshalb, weil ich Gefallen daran fand, als weil ich wünschte, diesen edlen Künstler in meiner Galerie vertreten zu haben. Nachher wurde mir von glaubwürdiger Seite die Mitteilung, das Gemälde sei nicht von Julius, sondern von dessen älteren Bruder Ludwig Ferdinand Schnorr, welcher einst gleichfalls bedeutenden Ruf als Maler besass und von dessen Hand die Galerie des Belvedere zu Wien manche schätzenswerte Werke aufbewahrt. Jedenfalls ist dieser Erlkönig interessant, wenngleich er hinter dem denselben Gegenstand behandelnden Bilde Schwind’s zurücksteht.

Eugen Neureuther schätzte ich von jeher wegen seiner anmutsvollen Zeichnungen. Als ich ihn in München kennen lernte, lag schon eine lange Laufbahn hinter ihm; denn bereits Goethe hatte ihn wegen der Umrisse zu seinen Gedichten gepriesen und ihm in seinen Werken ein Denkmal gesetzt. Als Maler war er nur wenig bekannt geworden; auch war es ihm, obgleich er die malerische Technik vollkommen beherrschte, nicht gelungen, Bestellungen zur Ausführung einiger Kompositionen zu erhalten, die er entworfen hatte, um öffentliche Gebäude Münchens damit zu schmücken. Ich fand in seinem Atelier ein Oelbild, das mich ausserordentlich fesselte. Es stellte Peter Cornelius unter seinen Kunstgenossen vor und wäre gewiss vor allem geeignet gewesen, die Wand einer der Kunstsammlungen Münchens zu schmücken. In der Mitte der Tafel sehen wir den grossen Meister, und um ihn her, in vortrefflicher Anordnung und Gruppirung, die hervorragendsten der Künstler, welche gemeinsam mit ihm in München wirkten, namentlich Klenze, Gärtner, Schwanthaler, Rottmann, Peter Hess und Kaulbach. – Infolge meiner Aufforderung vollendete Neureuther dann seit dem Jahre 1863 noch verschiedene Oelgemälde für mich: die sterbende Nonne, nach dem Uhlandschen Gedicht; Rezia, wie sie Hüon im Traum erblickt; eine Madonna mit dem Christkinde, in lieblicher Frühlingslandschaft und von Schmetterlingen umflattert; die Scene aus Goethes Hermann und Dorothea, wo die Mutter den in Gedanken versenkten Sohn überrascht. Alle diese Bilder sprechen durch innige Empfindung an, sind in Form und Farbe sorgfältig durchgebildet und können ihren Platz in jeder Sammlung mit Ehren behaupten. – Noch erwähne ich zwei ganz eigentümliche Werke Neureuthers: die Erinnerung an die Villa Mills (in Oel) und diejenige an die Villa Malta (in Aquarell). Es sind nicht sowohl Landschaften, als Phantasiestücke. Die beiden herrlichen römischen Villen mit ihren traumhaft-schönen Aussichten hat der Künstler so aufgefasst, wie sie ihm in sehnsuchtsvollem Zurückdenken an das ewige Rom vor der Seele geschwebt haben mögen. Auf dem Bilde der Villa Mills erblickt man unten die Kaiserpaläste,