Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/34

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der Freude über die ihm anvertrauten neuen Arbeiten und über das Gelingen derselben. Aber sie kehrte bald wieder, da auch jetzt ihm nicht die Anerkennung in weiteren Kreisen ward, die er erwartet hatte. Obgleich seine Bilder täglich in meiner Galerie für Jedermann zur Besichtigung dargeboten waren, und obgleich ich, in dem Wunsche, den Ruhm des Künstlers zu verbreiten, die vorzüglichsten derselben auf verschiedene Ausstellungen – wie auf die grosse Pariser vom Jahre 1867 – sandte, gelang es mir doch nicht, ihnen mehr als einen Achtungserfolg zu verschaffen. Keines von ihnen erhielt eine jener Auszeichnungen, mit denen so viele, völlig geringe Produkte bedacht zu werden pflegen. Es muss aber jeden Künstler erbittern, wenn er Erzeugnisse, die er als tief unter den seinen stehend betrachten darf, mit rauschendem Beifall aufgenommen und die seinen hintangesetzt sieht. Noch übler indes erging es Feuerbach, als er mit jenen bewegten Kompositionen, die nicht die glänzendste Seite seines Talentes zeigten, vor die Oeffentlichkeit trat. Schon die „Amazonenschlacht“ wurde, unter Verkennung der vielen Schönheiten, die sie neben grossen Schattenseiten aufwies, von der Tageskritik in der gehässigsten Weise herabgewürdigt. Wenn ein Künstler, der schon Ausgezeichnetes geleistet, minder Gelungenes hervorbringt, wie dies selbst den grössten oft begegnet ist, so sollte man doch auch von seinen Verirrungen mit Achtung, mindestens mit Schonung sprechen. Dies ist ein Gebot der Schicklichkeit, in dessen Befolgung sich die Deutschen fremde Nationen, z. B. die Franzosen, zum Vorbild nehmen sollten. In Frankreich wäre es keiner Zeitschrift gestattet gewesen, einen Delacroix, der in seinem Dante auf dem Styx, seinen Griechen auf Chios, Eminentes hervorgebracht hat, in andern Bildern dagegen hinter den früheren zurückgeblieben ist, deswegen herabzusetzen und zu verunglimpfen. Ueber Feuerbach aber ergoss sich eine förmliche Flut von Schmähungen, namentlich in Wiener Blättern, wegen des genannten Schlachtstückes; und seinem „Titanensturz“, der auf der letzten Münchener Ausstellung erschien, wurde, wenn auch einige Stimmen sich zu seiner Verteidigung erhoben, noch übler mitgespielt. Die vielfachen, so empfangenen Kränkungen verwundeten sein empfindliches Künstlergemüt auf das tiefste; verstimmt, mit schon wankenden Kräften, ging er im Herbste 1879 nach Venedig, dort den Winter zu verbringen. Im Januar des folgenden Jahres war ich eben in der Lagunenstadt angelangt, als mich die Kunde seines Todes höchst schmerzlich überraschte. Ein Herzleiden, das unter dem Einflusse aufregender Gemütsbewegungen rasch zugenommen, hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Ich besuchte noch sein Atelier und verweilte dort lange Stunden, um das frühe Hinscheiden Desjenigen trauernd, dessen letzte Werke, vollendete wie bloss begonnene, mich umgaben. Freudig und gerührt zugleich, sah ich, wie er in seinen letzten Arbeiten ganz wieder zu sich, zu seinem eigensten Selbst, zurückgekehrt war. Vor allem schien mir das Gemälde, bei dem ihn der Tod überraschte, und das deshalb noch unfertig dastand, singende Jungfrauen im Chor einer Kirche, nicht hinter dem besten, was er und seine Zeit geschaffen, zurückzustehen. Wie viele herrliche Früchte würde dieses reiche Talent noch seinem Vaterlande getragen haben, wenn letzteres ihm das günstige Terrain zu seinem vollen Gedeihen gewährt hätte! Nun beginnt es, ihm die Kränze in das Grab nachzuwerfen, die es dem Lebenden versagt hat. Immerhin ist es besser, dass es ihm eine verspätete, als gar keine Anerkennung zollt. Mit dieser zugleich möge es denn auch den schuldigen Tribut der Dankbarkeit an Henriette Feuerbach entrichten, die, obgleich nur Stiefmutter des Verblichenen, ihm gewesen, was selten eine Mutter ihrem Sohne, die während seines ganzen Lebens mit aufopfernder Liebe und unter Entbehrungen aller Art ihm seine dornige Laufbahn geebnet hat, und der allein es verdankt wird, dass seine Kraft nicht schon viel früher unter dem Drucke der ungünstigen Verhältnisse erlegen ist. In noch höherem Sinn, als es der treffliche Künstler selbst war, verdient sie eine Zierde der Nation zu heissen; denn vor der hohen Tugend, welche diese Frau gezeigt hat, erhebt sich selbst der Genius von seinem Thron, um ihr den ersten Platz einzuräumen.




V.


Nachdem so viele Gemälde in meinen Besitz gekommen waren, dass meine Wohnräume nicht mehr zu deren Aufbewahrung ausreichten, begann ich ein eigenes Gebäude zu diesem Zwecke zu errichten, das nachher noch mehrfach bedeutende Erweiterungen erfuhr. Da ich mich nun durch den Raum nicht länger beschränkt sah, nahmen auch meine Erwerbungen von Kunstwerken alljährlich zu. Ich hatte dabei bestimmte Grundsätze festgestellt, von denen ich nicht abwich. Der erste war, dass ich nur Werke neuerer, und vorzugsweise lebender Maler kaufte; denn ich wollte nicht bloss einer Liebhaberei fröhnen, sondern wünschte auch, soviel in meinen Kräften stand, die Kunst selbst zu fördern. Es ist mir immer als beklagenswert erschienen, dass gegenwärtig die Sammler von Gemälden in der Regel nur auf solche des 16. und 17. Jahrhunderts ausgehen. Sicher wäre die Malerei der alten Italiener und Niederländer nicht zu der Blüte gediehen, an der wir uns noch heute erfreuen, wenn die damaligen Kunstfreunde sich vornehm von den lebenden abgewandt und nur die Arbeiten verstorbener Meister gesucht hätten. In Brüssel und Amsterdam, in Mailand, Venedig und Rom machten zu Rubens’, Rembrandts, Leonardos, Tizians und Rafaels Zeit nicht allein die Fürsten und Grossen, sondern Alle, deren Mittel es ihnen gestatteten, vielfache Ankäufe von Gemälden gleichzeitiger Künstler, und nur dadurch konnte die Malerei jene Höhe erreichen. Aber das Sammeln alter Bilder führt noch, abgesehen von seiner Unfruchtbarkeit für die lebendige Kunst der Gegenwart, andere grosse Uebelstände mit sich. Nur öffentliche Staatsanstalten, die ganz ausserordentlich reich subventionirt sind, oder Privatleute, die über viele Millionen gebieten, können mit Erfolg Galerien von Werken der alten Meister anlegen, und in beiden Fällen ist es noch Bedingung, dass grosse Kenntnis und Einsicht die Ankäufe leite. Ein Privatmann von beschränkten Mitteln mag wohl hier und da unter günstigen Umständen ein gutes Bild erwerben, doch geschieht es selten, dass ein solches noch zu mässigem Preise käuflich ist; man täuscht sich daher arg, wenn man glaubt, dass man gegenwärtig noch Meisterstücke aus der grossen Zeit in bedeutenderer Anzahl zusammenbringen könne, ohne Millionen dafür auszugeben. Bei dem Besuche von derartigen Privatsammlungen befand ich mich meistens in der peinlichsten Verlegenheit. Selten, dass etwas Erträgliches mir erlaubte, einige mässig lobende Worte darüber zu sagen. Aber nun wurden mir, da jeder dieser Sammler natürlich die grossen Namen bei sich vertreten haben will, auch Werke von Correggio, Leonardo, Rafael, Van Dyck, oft in vielfachen Exemplaren, gezeigt, mit der