Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/38

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frühverstorbenen Urheber bei seinen Lebzeiten kaum ein Schimmer des Ruhmes gefallen ist.

Genug und übergenug ist gesagt worden, um meinen Entschluss zu rechtfertigen, dass ich mich um den Geschmack der Zeitgenossen und die von ihnen gefeierten Namen gar nicht kümmern wollte. Da nun, was sich noch durch zahlreiche andere Beispiele beweisen lässt, das Urteil jeder Zeit über das in ihr Produzirte durchaus schwankend und unsicher ist, war ich, wie bemerkt, überzeugt, auch das meinige könne trügen. Dass ich jedoch im wesentlichen bei meinem Grundsatze nicht fehlgegriffen, hat sich schon jetzt thatsächlich bewährt: die meisten der Maler, deren Werke meine Sammlung bilden, waren, als ich sie kennen lernte, verkannt oder noch völlig unbekannt; sie haben sich aber seitdem eine Gemeinde von Verehrern gewonnen, die, anfänglich klein, mehr und mehr im Wachsen begriffen ist, wenn auf dem lauten Markt auch noch teils die alten thönernen Götzen teils neu creirte, hohler als jene, angebetet werden. Hat aber nicht jedes für mich vollendete Gemälde den von mir gehegten Erwartungen entsprochen, so liegt dieses in der Natur der Dinge. Selbst den tüchtigsten Künstlern gelingt bei aller Anstrengung die Arbeit nicht immer nach Wunsch; sollte ich nun aber Männer, die ich hochschätze, durch die schliessliche Zurückweisung eines Bildes, an das sie ihre beste Kraft gesetzt, kränken? Uebrigens habe ich mich hierbei auch von der Unzuverlässigkeit alles Urteils überzeugen müssen; denn was mir nicht ganz zusagte, fand bei Anderen lebhaften Beifall. Hängt aber an den Wänden meiner Galerie wirklich Einiges, dem ich von Anfang an keinen grossen Wert beilegte, so befindet sich hierin meine Sammlung mit jeder andern im gleichen Fall; der äusseren Anordnung wegen sind auch Lückenbüsser nötig, und zu diesem Zwecke wurden verschiedene Bilder, die gar nicht für die Galerie bestimmt waren, aus meinen Wohnzimmern herübergeschafft.

Immer habe ich es für eine ganz falsche Ansicht gehalten, dass eine Gemäldesammlung eine Art von Encyklopädie der Kunst sein müsse. Selbst für die öffentlichen Institute dieser Art scheint mir ein solcher Grundsatz ganz irrig; auch ist er in keinem derselben mit Erfolg durchgeführt worden: jedes hat dasjenige erworben, was ihm eine glückliche Gelegenheit zuführte, oder was seinem Stifter, seinen Direktoren besonders zusagte. Wenn man es darauf anlegte, alle möglichen Namen vertreten zu sehen, musste man sich mit Mittelgut begnügen. Der Stolz des Wiener Belvedere besteht in seinen zahlreichen herrlichen Venezianern; derjenige der Münchener Pinakothek in der unermesslichen Menge von wundervollen Rubens; der des Madrider Museums in seinen mehr als vierzig Tizians und eben so vielen Velasquez. So glaubte auch ich besser zu thun, wenn ich Bilder der von mir hochgestellten Künstler in beträchtlicher Anzahl erwarb, als wenn ich solche von allen möglichen um mich versammelt hätte. Daraus, dass man sehr viele Namen von Lebenden in meinem Kataloge vermisst, folgt noch im entferntesten nicht, dass ich sie gering geschätzt habe. Meine Mittel waren auch nicht schrankenlos; die mir zu Gebot stehenden Räume nicht unbegrenzt. Allerdings jedoch beruhte die Thatsache der Ausschliessung gewisser Arten von Bildern auf meiner Ueberzeugung, die Gattung, zu welcher sie gehörten, sei, wie sehr auch beim Publikum beliebt, eine verkehrte und habe nichts mit der echten Kunst gemein.





VI.


Ein Künstler, dessen Thätigkeit ich von jeher mit grösstem Interesse verfolgt habe, ist Arnold Böcklin. Ich lernte ihn schon 1859 in München kennen und behielt ihn und sein Wirken seitdem beständig im Auge, um die besten seiner Arbeiten mir nicht entgehen zu lassen. Als er später in Rom, dann in seiner Vaterstadt Basel und schliesslich in Florenz seinen Aufenthalt nahm, suchte ich ihn an diesen verschiedenen Orten zu wiederholten Malen auf und wurde durch die immer neuen Entfaltungen seines Talents, man darf wohl sagen seines Genies, überrascht. Wiewohl ich vorhin bemerkt habe, dass dasjenige, was man gewöhnlich Originalität nennt, keineswegs zu den notwendigen Eigenschaften eines bedeutenden Künstlers gehöre, dass sogar auf die grössten unter ihnen dieses Epithet nicht passe, so muss ich doch Böcklin dasselbe beilegen. Nur bei einigen, zumal seiner frühesten Gemälde, gewahrt man eine Anlehnung an ältere Muster; doch wüsste ich nicht, dass ihm, bei den für ihn besonders charakteristischen, irgend ein Vorbild vorgeschwebt haben könnte. Ein ausgezeichnetes Beispiel seiner ersten Manier, als sich seine Eigentümlichkeit noch nicht ganz ausgebildet hatte, ist der Wald, in welchem eine Nymphe an einer Quelle ruht. Hier wird man lebhaft an Poussin erinnert, und dieser grosse Landschaftsmaler möchte nichts Schöneres geschaffen haben. Das Einzige, was man an dem Bilde rügen kann, ist die allzu grosse Tiefe der Farbe, welche nötig macht, dass man dasselbe einer sehr hellen Beleuchtung aussetze, damit alle seine Schönheiten hervortreten. Dieser dichte südliche Wald mit seinem geheimnisvollen Dunkel, seinen bald hier bald dort durch die Wipfel und Laubkronen einfallenden Lichtern und seinen tief rot leuchtenden Rhododendren, ist wie aus der Phantasie eines Griechen hervorgegangen, wie geschaffen zum Aufenthalte von Dryaden, Faunen und Oreaden, um in seinem ewigen Schatten ihren Reigen zu ziehen. Wenn ich das Gemälde mit Allem vergleiche, was die Gegenwart produzirt, so scheint es mir aus einem früheren Jahrhunderte sich in das unsre verirrt zu haben. – Ein heiliger Hieronymus von Tizian in der Brera zu Mailand hat Böcklin wohl zu seinem sich geisselnden Einsiedler Anlass gegeben. Derselbe ist meisterlich ausgeführt, besonders wirkungsvoll der Rabenschwarm in den Zweigen der immergrünen Eiche über dem Anachoreten; man glaubt, die Aeste von dem Fluge der Raubvögel zittern zu sehen, die schon ihre Beute umkreisen. Von erstaunlichem Effekt ist auch der Durchblick durch die Zweige in das Blau des Himmels. – Wenn in diesen beiden frühen Bildern der Künstler noch nicht völlig auf eigenen Füssen steht (was keineswegs zu deren Nachteil gesagt sein soll, denn sie gehören zu seinen besten), so hat er sich von jedem fremden Einfluss freigehalten in seinem panischen Schrecken. Nie wohl ist die Dürre und Oede südlicher Felsenlandschaft in der sengenden Glut der Mittagssonne mit so lebendiger Wahrheit dargestellt worden, wie hier. Das spärliche, mit Staub bedeckte Gesträuch und rankende Gestäude, das über das nackte Felsgestein hinkriecht, scheint förmlich nach einem Tropfen kühlenden Taues zu lechzen; man glaubt das Zirpen der dürstenden Cicaden zu hören. Das ist die Zeit, wo, nach dem Glauben der Alten, Pan seinen Schlummer