Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/44

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noch irgendwo eindringlicher kund, als an dieser Stätte? Da wo einst die muhamedanischen Herrscher in höchster Machtfülle gethront, erhob sich später die Zwingburg des abscheulichen Gerichtshofes, der jeden Bekenner des Islam mit Folter und Holzstoss bedrohte. Nun sind Chalifenschloss und Inquisitionspalast in denselben Schutt zusammengesunken, so dass die Steine des einen sich nicht von denen des anderen unterscheiden lassen.

In San Francisco de la Arrizafa, unfern der Stadt, überraschte uns der üppige verwilderte Garten eines dortigen kleinen Meierhofes, der in aller Pracht südlicher Vegetation prangte; wir glaubten in ihm die Reste der berühmten Gartenanlagen zu erkennen, mit denen Abdurrahman I. sein Lustschloss (Ruzafa) umgeben, und in welchen er das erste Exemplar der bis dahin in Spanien unbekannten Palme gepflanzt hatte. Der für mich wichtigste Ausflug, den wir von Cordova aus machten, galt dem Kloster San Geronimo; hier sollten vor nicht lange Trümmer des feenhaften Lustschlosses Azzahra entdeckt worden sein, das Abdurrahman III. seiner Geliebten errichtete und mit überschwenglicher Pracht ausstattete, derart dass es als Wunderwerk von Reisenden aller Länder besucht wurde. Ich hatte schon in Madrid erfahren, es sei, bald nach jener Entdeckung, eine Gesellschaft zusammengetreten, um an dieser Stelle Ausgrabungen im grossen Massstabe zu machen; doch sei wegen der politischen Unruhen, die alsbald ausgebrochen, der Plan nicht weiter verfolgt worden. – Wir gelangten mit einem Führer, der die Lokalität genau kannte, zu dem Hügelabhange, an welchem man einige, nun in das Museum nach Cordova gebrachte Ueberreste maurischer Architektur und Kunst entdeckt hatte, und den ich auch ganz mit den von arabischen Geschichtsschreibern gelieferten Angaben über die Lage des alten Lustschlosses in Uebereinstimmung fand. Aber wir gewahrten, trotz des eifrigsten Suchens, nichts als Steingebröckel, das kein charakteristisches Merkmal maurischer Kunst mehr an sich trug. Gerne hätte ich noch länger auf dem Platze geweilt; indes mahnte uns der Führer zu schleunigem Rückzuge, weil einige in der Nähe weidende Stiere von der besonders wilden andalusischen Race drohend gegen uns heranschritten. Wie ist es doch möglich, dass in unserer Zeit, wo Ninive, Troja, Ephesus und Mykene wieder aus ihren tausendjährigen Gräbern emporsteigen, sich keine Unternehmungslust regt, um das Zauberschloss der Ommajaden wieder an das Tageslicht zu fördern? Ueber die Lage scheint mir kein Zweifel zu sein. Wir glaubten an jenem Hügelhange, beim Kloster San Geronimo, noch die drei Terrassen zu erkennen, über welche sich der Palast, oder vielmehr das Gewimmel von Palästen, mit seinen grossartigen Gärten hinbreitete.

Auch in Sevilla folgten wir den Spuren der Araber, weilten viel in dem glänzend restaurirten Alcazar, wurden nicht satt, die märchenhaft schöne Giralda zu betrachten, durchforschten alle Kirchen, von denen zu vermuten war, dass sie einst Moscheen gewesen, und liessen uns von einem kundigen Sevillaner auch in Privathäuser führen, die durch ihre Architektur kundgaben, dass sie noch aus der Zeit der Araber stammten. Die prachtvolle Kathedrale, wohl die imposanteste aller Kirchen germanischen Stils, lockte uns täglich in ihre erhabenen Hallen und fesselte uns zugleich durch die Gemälde des Murillo, den wir auch im Museum der Stadt und in dem Hospitale de la Caridad bewunderten. Einem Stiergefecht, das gerade stattfand, wohnten wir nicht bei; denn obgleich dasselbe in dem dortigen Cirkus, dem grössten von Spanien, und durch die andalusische Nationaltracht, die man bei solchen Gelegenheiten noch in ihrem alten Glanze sieht, einen malerischen Anblick geboten haben würde, verabscheuten wir doch diese Metzgerschauspiele zu sehr, als dass wir, nach früherem Besuche eines einzigen, einem zweiten hätten zuschauen mögen.

Von Gibraltar ward ein Ausflug an die afrikanische Küste, nach Tanger, gemacht, das den beiden Malern durch die Trachten und Physiognomien der Bewohner überaus interessant war; sie nahmen einige Skizzen von Land und Leuten auf und wünschten sehr, zu diesem Zweck noch länger zu bleiben; allein ich konnte mich nicht zu langem Aufenthalte in dieser unwirtbaren und noch halb barbarischen Stadt entschliessen, um so weniger, als ich schon früher dort gewesen war und beträchtliche Excursionen in das Innere des Landes unternommen hatte, die nur unter starker Eskorte gewagt werden konnten. Lenbach versichert noch jetzt, dass ihn Tanger durch seine ganze fremdartige Erscheinung und die wilde Originalität seiner Bewohner mehr angezogen habe, als das freilich in anderer Hinsicht unendlich merkwürdige Kairo, das er seitdem gesehen hat. Ich begreife dies wohl, aber nur in einer Hinsicht; selbst in Oberägypten und Nubien habe ich nirgends so sehr den Eindruck von der Barbarei eines Volkes empfangen, wie an den von mir berührten Oertlichkeiten des Kaisertums Marokko; Tanger, als Hafenplatz, ist noch die civilisirteste derselben. Aber, wie wird man sich, wenn man auch nur einige Tage in dieser Stadt geweilt hat, der Vorzüge Europas bewusst! –[1]) Unser nächstes Ziel, und das Hauptziel der ganzen Reise, war das wundervolle Granada, das ich nun zum fünften Male besuchte, und wo ich früher zwei ganze Sommer verlebt hatte. Ich glaubte es nie so herrlich erblickt zu haben, und in vollem Masse bestätigte sich mir die schon früher gewonnene Ueberzeugung, es sei der schönste von allen Punkten der Erde, die ich auf meinen vielen Reisen gesehen. Eben war die Wonnezeit des Jahres angebrochen, welche hier wegen der hohen Lage und der Nähe des Schneegebirges später beginnt, als in den niedern Gegenden; die Vega, wie die von den Schlössern der Maurenkönige gekrönten Höhen, prangten im frischesten Grün des Frühlings; überall unter den üppigen Laubbögen blinkten und murmelten die silbernen Wellen der vom schmelzenden Schnee der Sierra Nevada geschwollenen Bäche. Die Granatbäume, die nirgends in gleicher Pracht gedeihen, hatten sich mit dem glühenden Rot ihrer Blüten geschmückt, und in allen Wipfeln erscholl der schmetternde Gesang der Nachtigallen. Mir war, als sei ich in meine Heimat zurückgekehrt. Hier grüsste mich jeder Platz wie ein alter Bekannter, und ich ruhte nicht, bis ich sie alle meinen Begleitern gezeigt hatte. Wir liessen bald von der unvergleichlichen Alameda am Genil aus die Blicke auf die noch tief in ihrem Schneemantel gehüllten Gipfel der Sierra gleiten, bald durchschweiften wir die romantische Schlucht des Darro, auf welche die roten Türme und Zinnen der Alhambra durch dichtes Laubgrün herabschauten; vor allem aber luden uns die Säle und Hallen der letzteren ein, täglich viele Stunden in ihnen zu verträumen. Indes auch die anderen Ueberbleibsel arabischer Baukunst, den Garten der Königin jenseits des Genil, das sogenannte Cuarto-Real, mit dem undurchdringlichen Schatten seiner Laubgänge, den freilich nur noch mit Schutthaufen überdeckten Hügel Dinadamar besichtigten wir, um abends in den Gärten des Generalife, unter den riesigen

  1. Nachdem ich Tanger im vergangenen Februar des Jahres 1884 von neuem besucht, habe ich wesentlich andere Eindrücke von dort heimgebracht. Der marokkanische Hafenplatz hat sich sehr zu seinem Vorteil verändert. Die Schwärme zudringlichen Gesindels, welche früher daselbst dem Reisenden auf Schritt und Tritt lästig fielen und in fast drohender Weise ein Almosen heischten, sind verschwunden. Es herrscht vollkommene Sicherheit bei Tage wie bei Nacht, und man kann die fremdartigen Scenen orientalischen Volkslebens, welche der Ort bietet, behaglich geniessen, ohne sich in seiner Eigenschaft als Europäer von Aufdringlichen oder Feindseligen verfolgt zu sehen. Als ich eines Morgens aus dem Hôtel Central, welches den besten Gasthöfen der Schweiz kaum nachsteht, auf den weiten Marktplatz trat, fand ich denselben und die umliegenden Lokalitäten mit einer Karawane von mehr als hundert Kameelen überdeckt, welche in der Nacht aus Fez angelangt waren. Eben dort traf ich täglich einen Rawi oder Märchenerzähler, um welchen sich stets Scharen der Eingeborenen drängten. Die höchst fruchtbaren Umgebungen von Tanger bieten reizende Spaziergänge; aber bei dem im Texte erwähnten früheren Aufenthalte hatten wir dieselben wegen andauernder Regengüsse nicht besuchen können, und diese Ungunst des Himmels trug wohl viel dazu bei, dass mir damals Tanger in einem unvorteilhaften Lichte erschien.