Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/47

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Schack 39 b.jpg

Exemplar war lange zu Paris in Privatbesitz geblieben und ist jetzt in die Nationalgalerie nach Berlin gelangt. Das zweite, etwas kleinere, schmückt meine Sammlung. Als ich es zum erstenmale in dem Salon zu Paris sah, wo es gemalt worden war, hörte ich einen Kunstfreund, der davor stand, zu dem andern sagen: Voilà un peintre qui a bien étudié son Delacroix, und dass es unter dem Einfluss dieses genialen Franzosen entstanden, ist unverkennbar. Das Bild schildert nach Bürgers Ballade, wie der wilde Jäger mit seinem Gefolge auf brausenden Rossen durch das Getreidefeld hinsprengt, und ein jammerndes Weib sich vor ihm niederwirft, ihn beschwörend, nicht ihren gesammten Besitz zu Grunde zu richten. Neben ihm befindet sich seine Geliebte, zu seiner Rechten sein guter, zur Linken sein böser Engel. Das Bild bezeichnet einen Höhepunkt der neueren Kunst; es ist aus einer stark anschauenden Phantasie hervorgegangen. Nur wahre Genialität konnte alle diese vom Wirbel der wildesten Bewegung fortgerissenen Gestalten in ihren verschiedenen Stellungen konzipiren; nur die höchste, wenn auch mit Anstrengung errungene Meisterschaft sie so wiedergeben. Besonders bewundernswert ist auch die Farbe, welche, in ihrer Verteilung auf die Figuren, die Illusion des Unstäten, Vorüberfliehenden hervorruft; man glaubt buchstäblich das Zittern der Aehren, den hinsausenden Galopp der Rosse und die vorwärts stürzende Hast der Reiter zu sehen.

In mannigfaltigen Vorwürfen, und fast immer mit Erfolg hat sich der talentvolle Wilhelm Lindenschmit versucht. Unter Allem, was ich von ihm kenne, zog mich sein Fischer am meisten an. Das Bild stellt nach Goethes Gedicht vor, wie der junge Fischer im Begriffe steht, den Lockungen des Flussweibes zu unterliegen: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin.“ Die Formgebung der beiden Gestalten ist höchst gelungen, die Scenerie mit feiner Naturempfindung aufgefasst, die Farbe weich und von grosser Tiefe.

Wenn andere Werke dieses Künstlers, nach meinem Gefühle, nicht auf gleich hoher Stufe stehen, so liegt Solches gewiss nicht an dem darin entfalteten Talente, sondern an den Gegenständen; welch ein ungleich günstigerer Vorwurf für die Malerei ist doch dieser „Fischer“, als z. B. die „Stiftung des Jesuitenordens“! Wie grosse Kraft der Charakteristik Lindenschmit auch auf letzterem Gemälde entfaltet hat, so drängte sich mir vor demselben doch immer die Bemerkung auf, dass die Kunst es nicht sowohl mit dem Charakteristischen, als mit dem Schönen zu thun hat.

So oft die mächtige Anziehungskraft, die von jeher Steinles Atelier auf mich übte, mich nach Frankfurt führte, pflegte ich auch dessen Lieblingsschüler, Leopold Bode, aufzusuchen. Auf ihn ist ein Teil der seelenvollen Anmut, des innigen Gefühls, das besonders den Zeichnungen und Aquarellen seines grossen Meisters so unsäglichen Reiz verleiht, übergegangen. In der Mutter mit dem Kinde hat er eine Scene aus der Chronik eines fahrenden Schülers von Clemens Brentano zum Stoff genommen. Weit lieber als die Erzählung des Dichters, deren altertümliche Einfalt an Ziererei leidet, ist mir die Darstellung Bodes, wie die junge, trauernde Witwe mit ihrem Kinde, das sie auf dem Arme trägt, umherwandelt und ihm ein Lied vorsingt. Wehmut um den Verlust des Gatten und unendliche Mutterliebe drücken sich in unübertrefflicher Weise in ihren Zügen aus, und ebenso herzgewinnend ist die Unschuld in dem holdlächelnden Gesicht des Knaben.

Einem zweiten Gemälde Bodes, die Alpenbraut, liegt eine Ballade des österreichischen Dichters J. G. Seidl zu Grunde. Ein junger Jäger, in dem Viele, aber irrtümlich, Kaiser Max an der Martinswand zu erkennen glauben, hält sich mühsam an einem Felsenabhange, der seinem Fusse kaum Platz zum Stehen bietet, fest, und eine unheimliche weibliche Gestalt, eine Personifikation des Schwindels, umklammert ihn von hinten und sucht ihn in den Abgrund zu reissen. Bei längerem Anblick dieser beiden Gestalten an der unerklimmbaren Steinwand und der riesigen Schneegipfel, die rings aufragen, erfasst uns förmlich Schrecken. Schwind rühmte dies kleine Bild ausserordentlich und sagte einmal scherzend: „Das ist ja gerade, als ob ich es gemacht hätte; nur dass ich nicht so gut malen kann.“ – Diese beiden Gemälde befriedigten mich so sehr, dass ich Bode bat, eine grössere Komposition, deren Skizze er mir vorlegte, die Geburt Karls des Grossen, für mich auszuführen, und er setzte mehrere Jahre daran, um diese Arbeit zu vollenden. Mit welcher Liebe, mit welcher Sorgfalt der Künstler sich ihr gewidmet hat, zeigt das Bild. Den Stoff dazu geliefert hat die bekannte, auch von O. F. Gruppe in einem höchst gelungenen, aber seltsamerweise wenig bekannten epischen Gedichte behandelte Sage von Pipin und Bertha, die schon in dem altfranzösischen Roman von „Bertha mit dem grossen Fusse“ erzählt ist. Die Geschichte, die später viele Umwandlungen erfahren hat und in verschiedene Lokalitäten versetzt wurde, ist folgende: König Pipin hatte seinen Marschall mit Gefolge an den Hof des Herzogs von Schwaben gesandt, um für ihn um die Hand von dessen Tochter Bertha zu werben. Nun traf es sich, dass die Prinzessin der Tochter des Marschalls sehr ähnlich war, und dieser geriet infolge davon auf den Gedanken, die erstere beiseite zu schaffen, die letztere aber, an ihrer Statt, in die Arme des Königs zu führen. Er gab daher seinen Dienern Befehl, Bertha in einem Walde umzubringen, diese aber entging wunderbar dem Tode und wurde von einem Müller im Mühlthal bei Starnberg gastlich aufgenommen. König Pipin, der sich inzwischen arglos mit der Tochter des Marschalls vermählt hatte, gelangte später auf einem Jagdzuge in die Mühle, erkannte hier die für ihn bestimmt gewesene Prinzessin an ihrem grossen Fusse und entdeckte den ganzen Betrug. Gerade als er sich anschickt, sie als die wahre Königin in sein Land heimzuführen, wird er in den Krieg abgerufen. Er lässt Bertha in der ihr liebgewordenen Reismühle bei ihren