Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/59

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erfüllen, dort noch einmal einen Frühlingstag verleben zu können. Der Hof, den wir auf unserem Gemälde erblicken, ist schon im Jahre 1526 von Navagero, venetianischem Gesandten am Hofe Karls V. in folgenden Worten geschildert worden: „Das Generalife hat mehrere Patios, alle reichlich mit Wasser versehen, vornehmlich aber einen mit einem fliessenden Kanal in der Mitte und voll von herrlichen Orangen und Myrten; dort ist eine Loggia, welche die Aussicht nach aussen hin gewährt und unter welcher Myrten von einer Höhe emporragen, dass sie fast bis an die Balkone hinanreichen; dieselben sind so dichtbelaubt und alle so gleich hoch von Wipfel, dass sie eine grünende ebne Flur zu sein scheinen. Das Wasser fliesst durch den ganzen Palast und, wenn man will, auch durch die Zimmer, deren einige sich zu einem köstlichen Sommeraufenthalt eignen.“





XI.


Schon bald, nachdem ich Räume von genügendem Umfange hergestellt hatte, die eine grössere Anzahl von Gemälden aufnehmen konnten, regte sich in mir der Wunsch, neben Werken der modernen Malerei auch solche aus den grossen Zeiten der alten Kunst in möglichst würdigen Abbildern in diesem Lokal zu versammeln. Seit meinen Jugendjahren waren einzelne Gemälde fremder Galerien meine besonderen Lieblinge geworden; wenn ich die Orte, wo sie bewahrt werden, verliess, nahm ich schmerzlichen Abschied von ihnen, wie von teuren Freunden. Sie umschwebten mich auch in der Ferne, im Wachen wie im Traum, und die Sehnsucht liess mir nicht Ruhe: ich musste von neuem nach Venedig, Florenz, Rom und Madrid pilgern, um sie leibhaftig dort wieder zu sehen. Welcher Freund der Poesie würde es nicht als eine der schmerzlichsten Entbehrungen empfinden, wenn es ihm versagt wäre, sich zu jeder Zeit, wenn er danach Verlangen trägt, an den Werken seiner Lieblingsdichter zu laben? Könnte einen begeisterten Verehrer Mozarts oder Beethovens ein schwereres Unglück treffen, als dass es ihm unmöglich gemacht würde, die Schöpfungen dieser Meister zu geniessen? Nur von wenigen Menschen fordert das Schicksal eine so herbe Entsagung; denn einige Bücher vermag selbst der Unbemittelte sich zu verschaffen, und als Haydn in seiner Jugend in den ärmlichsten Verhältnissen lebte, schrieb er an einen Freund: er sei vor seinem klappernden, von Würmern halb zerfressenen Klavier glücklich wie ein König. Aber die grössten Erzeugnisse der bildenden Kunst sind, an bestimmte Oertlichkeiten gebannt, durch die halbe Welt zerstreut; schon einzelne von ihnen betrachten zu können wird nicht Jedem gewährt, und nur Wenige vermögen Reisen zu machen, um sie alle in den verschiedensten Museen und Kirchen Europas aufzusuchen. Selbst dann aber wird solchen Auserwählten der Anblick derselben nur zeitweise zu Teil. Die Entbehrung, sich nicht nach Wunsch zu jeder Stunde in die Anschauung von Tizians und Michel Angelos, von Murillos und Rubens’ Meisterstücken vertiefen zu können, ist ebenso gross, als wenn uns das Lesen von Homer und Shakespeare, das Anhören der Musikstücke grosser Komponisten nur karg und selten vergönnt würde. Kupferstiche und Photographien geben doch einen sehr unvollkommenen Begriff von Gemälden, namentlich solchen, bei denen die koloristische Wirkung eine Hauptsache ist; und ich glaube, dass man aus dem Klavierauszuge einer Beethovenschen Symphonie die Herrlichkeit derselben viel besser kennen lernen kann, als z. B. aus einer Photographie die von Tizians „Irdischer und himmlischer Liebe“. Das schönste künstlerische Geschenk, das ein König seinem Lande zu bieten vermöchte, wäre daher ein Museum, worin die auf der ganzen Erde zerstreuten Hauptwerke der Malerei in vorzüglichen Kopien einen Platz fänden. Denn eine gute Kopie vermag ein so vollständiges Bild des Originals zu liefern, dass der Unterschied zwischen beiden, wo nicht ganz aufhört, doch bis auf ein Minimum verschwindet; dass jedenfalls, wenn die genaue Betrachtung auch kleine Differenzen ergibt, dieser Unterschied mindestens für den Kunstgenuss völlig unerheblich ist. Als ein sicheres Kennzeichen von ungebildetem Dilettantismus hat es mir von jeher gegolten, wenn Besucher von Galerien den Namen „Kopie“ mit einer gewissen Verachtung im Munde führen. Eine Kopie kann ein wahres und echtes Kunstwerk sein, ebenso wie eine ausgezeichnete Uebersetzung; denn sie wird, wenn sie gut ist, nicht auf mechanische Weise hervorgebracht, sondern es gehört eine bedeutende künstlerische Kraft dazu, um sie ins Leben zu rufen. Vorzügliche Dichter sind zugleich die besten Uebersetzer gewesen, und Schillers Verdeutschung der „Iphigenie“ des Euripides ist vielleicht die schönste, die es von einer antiken Tragödie gibt; so wird auch nur ein hervorragender Maler, der nicht allein alle äusseren Mittel der Technik beherrscht, sondern sich auch mit ganzer Seele in sein Original versenkt und mit Begeisterung nach dessen Reproduktion ringt, dasselbe befriedigend wiedergeben können. Eine einzige solche wirklich wertvolle Kopie eines Meisterwerkes kann ganze Kunstausstellungen mittelmässiger moderner Bilder, ja auch manche Galerie aufwiegen, deren Kataloge hunderte angeblicher Originale verzeichnen. Wer durchaus „Originale“ zu sehen begehrt, möge nach V. in eine gewisse Sammlung gehen; er kann dort dreiundzwanzig Rafaels, neun Michel Angelos, elf Leonardos und zahllose Tizians bewundern. Ich dagegen habe nicht nur in dieser, sondern auch in mancher öffentlichen Galerie, die mit mittelmässigen oder auch nur angeblichen Originalen prunkte, gedacht, wie unendlich wertvoller eine Sammlung von guten Kopien guter Bilder sein müsste. Ich würde ein Museum, wie das von mir geträumte, in welchem alle Wunderwerke der Malerei in solchen Abbildern sich vereinigt fänden, als eine ganz unschätzbare Zierde, selbst der schönsten Hauptstadt, ansehen, und würde mich keinen Augenblick besinnen, diese Stadt zu meinem Aufenthaltsorte zu wählen, um eine so köstliche Sammlung täglich geniessen zu können. Allerdings steht der glücklichen Durchführung eines derartigen Unternehmens die Schwierigkeit entgegen, dass es der Maler, welche ganz befriedigende Kopien zu liefern vermögen, nicht eben viele gibt; indessen sollte man in dieser Hinsicht zwar strenge Anforderungen machen, jedoch auch nicht allzu wählerisch sein; selbst in Reproduktionen, welche diesen oder jenen Mangel zeigen, bleibt doch ein Teil der Vorzüge des Originals übrig, und ihre Beschauung wird dem Freunde des Schönen noch immer einen hohen Genuss gewähren, wie man selbst eine mangelhafte Uebersetzung Shakespeares noch mit Freude liest.

Das Thörichte des bei manchen Galerien waltenden Grundsatzes, Kopien auszuschliessen, muss Jedem klar werden, wenn er erwägt, dass zahllose, in ihnen oft schon seit Jahrhunderten unter der Bezeichnung von Originalwerken prangende, Bilder doch nichts als Kopien sind. Als die wertvollsten unter letzteren muss man noch diejenigen betrachten, welche in den Werkstätten der Meister gefertigt und vielleicht auch unter deren Namen verkauft wurden, obgleich klar ist, dass sie keinen Pinselstrich von ihrer Hand erhalten haben und sich durchaus als Arbeiten ihrer Schüler kundgeben. So existiren von Rafaels Fornarina, von Tizians Danae und seinem Bildnisse Philipps des Zweiten, zahlreiche Exemplare von höchst ungleichem Werte, unter denen