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doch wohl nur eines als echt gelten kann, wiewohl die Besitzer eines jeden auf Tod und Leben für die Echtheit des ihrigen streiten. Nun gibt es aber noch Wiederholungen von berühmten alten Bildern, die erst aus späterer Zeit herrühren, zum Teil eine recht ungeschickte Hand verraten, für die aber auch noch der Anspruch auf Originalität erhoben wird. So steht von der „Grablegung“ im Palast Manfrini, die lange für ein Werk Tizians gegolten, jetzt wohl fest, dass sie nur eine schwache Nachbildung der herrlichen „Grablegung“ in Paris ist; dennoch soll sie kürzlich für einen sehr hohen Preis nach England verkauft worden sein, während der bethörte Käufer, wenn er einen halbwegs befähigten Maler in das Louvre geschickt hätte, für den zehnten Teil des gezahlten Preises etwas weit Besseres erworben haben würde. Ein ähnlicher Fall ist es mit der „heiligen Cäcilie“ in München: kein Einsichtiger denkt bei ihr an Rafael; und doch ward für sie eine grosse Summe gezahlt. Wenn nun, wie gesagt, die meisten Museen von Kopien wimmeln, die oft vor den modernen nur das Alter voraus haben, ihnen aber nicht selten an Wert nachstehen, ist es da nicht widersinnig, die letzteren fernhalten zu wollen?

Wie unschätzbar sind Kopien aber nicht erst in den Fällen, wo die Originale zu Grunde gegangen sind! Der Zeus von Otricoli steht in der vordersten Reihe der antiken Bildwerke, weil er uns die Züge von Phidias’ olympischem Zeus aufbewahrt, und der Fund der kleinen Pallas-Statuette an der Akropolis hat der ganzen gebildeten Welt eine freudige Ueberraschung gebracht, insofern sie nun in ihr ein Abbild jener berühmten Bildsäule zu besitzen glaubt, welche einst vom Parthenon hoch über Athen emporragte. Schon die unvollkommene in die Weise der Bolognesen übertragene Wiederholung, welche jetzt in der Kirche San Giovanni e Paolo zu Venedig den durch den Brand von 1867 vernichteten Petrus Martyr des Tizian ersetzen muss, ist von hervorragendster Wichtigkeit; hätte aber ein Kunstfreund vor jener unseligen Katastrophe denselben von einem guten Maler kopiren lassen, er hätte jetzt einen fürstlichen Besitz. Ein ähnlicher Fall findet statt in Bezug auf die Madonna di Loretto; dasjenige Bild im Louvre, das früher mit diesem Namen prahlte, gilt längst nicht nur für unecht, sondern auch für eine geringe Schülerarbeit: nun jedoch sind neuerdings in Florenz und in der Schweiz zwei alte achtbare Kopien dieses verloren gegangenen Rafael aufgetaucht, auf welche ihre Besitzer, wenn sie dieselben auch irrtümlich für Originale halten, mit Recht stolz sind, und deren sie sich, selbst nicht um grosse Summen, haben entäussern wollen.

Hier liegt denn die weitere Erwägung nahe, von wie ungemeiner Wichtigkeit und Bedeutung Kopien insofern sind, als sie die durch die Alles vernichtende Zeit dem Untergange verfallenden Gemälde im Wesentlichen ihres Geistes, ihrer Umrisse und ihrer Farben, der späteren Zeit retten. Unglaublich ist es, wie viele Werke der grossen Italiener schon von der Erde verschwunden sind. Der Brand des Lustschlosses Pardo bei Madrid, das so viele Hauptbilder Tizians in seinen Räumen barg, der des Dogenpalastes in Venedig, wobei des letzteren „Schlacht von Cadore“ von den Flammen verzehrt ward, haben grösseres Unheil gestiftet, als manche Erdbeben, die ganze Städte verschlangen. Aber auch abgesehen von dergleichen Unglücksfällen, die sich wiederholen können, werden, wie man mit Sicherheit voraus berechnen kann, alle Werke der alten Malerei im Laufe der Jahrhunderte untergehen. Schon jetzt, wenn wir die verschiedenen Museen durchwandern, gewahren wir mit Wehmut, wie viele Stadien auf diesem Wege die meisten von ihnen bereits zurückgelegt haben; noch mehr aber ist solches in den Kirchen Italiens der Fall, wo der Prozess der Zerstörung durch die Sorglosigkeit der Aufseher, den Kerzendampf und die Feuchtigkeit des Lokals an den Altarbildern von Jahr zu Jahr reissendere Fortschritte macht. Diese Zerstörung kann durch Sorgfalt und bessere Aufbewahrung gehemmt und verlangsamt, aber wegen der Vergänglichkeit des Materials nicht völlig ferngehalten werden. Noch sind seit der Blütezeit der italienischen Kunst kaum mehr als drei Jahrhunderte vergangen, und doch ist vielleicht die Hälfte ihrer Denkmäler schon vernichtet, während andere sich in kläglichem Zustande befinden. Was wird von ihnen übrig sein, wenn ein Jahrtausend über sie hinweggegangen?

Zu dem Verderben durch äussere Umstände gesellt sich noch das nicht minder unheilvolle durch ungeschickte Restauratoren. Es gibt an verschiedenen Orten solche Leute, welche, um sich ihrer Besoldungen würdig zu zeigen, von Zeit zu Zeit rücksichtslos bald dieses, bald jenes Gemälde vornehmen und oft fast unkenntlich machen – nur Unkundige kann der Glanz der neu aufgetragenen Farbe blenden. – Bei dieser allgemeinen Verheerung vermögen nur allein Kopien die Originale in ihren wesentlichen Zügen für die Nachwelt zu retten. Auch diese Kopien werden nicht ewig währen; aber sie haben zum mindesten die Aussicht, um so länger zu dauern, als sie später gefertigt sind. Mögen sie dann von neuem, und immer von neuem wieder kopirt werden, damit die grossen Werke eines Rafael, eines Michel Angelo und Tizian auf der Erde nicht untergehen, die ohne sie eine Wüste sein würde! – Nach dem Gesagten wird man mir recht geben, wenn ich das Beginnen, umfangreiche Sammlungen von tüchtigen Nachbildungen der Hauptgemälde der Welt anzulegen, als ein hochwichtiges, für unsere Zeit gebieterisch angezeigtes ansehe. Derjenige Fürst, der dasselbe erfolgreich in die Hand nähme, würde nicht nur seinem Volke eine unerschöpfliche Quelle des Genusses und der Bildung erschliessen, sondern auch der ganzen Menschheit, für weite Zukunft hinaus, einen unberechenbaren Dienst erweisen.