Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/61

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Einen so weitgehenden Plan zu fassen, verhinderte mich die natürliche Begrenztheit meiner Mittel. Doch schon der Gedanke, eine Auswahl solcher Gemälde, welche ich zu den vorzüglichsten Blüten der alten Kunst zähle, in guten Nachbildungen, zu meiner und Anderer Freude, um mich zu versammeln, schien mir ein verlockender und fruchtbringender. Ein glücklicher Zufall ermöglichte es mir, bald die ersten Schritte zur Ausführung meines Vorhabens zu thun. Ich sah in der Pinakothek zu München eine eben vollendete Kopie jenes reizenden Bildes von Rubens, auf dem die zweite Frau dieses Meisters ihr nacktes, mit einem Federhute geschmücktes Söhnchen auf dem Schosse hält.

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Man konnte hier kaum noch von einer Kopie reden: das Original war in allen seinen Feinheiten so wundervoll reproduzirt, dass man es ein Faksimile nennen durfte. Beim ersten Anblicke gewann ich die Ueberzeugung, Derjenige, welchem diese Arbeit so unübertrefflich gelungen, sei für den von mir in Aussicht genommenen Zweck geeignet, wie schwerlich ein Anderer. Der damals, im Jahre 1863, noch sehr junge Franz Lenbach – denn ihm verdankte jene Neuschöpfung eines der schönsten Rubensschen Bilder ihre Entstehung – ging mit Freuden auf meinen Vorschlag, sich zunächst in der angedeuteten Absicht nach Italien zu begeben, ein. Ist doch dieses Land das Ziel der Sehnsucht für jeden Künstler! und unseren Lenbach, dessen Seele von früher Jugend an mit hoher Begeisterung für die alten Meister glühte, zog es vor Allen mit Gewalt dorthin. Vor seiner Abreise hielt ich vielfach Rücksprache über die zu unternehmenden Arbeiten mit ihm. Er hatte schon einmal, wenn auch nur flüchtig, die italienischen Städte bereist, und es traf sich günstig, dass mehrenteils seine höchste Bewunderung denselben Werken zugewendet war, die auch ich vor allen liebte. Am meisten war unser Augenmerk auf die grossen Venetianer gerichtet, denen nach langer Vernachlässigung in unserer Zeit mit Recht wieder die allgemeine Beachtung zu Teil wird. Mein nächster und lebhaftester Wunsch war, das Wunderbild des Tizian, das mit dem Namen Die irdische und himmlische Liebe bezeichnet wird, womöglich in so treuer Wiedergabe, wie der Künstler sie von „der Frau des Rubens“ geliefert, zu besitzen, und Lenbach begann denn, alsbald nach seiner Ankunft in Rom, die Arbeit in der Galerie Borghese, deren schönste Zierde trotz aller anderen Herrlichkeiten, die sie enthält, dieses Werk genannt werden muss. Wenige Monate später, als ich selbst nach Rom kam, fand ich die Kopie vollendet, und zwar in so überraschender Trefflichkeit, dass ich oft, während ich sie vor dem Originale stehen sah und mit dem letzteren verglich, meinte, man könnte sie mit diesem vertauschen, ohne dass es irgend Jemand merken würde. Ich halte das Gemälde selbst für einen Triumph der Kunst, wie sie nur wenige so glänzende gefeiert hat. Freilich ist es schwer zu sagen, was die beiden, an dem Brunnen einander gegenübersitzenden Frauen bedeuten sollen; der Name „irdische und himmlische Liebe“ ist offenbar ohne Sinn. Doch auch der von „Liebe und Sprödigkeit“, den Andere dafür substituiren, möchte nicht besser gewählt sein. Aber sei es nun eine Allegorie oder, wie ich oft gedacht habe, eine Scene aus irgend einem romantischen Gedichte der Italiener, etwa aus Pulci, Bojardo oder Ariost – für Denjenigen, der sich unbefangen dem Genusse eines Kunstwerkes hinzugeben vermag, kommt nichts darauf an, es zu wissen. Die Zaubermacht der Schönheit unseres Gemäldes nimmt den Beschauer so gefangen, dass er gar nicht fragt, was es vorstellt, sondern, gefesselt und gebannt von der blossen Erscheinung, nichts weiter begehrt, als sich an dem himmlischen Anblicke zu laben. Die unbekleidete weibliche Gestalt ist wie eine Illustration von Petrarcas „Hienieden wollte die Natur uns zeigen, wie viel dort oben sie vermag.“ Man glaubt, sie sei nicht von dieser Welt, sie müsse zurückkehren in das Lichtreich, aus dem sie zur Erde herabgestiegen. Die Landschaft, in welcher sich Tizian, wie auch auf anderen Bildern, als der erste und grösste aller Landschaftsmaler zeigt, ist würdig, einer solchen Schönheit zum Aufenthalt zu dienen, und aus beiden strömt eine Ueberfülle der Reize auf uns herab, als trüge ein mächtiger Frühlingshauch auf einmal alle Blütendüfte Italiens zu uns heran. Mein Vorhaben, die grosse alte Kunst neben der modernen in meiner Galerie vertreten zu sehen, konnte nicht besser inaugurirt werden, als mit genannter Kopie; nach meiner Meinung muss ihr, wie überhaupt solchen Bildern, deren Wirkung wesentlich vom Kolorit bedingt ist, besonders hohe Wichtigkeit beigelegt werden, weil Zeichnungen oder andere farblose Nachbildungen derselben absolut keinen Begriff von ihrer Schönheit geben können. Ganz vorzugsweise, wenn auch nicht allein, ist dieser Gesichtspunkt auch bei meiner Auswahl anderer Gemälde massgebend gewesen. Lenbach wandte sich zunächst der dem Pordenone zugeschriebenen Herodias mit dem Haupte Johannes des Täufers, im Palaste Doria zu Rom, zu, einem Frauenantlitze von der ganzen