Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/63

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worden sein, wenn er eine der grossen Tonschöpfungen neuerer Zeit, eine von Bachs, Beethovens oder Mozarts Kompositionen, oder auch nur ein Lied von Schubert kennen gelernt hätte! Während wir zu der Malerei des 16. Jahrhunderts, als zu etwas Einzigem, vielleicht nie wieder zu Erreichendem aufstaunen, hat die Tonkunst seitdem einen Riesenflug genommen und vielleicht sich auf eine Höhe emporgeschwungen, zu welcher keine der anderen Künste hinanreicht. – Als interessant will ich hier erwähnen, dass eine ältere Ueberlieferung, welcher auch der Katalog des Palastes Pitti Rechnung trägt, behauptet, dieser Augustiner sei der junge Luther, und dass wirklich in den Gesichtszügen sich eine Aehnlichkeit mit denjenigen finden soll, die Porträts des Letzteren aus seiner früheren Zeit uns überliefert haben. Luther liebte, wie man weiss, sehr die Musik, und da er auf seiner Durchreise nach Rom in Venedig sich aufgehalten haben kann, so lässt sich jener Ueberlieferung nicht jedes Recht auf Glaubwürdigkeit absprechen. Thöricht dagegen ist es, wenn der junge Page auf dem Bilde als Katharina von Bora bezeichnet wird, die Luther verkleidet begleitet habe.

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Die eine der beiden Venus von Tizian in der Tribune der Uffizien hat mit Recht immer für das schönste der verschiedenen Gemälde gegolten, welche mit diesem Namen bezeichnet werden. Die zweite in demselben Lokale, sowie die beiden in Madrid, stehen ihr nicht völlig gleich, und diejenige in Dresden ist gar so gering, dass man sie nicht länger mehr einem solchen Meister zuschreiben sollte. Alle diese Bilder stellen übrigens offenbar gar nicht die Göttin der Liebe vor, sondern schöne Frauen ihrer Zeit, wie das auf dem unsrigen schon aus der, im Hintergrunde mit dem Auskramen von Wäsche beschäftigten Dienerin hervorgeht. Die herrliche Frau, die stolz darauf war, ihre völlig unverhüllte Schönheit durch den Pinsel eines Tizian verewigt zu sehen, ist die Herzogin von Urbino. Davon kann sich Jeder überzeugen, indem ein Porträt derselben, in vorgerückteren Jahren, von der nämlichen Hand gemalt, in den Uffizien zu sehen ist. Der keusche und reine Geist, in welchem der Künstler alle die göttlichen Formen dieses Weibes wiedergegeben und ihm die ganze Fülle des verlockendsten sinnlichen Reizes verliehen hat, während doch durch den hohen Adel der Auffassung es dem Beschauer unmöglich gemacht wird, einer niederen Regung auch nur für einen Augenblick Raum zu geben, kann nicht hoch genug gepriesen werden. Wenn viele moderne Kupferstiche schöner, völlig bekleideter Frauen durch die Lüsternheit, welche den Grabstichel des Künstlers geleitet hat, mit Recht Anstoss erregen, so kann man den reinsten Jüngling vor diese Herzogin von Urbino wie vor eine Statue der Venus Urania führen.

Ausser den genannten kopirte Lenbach in durchgängig gleicher Vollendung noch folgende Bilder für mich: ein kleines Mädchen mit einem Hunde neben ihr, damals im Palaste Strozzi zu Florenz, jetzt in das Museum zu Berlin übergegangen. Die Urheberschaft Tizians scheint zweiffellos zu sein, da Dokumente darüber vorhanden sind; in seiner ganzen Grösse zeigt er sich hier freilich nicht; jedenfalls aber muss man das Bild ein anmutiges und liebenswürdiges nennen. Ich würde dasselbe wohl nicht gerade ausgewählt haben; aber bisweilen war es nicht möglich, sogleich die Erlaubnis zum Kopiren solcher Werke zu erlangen, auf die mein Trachten besonders gerichtet war, und inzwischen musste die Zeit mit anderen kleineren Arbeiten ausgefüllt werden. – Als ganz vorzüglich erscheinen mir dagegen zwei Porträts von Rubens, deren eines Elisabeth Brandt, die erste Frau des Künstlers, das andere diesen selbst vorstellt. Er steht hier vor uns in jugendlichen Jahren, eine überaus noble Erscheinung von ritterlicher Haltung, gewinnenden freundlichen Zügen und mit dem Ausdruck hoher Intelligenz, gerade so, wie wir uns den seltenen Mann denken, der die ganze Bildung seiner Zeit in sich vereinigte und, während er die Welt mit Werken der Malerei ohne Mass und Zahl erfüllte, doch noch zu den edelsten humanistischen Studien Musse behielt, und von den Fürsten als Staatsmann und Diplomat gesucht wurde. Manche sind gegen Rubens eingenommen und können die hohe Bewunderung nicht fassen, die ihm mit Recht gezollt wird; es ist das Unglück, dass ihm so viele, völlig unächte Bilder zugeschrieben werden, und dass andere, an denen er vielleicht einigen Anteil haben mag, von seinen Schülern höchst nachlässig ausgeführt