Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/76

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

diese Personen waren nicht nur Zeitgenossen des Tizian, sondern standen zu ihm in näherem freundschaftlichen Verkehr. Andrea de Franceschi wurde im Jahre 1529 zum Kanzler der Republik ernannt, Lazaro Crasso, ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter und berühmter Redner, gehörte genau derselben Zeit an. Pietro Aretino (geb. 1492) wurde wegen seiner obscönen Gedichte und boshaften Satiren 1524 aus Rom vertrieben, ging zunächst nach Mailand und im Jahre 1528 nach Venedig, wo er (mit kurzen Unterbrechungen) bis zu seinem Tode (1556) blieb. Während seiner letzten 28 Lebensjahre stand er in fortwährendem Verkehr mit Tizian, der ihn fünfmal porträtirte und dessen Gemälde er über alles schätzte und mit übertriebenen Lobeserhebungen in seinen Gedichten zu verherrlichen suchte. Der berühmte Pietro Bembo ist im Jahre 1470 in Venedig geboren, studirte in Ferrara, ging 1506 nach Urbino, 1512 nach Rom, wo er Sekretär bei Leo X. wurde. Nach Leos Tode ging er nach Padua, wurde 1529 Historiograph der Republik Venedig und Bibliothekar an der Markusbibliothek. 1539 rief ihn Paul III. nach Rom und machte ihn bald darauf zum Kardinal. Da nun der Priester im Gewande von der Farbe der Kardinäle allerdings einige Aehnlichkeit mit den Porträts des P. Bembo hat, dieser aber erst 1539 Kardinal geworden ist, so ist Zanotto der Ansicht, dass das Gemälde von Mariens erstem Tempelgang nicht vor 1539 gemalt sein kann. Auch Vasari und Zanetti setzen dies Werk in die Zeit der künstlerischen Reife des Tizian, wogegen Ticozzi ohne triftigen Grund es zu den Jugendarbeiten desselben zählt und es im Jahre 1500 geschaffen glaubt. Er stützt sich hiebei auf ein Wort des Ridolfi, welcher glaubt, dass es zu den ‚früheren‘ Arbeiten desselben gehöre, bei diesem Ausdruck aber wohl nur an die lange Reihe von späteren, bis zum Jahre 1576 geschaffenen Arbeiten gedacht hat.

Das angebliche Porträt des Pietro Aretino, von welchem Ridolfi meint, das Stäbchen in seiner Hand bedeute die Rute, mit der er in seinen Satiren die Fürsten gegeisselt habe, hat sehr wenig Aehnlichkeit mit den verschiedenen anderen Porträts dieses Dichters, von denen mir vier bekannt sind und von denen das anerkannt beste sich im Palast Pitti zu Florenz befindet. Allein es ist dennoch nicht unmöglich, dass es diesen berüchtigten Schriftsteller darstellen soll, denn seine bekannten Porträts in Paris, Dresden, England, München[1]) und besonders das in Florenz sind entschieden weit später gemalt, sie stellen einen viel älteren Mann mit starkem schwarzem Bart vor, während der hier Porträtirte weit jünger ist. Ich besitze vier Abbildungen von dem Gemälde ‚Mariens Tempelgang‛, von denen nur die älteste (ein Kupferstich) den Aretino mit der Rute, die anderen drei ihn ohne Rute enthalten; da selbige auf dem Original auch nicht mehr zu sehen ist, wird sie wahrscheinlich bei einer späteren Restaurirung übermalt sein. – Da nun von Allen, die über dies Bild geschrieben haben, fast einstimmig behauptet wird, dass die oben erwähnten beiden Nobili die Porträts des Andrea de Franceschi und des Lazaro Crasso sind, dergleichen Angaben aber selten ohne weiteres erfunden werden, da ferner schon zu Tizians Lebzeiten von dem Anonimo und bald darauf von Vasari bezeugt wurde, dass er in diesem Gemälde hervorragende, ihm befreundete Personen porträtirt habe, so kann man mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass dies Gemälde nicht vor dem Jahre 1529 geschaffen sein kann. – Allein auch aus dem künstlerischen Gehalt ist dies zu folgern. Denn zunächst ist die alte Frau mit den Hühnern und Eiern, welche im Vordergrunde an der Treppe sitzt, das Wunder selber nicht wahrnehmen kann, wohl aber die Menschenmenge erstaunt ansieht, als fragte sie, was dies Alles zu bedeuten habe, nicht nur vollendet lebenswahr, sondern auch so frei und markig gemalt, wie Tizian in früherer Zeit dies nicht vermochte. Mit richtiger Ueberlegung gab er gerade dieser Alten so kräftige, leuchtende Farben, dass hiedurch die einförmige Mauerfläche der Treppe hinter ihr wohlthuend unterbrochen und zugleich die Gegenstände über derselben zurückgedrängt werden.

Dann aber zeigt die ganze Komposition uns den Künstler in seiner vollendeten Reife, sowohl in Betreff der Anordnung der zahlreichen Gestalten zu einem höchsten Zweck, als auch in Betreff ihrer feierlichen Haltung bei zugleich doch unbefangener, natürlicher Bewegung; in Betreff ihrer feinen Charakteristik, der Drapirung ihrer Gewänder, der Wahl und des Reichtums ihres Kostüms, welches er mehrfach, namentlich den Porträtfiguren, aus damaliger Zeit und aus seinem venezianischen Vaterlande entnommen hat, um den dargestellten Gegenstand dem Bewusstsein seiner Mitbürger näher zu bringen. Ganz besonderes Lob verdienen ferner der landschaftliche Teil des Bildes, sowie die Architekturen in demselben. Freilich ist die eigentliche Landschaft durch ungeschickte Restaurirung arg verunglimpft, namentlich die Luft, welche in den ältesten Beschreibungen als ein Wunderwerk der Naturwahrheit geschildert wird, allein die Fernsicht mit ihren Bergen, Hügeln, Bäumen und Büschen ist so schwungvoll komponiert und gezeichnet, so warm und saftig gefärbt, dass schon dieser Teil allein ein wahres Meisterwerk ist. Die Linienperspektive und in höherem Masse die Luftperspektive sind hier und mehr noch in den Architekturen vollendet richtig. Das Zurücktreten der Gebäude und ihrer einzelnen Teile gegen einander ist so klar und schlagend, dass man die Luftschicht zwischen denselben zu sehen glaubt, und das ist durch einfach richtiges Abtönen der Farbe, ohne irgend welche scharfe Schatten erreicht. Allein auch die Komposition der Architekturen, welche Tizian seinem Lande und seiner Zeit (aus gleichem Grund wie die Kostüme) angepasst hat, zeigt einen Künstler, welcher in diesem Fache gründliche Kenntnisse besass. Diese letzteren verdankte er besonders dem Jacopo Tatti, genannt Sansovino, einem ehrenwerten, hoch verdienten Manne, seinem intimsten Freunde und Gevatter. Derselbe kam im Jahre 1528 nach Venedig, wurde 1529 als Architekt von San Marco angestellt und blieb bis zu seinem Tode (1570) ununterbrochen im innigsten Freundschaftsverkehr mit Tizian. Auch hieraus dürfte man folgern, dass dies Gemälde erst nach 1529 entstanden sein kann. – Unter den zahlreichen, mir bekannten Gemälden Tizians wüsste ich keins, welches eine so feine, harmonische Abstimmung der Farben hat, wie dieses. In Betreff der Farbenglut und in Betreff der Feinheit und Lebensfrische der Karnation gibt es mehrere gleich gute Werke dieses Meisters, allein auch in dieser Beziehung gehört es zu den schönsten Gemälden, welche überhaupt jemals geschaffen sind.“

Von kleineren Bildern Tizians kopirte Wolf noch das in der Akademie zu Venedig befindliche Porträt des Jacopo Soranzo, das durch unglückliche Restauration wohl etwas verdorben ist, und das des Antonio Capello ebendaselbst, welches, wenn es von dem grossen Meister herrührt, nicht zu seinen interessantesten Bildnissen gehört. Mehr Freude machte mir die allegorische Figur der Geschichte, ebenso wegen ihrer besonderen Schönheit als auch deshalb, weil ich darin etwas besitze, was sonst nirgendwo zu sehen ist. In Venedig nämlich nimmt dieses Gemälde Tizians einen so dunkeln Platz an der Decke der Markusbibliothek ein, dass selbst das schärfste Auge es schwer erkennen kann; auch hätte es nicht kopirt werden können, wenn es nicht behufs einer Ausbesserung der Decke heruntergenommen gewesen wäre; eine Gelegenheit welche Wolf sogleich benutzte. – In Florenz war, obgleich er sich dahin begab, um seinen Fleiss vorzugsweise den Arbeiten florentinischer Meister zu widmen, doch wieder die sog. Flora Tizians von solcher Anziehungskraft für ihn, dass er nicht unterlassen mochte,

  1. Ich muss hierzu bemerken, dass man nicht in allen diesen Gemälden Bildnisse des berühmten Satirikers sehen muss. Aretino heisst ja nur: aus Arezzo gebürtig, und so gibt es verschiedene Aretiner.