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Die Kettenschleppschiffahrt.

H. G. Das System der Schleppschiffahrt, welches wir unsern Lesern hier kurz schildern wollen, hat den Zweck, eine raschere und pünktlichere, dabei aber zugleich auch billigere Beförderung von Gütern auf Flüssen und Strömen zu ermöglichen als die bisherige. Für die Fahrt stromabwärts gibt allerdings der Strom selbst die bewegende Kraft, und wenn der Wasserstand einigermaßen günstig ist, so kann der Schiffer die Fahrzeit ziemlich genau im voraus bestimmen und seine Fracht zur festgesetzten Zeit abliefern. Für Güter, die keine außerordentlich rasche Beförderung verlangen, ist daher der Transport zu Wasser stromabwärts nicht bloß die billigste, sondern auch eine im allgemeinen hinlänglich zuverlässige und pünktliche Beförderungsweise. Anders bei der Bergfahrt. Bisweilen steht allerdings dem Schiffer ein günstiger Segelwind zur Verfügung, der namentlich unbeladene Fahrzeuge auch stromaufwärts rasch vorwärts bringt; ist aber das Flußthal eng und vielfach gewunden, so ist auch der Segelwind selten, wenigstens läßt er sich selten auf längere Strecken benutzen. Wenn es dann nicht genügt, das Fahrzeug mit Staken vorwärts zu schieben, so läßt man dasselbe gewöhnlich an einer langen Leine ziehen, entweder durch Menschen, an der Elbe Bomätscher genannt, oder durch Zugthiere. Hat das Flußufer, wie dies bei der Elbe in Sachsen der Fall ist, einen Leinpfad, so ist dies Verfahren verhältnißmäßig bequem, aber immer kostspielig, denn es wird nur ein Theil der thätigen Zugkraft auf die Fortbewegung des Schiffs verwandt, weil ja die Leine nicht in der Richtung des Fahrwassers gespannt ist, sondern bald einen größern, bald einen kleinern Winkel damit bildet. Wenn kein regelmäßiger Leinpfad vorhanden ist, dann hilft sich der Schiffer oft dadurch, daß er einen Anker an einer langen Leine seinem Fahrzeuge vorausfahren und auswerfen läßt und hieraus vom Schiff aus die Leine aufwindet.

Dieses ziemlich umständliche Verfahren, welches man auf der Unterelbe vielfach beobachten kann, ist im Princip der Kettenschleppschiffahrt nahe verwandt, ja dieses letztere System ist eigentlich aus jenem ältern hervorgegangen. Denken wir uns die Leine, welche immer von neuem oberhalb des Fahrzeugs befestigt werden muß, ersetzt durch eine Kette, die im Flußbett, auf der ganzen vom Schiff zu befahrenden Strecke, versenkt und an beiden Enden gut verankert ist, nehmen wir dann an, es gehe diese Kette am Vordertheil des Schiffs in die Höhe, sei dann mehrfach um ein Paar aus dem Schiff angebrachte Trommeln gewunden und laufe am Hintertheil des Schiffs wieder ins Wasser, so haben wir die wesentliche Anordnung der Kettenschleppschiffahrt. Die in das Wasser versenkte Kette findet am Boden so viel Reibung, daß sie einen Zug in ganz bestimmter Richtung ausübt; hat dieselbe nun aus den beiden Trommeln, um welche sie gewickelt ist, so viel Reibung, daß sie nicht gleitet, und werden diese Trommeln in Umdrehung versetzt, so ist klar, daß das Schiff vorwärts gezogen wird. Zur Drehung der Trommeln wendet man eine aus dem Schiff aufgestellte Dampfmaschine an. An den Kettenschleppdampfer, der mit keinen weitern Bewegungsmechanismen wie Schaufelräder und Schraube versehen ist, wird dann eine größere oder geringere Zahl von Lastkähnen angehängt.

Die Kettenschleppschiffahrt hat ihre heutige Ausbildung in Frankreich erhalten. In Deutschland kommt der Vereinigten Hamburg-Magdeburger Dampfschiffahrtscompagnie das Verdienst zu, zuerst dieses System in Anwendung gebracht zu haben, und zwar auf der 3/4 Meilen[WS 1] langen Strecke von Neustadt-Magdeburg bis Buckau. Im Sommer 1866 wurde hier eine Kette ins Flußbett gelegt, und seit dem 15. August 1866 ist ein Kettendampfer von 60 Pferdekraft damit beschäftigt, stromauf- und stromabwärts leere und beladene Kähne zu schleppen. Nachdem die ersten Bedenken überwunden waren, wurde der Kettendampfer gern von Schiffern benutzt; während vom 15. August bis Ende 1866; im ganzen 374 Fahrzeuge bugsirt wurden, betrug deren Anzahl 1867 schon 2716 und 1868 sogar 3076. Die trefflichen Resultate, welche man aus der kleinen Strecke bei Magdeburg erzielte, veranlaßten die Hamburg-Magdeburger Dampfschiffahrtscompagnie, bei der preußischen Regierung um die Concession zur Errichtung

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist hier die preußische Meile (~7,5 km)
Empfohlene Zitierweise:
H. G.: Die Kettenschleppschiffahrt. J. J. Weber, Leipzig 1870, Seite 79. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Kettenschleppschiffahrt_Illustrirte_Zeitung.pdf/2&oldid=- (Version vom 1.10.2017)