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wodurch ein bedeutender Theil der aufgewandten Kraft für die Bewegung des Schiffs verloren geht, wirkt beim Kettendampfer die Kraft auf einen festen Körper, die Kette, und zieht an dieser das Schiff vorwärts. So erklärt sich die außerordentlich große Zugkraft der Kettendampfer und ihre Zähigkeit, mit schweren Güterzügen Hindernisse zu überwinden, denen Remorquere[WS 1] mit weit kräftigern Maschinen nicht gewachsen sind. Ein schlagendes Beispiel dieser Art wurde bei dem letzten Hochwasser der Elbe im December vorigen Jahres in Dresden beobachtet. Da vermochte der Raddampfer Cladno, dessen Maschine 200 Pferdekraft hat, mit zwei Schleppkähnen der starken Strömung wegen nicht die alte Brücke zu passiren, während ein Kettendampfer von 60 Pferdekraft mit einem Zuge von vier Kähnen ungehindert durch beide Brücken ging. Im Durchschnitt rechnet man, daß ein solcher Kettendampfer, wie sie auf der Oberelbe gehen, einen Lastzug mit etwa 50,000 Ctr. Ladung mit einer stündlichen Geschwindigkeit von 4/5 Meilen zu schleppen vermag. Dabei ist der Kohlenverbrauch ein weit geringerer als bei einem Remorqueur, eben weil letzterer eine viel stärkere Maschine haben muß. Auch braucht der Toueur weniger Mannschaft als der Remorqueur. Bedienen sich die Schiffer zum Stromaufwärtsziehen ihrer Fahrzeuge regelmäßig des Kettendampfers, so können Masten und Takelage ganz in Wegfall kommen, die Schiffe können dann stärker beladen und zugleich kann die Schiffsmannschaft vermindert werden. Durch alle diese Umstände werden die Frachtspesen verringert. Ferner kommt auch der starke Wellenschlag der Schaufeldampfer, der den Ufern von Flüssen und Kanälen so gefährlich ist, bei der Kettenschiffahrt in Wegfall, und endlich wird es dieser, abgesehen von der raschern Beförderung der Güter, bei leidlichem Wasserstande möglich, genaue Lieferungsfristen innezuhalten.

Auch den Eisenbahnen gegenüber ist die Kettenschiffahrt mehrfach im Vortheil. Ihre Anlage- und Unterhaltungskosten sind bedeutend geringer: namentlich kommt aber der Umstand in Betracht, daß der Kettendampfer bedeutend weniger todtes Gewicht zu schleppen hat als die Locomotive. Zum Transport von 8000 Ctr. Steinkohle z. B. würde man auf der Eisenbahn 40 Waggons von je 84 Ctr. Gewicht brauchen, während bei der Kettenschiffahrt zwei Kähne von je 600 Ctr. Gewicht ausreichen. Dabei kosten zwei solche Waggons ungefähr ebenso viel als ein Schleppkahn von 4000 Ctr. Tragkraft.

Neuerdings hat man auch statt der Kette ein Drahtseil in Anwendung gebracht, und es sind im Juni vorigen Jahres auf der Maas zwischen Lüttich und Namur in Gegenwart von Sachverständigen aus den verschiedensten Ländern sehr gut gelungene Versuche mir diesem System angestellt worden. Statt der Trommeln, an dehnen das Drahtseil nicht genug Reibung finden würde, wendet man hier eine Klappentrommel an, wie sie zuerst Fowler bei seinen Dampfpflügen benutzt hat. d. h. eine Scheibe, an deren Umfang klappenähnliche Gelenke angebracht sind, welche das Drahtseil zwischen sich aufnehmen und klemmen, sodaß das Gleiten verhütet wird, ohne die Fortbewegung zu hemmen. Ein solches Drahtseil ist bedeutend billiger als eine Kette, bei Anwendung desselben fallen die Erschütterungen weg, welche das Auf- und Abwinden der Kette auf den Rollen verursacht, auch ist das Drahtseil weniger leicht Brüchen ausgesetzt als eine Kette.

Die Schleppschiffahrt auf versenkter Kette ist auch auf dem Kanal von Charleroi in Belgien, auf dem Kanal von Beveland in Holland und auf dem Kanal von Terneuzen, welcher Gent mit der Schelde verbindet, in Thätigkeit. Auf dem Rhein soll sie in der Stromschnelle bei Bingen ins Leben treten, und am 9. December vorigen Jahres sind dort in Gegenwart vieler Fachmänner Versuche angestellt worden. Wegen Bruches eines Transmissionsrades ist aber die Eröffnung noch auf nächstes Frühjahr verschoben worden.

Man darf wohl erwarten, daß die Kettenschiffahrt der in Deutschland etwas vernachlässigten Flußschiffahrt einen neuen Aufschwung geben wird. Zu einer segensreichen Entfaltung ist aber nicht nur eine bessere Pflege und Regulirung der natürlichen Wasserläufe, sondern auch die Schöpfung künstlicher Wasserstraßen, eines ausgebreiteten Kanalsystems nothwendig. das unserm Vaterlande noch fast ganz fehlt.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Remorquer ist die französische Bezeichnung für einen Radschleppdampfer.
Empfohlene Zitierweise:
H. G.: Die Kettenschleppschiffahrt. J. J. Weber, Leipzig 1870, Seite 81. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Kettenschleppschiffahrt_Illustrirte_Zeitung.pdf/4&oldid=- (Version vom 2.12.2018)