Seite:Die Totenstadt.pdf/12

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andere mußte er nachfolgen lassen: den Inhalt der ganzen Speisekammer, Würste, Schinken und alles, was mit Fleisch zusammenhing. Mochten die geräucherten Sachen auch noch gut sein, er hätte jetzt doch keinen Bissen Fleisch mehr über die Lippen bringen können.

So blieb für heute sein Abendbrot auf Kaffee und trockenes, sehr trockenes Brot beschränkt, nachdem er vergebens nach Butter gesucht hatte – er fand nur ein flüssiges, auch sehr ranzig riechendes Fett.

Der Regen milderte die Hitze nicht; Richard konnte die ganze Nacht ihretwegen kaum schlafen, und dazu belästigten ihn noch einige Mücken – im Januar. Doch nein, durch die Drehung der Erdachse befand er sich jetzt ja schon im August.

Am nächsten Tage regnete es auch noch, am dritten ebenfalls, und so schien es fortgehen zu wollen. Der Fluß war ausgetreten, die ganze Umgegend bildete einen See, und schon hatte das Wasser einen Weg ins Haus gefunden.

Bald wußte Richard nicht mehr, was er essen solle, obgleich das einsame Mühlenhaus überreichlich mit Vorräten aller Art versehen war. Die Fleischsachen waren verdorben, das Mehl schmeckte bereits modrig, Kartoffeln, Zwiebeln, Linsen, Erbsen und alle andere Pflanzenkost blühte und keimte lustig.

Wie kam das? In jenen Zonen des Aequatorialregens kann man doch Erbsen und Bohnen lange Zeit aufbewahren! Ja, aber diese Hülsenfrüchte sind auch dort gewachsen, sie haben einen ganz anderen, durch keinen Winter zurückgehaltenen Lebenskeim in sich, sie widerstehen der feuchten Wärme.

Zum Glück fand Richard einige Büchsen mit Konserven, doch – er mußte sie roh essen, wollte er nicht Hungers sterben. Kein Streichholz zündete mehr, und obgleich er einen Feuerbohrer konstruierte, fand sich doch kein trockenes Holz, alles war feucht, schimmelte und moderte, es war also unmöglich, ein Feuer zu entzünden, das zum Kochen der Speisen hätte dienen können.

Richard wußte nicht, wie lange er so gefangen gewesen

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Robert Kraft: Die Totenstadt. H. G. Münchmeyer, Dresden (1901), Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Totenstadt.pdf/12&oldid=- (Version vom 31.7.2018)