Seite:Die Totenstadt.pdf/19

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Bisher hatte ihn immer die Erinnerung an die verwesenden Leichen von einem Stadtbesuche abgehalten.

Kleiderschränke und Kommoden enthielten noch brauchbare Sachen genug. Er machte also Toilette, wenn auch nicht gerade für eine Gesellschaft, Schnitt sich vor dem Spiegel, der ihm ein schwarzbraunes Gesicht mit Mosquitobeulen zeigte, das lange Haar ab, bewaffnete sich mit Axt, Messer, Bogen und Pfeilen, nahm zur Fürsorge auch den Feuerbohrer mit und war reisefertig.

Bis zur Stadt hatte er, seiner Meinung nach, nur eine Stunde zu marschieren. Erinnerte er sich doch, obwohl er wußte, daß die nähere Umgebung des Mühlenhofes, aus der er sich bei seinen Jagden niemals entfernt, sehr verwildert war, noch deutlich der allerdings bereits mit hohem Grase bedeckten Landstraße, die er ja bei seinem Marsche benutzen konnte.

Allein jetzt war auch nicht mehr eine Spur von der ehemaligen Landstraße zu entdecken. Die ganze Gegend war eine Savanne von über mannshohem Grase geworden, durch welches Richard sich förmlich durchbrechen mußte; dazwischen wuchs undurchdringbares Gestrüpp, das hier früher auf dem freien Felde noch nicht vorhanden gewesen sein konnte.

Hätte sich Richard nicht nach der Sonne zu orientieren verstanden, er würde die Stadt überhaupt nicht wiedergefunden haben. Später tauchte die Spitze des Kirchturmes auf und diente ihm zur Richtschnur.

Endlich kam er zwischen die Häuser. Das Pflaster der Straße war natürlich ein schlechter Boden für Vegetation, aber grün überzogen war alles, und zwischen den Fugen der Steine schossen schon schlanke Halme empor. Ebenso hatten sich die Häusermauern mit Grün bedeckt, wo sich nur die kleinste Fuge befand, da trieb und knospete es, und wie diese kleinen Wurzelchen das feste Steinpflaster dereinst in Humuserde verwandeln mußten, so würden sie auch bald die Häuser auseinandertreiben und die ganze Stadt in Ruinen legen. Es war eine vergessene, unter Pflanzen begrabene Stadt,

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Robert Kraft: Die Totenstadt. H. G. Münchmeyer, Dresden (1901), Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Totenstadt.pdf/19&oldid=- (Version vom 31.7.2018)